Sie hatte den Ruf, auf erstaunliche Weise über Dinge Bescheid zu wissen, die andere lieber verborgen gehalten hätten. Lena gegenüber war Paula stets freundlich gewesen, fast mütterlich verständnisvoll, denn auch sie hatte einmal erlebt, wie es war, hintergangen zu werden.
„Paula, hallo. Sag mal, bei Sebastian gibt es doch seit Kurzem diese neue Juristin, Luisa. Weißt du zufällig, woran sie gerade arbeitet? Ich wollte Sebastian eine Freude machen und vielleicht etwas mit dem Ferienhaus hübsch regeln lassen. Deshalb taste ich mich ein bisschen vor.“
Am anderen Ende der Leitung blieb es für einige Sekunden still.
„Lena, fragst du das wirklich, oder spielst du mir etwas vor?“, erwiderte Paula schließlich, und ihre Stimme klang plötzlich deutlich ernster. „Diese Luisa ist brandgefährlich. Offiziell läuft sie bei uns als Beraterin, aber in Wahrheit hat sie etwas mit deinem Sebastian. Ich dachte, du wüsstest das längst. Die beiden hängen seit ungefähr einem Monat zusammen. Und ja, sie bereitet Unterlagen zu einer Immobilie vor. Ich habe zufällig mitbekommen, wie sie über euer Ferienhaus gesprochen haben. Irgendeine lächerlich niedrige Bewertung, dann eine Umschreibung auf eine gewisse Emma Möller. Das stinkt gewaltig, Lena. Sei vorsichtig.“
Lena spürte, wie ihr für einen Moment die Luft wegblieb. Sie brachte noch ein knappes Dankeschön heraus und beendete das Gespräch. Nun passte jedes einzelne Teilchen an seinen Platz. Man wollte sie loswerden. Ohne Ferienhaus, ohne Geld, gedemütigt und endgültig ausgeschaltet. Dafür hatten sie sogar Sebastians Geliebte als juristische Helferin eingespannt. Und Sabine Weiß, ihre Schwiegermutter, deckte das Ganze nicht nur, sondern gab offenbar noch ihren Segen dazu.
Gut. Wenn sie Krieg wollten, würden sie Krieg bekommen.
Am Morgen der Fahrt zum Ferienhaus zeigte Lena kein Gefühl. Ihr Gesicht blieb ruhig, beinahe unbeweglich, doch innerlich hatte sie jeden Schritt vorbereitet. Zuerst musste der Gegner glauben, er habe gewonnen. Also stand sie um fünf Uhr auf. Für Sebastian kochte sie starken Kaffee im kleinen Mokkakännchen, briet Eier mit Tomaten und schnitt frisches Brot auf. Für Sabine Weiß bereitete sie eine Kräutermischung in einer feinen Porzellankanne zu, die sie am Vortag eigens gekauft hatte, und stellte sie ihr mit fast übertriebener Höflichkeit hin.
„Sabine, ich habe mir Ihre Worte zu Herzen genommen“, sagte sie sanft. „Probieren Sie bitte. Ich war extra in der Apotheke. Die Frau dort meinte, diese Mischung sei besonders gut. Sie beruhigt und gibt gleichzeitig Kraft.“
Sabine starrte sie an, als hätte Lena plötzlich in einer fremden Sprache gesprochen. Sie hatte wohl mit schweigendem Trotz gerechnet, vielleicht mit einer gereizten Bemerkung, aber gewiss nicht mit solcher Unterwürfigkeit. Misstrauisch beugte sie sich über die Tasse und roch daran.
„Und woher kommt dieser plötzliche Sinneswandel?“
Lena senkte den Blick.
„Ich möchte einfach, dass in unserer Familie Frieden einkehrt. Mir ist klar geworden, dass ich keine besonders gute Ehefrau war. Ich will mich bessern.“
In diesem Augenblick betrat Sebastian die Küche, die Haare noch feucht vom Duschen. Er blieb kurz stehen und musterte sie überrascht.
„Na sieh mal einer an“, sagte er mit einem leisen Schnauben. „Vielleicht ist sie ja doch noch zur Vernunft gekommen.“
„Ja, das bin ich“, antwortete Lena ruhig und schob ihm den Teller hin. „Iss, solange es warm ist. Ich habe außerdem frische Bettwäsche eingepackt und eine Decke ins Auto gelegt, damit du bequemer sitzt. Beim letzten Mal hast du dich doch über den harten Sitz beschwert.“
Sebastian warf seiner Mutter einen schnellen Blick zu. In seinen Augen blitzte Erleichterung auf. Er glaubte, seine Frau sei gebrochen, habe ihren Platz begriffen und werde nun brav gehorchen. Auch Sabine entspannte sich sichtbar. Auf ihren Lippen erschien sogar ein gönnerhaftes Lächeln.
„Na also. Warum nicht gleich so? Vielleicht wird ja doch noch alles.“
Lena lächelte dankbar zurück. In Gedanken jedoch setzte sie ein Häkchen: Sie hatten angebissen. Sie glaubten an die Vorstellung. Jetzt brauchte sie Beweise, an denen niemand mehr rütteln konnte.
Während der gesamten Fahrt redete Sabine darüber, dass das Ferienhaus endlich wieder ordentliche Hände brauche. Der Zaun stehe schief, die Laube müsse gestrichen werden, die Beete seien vernachlässigt. Sebastian stimmte ihr immer wieder zu und betrachtete Lena zwischendurch prüfend über den Rückspiegel. Lena saß auf der Rückbank, sah hinaus auf die vorbeiziehenden Felder und schwieg. In ihrem Kopf ging sie bereits das Gespräch durch, das sie mit dem Nachbarn führen wollte.
Sie erinnerte sich gut an Ulrich Böhm vom Grundstück nebenan. Ein ehemaliger Ermittler, hatte er ihr einmal erzählt, als er ihr im vergangenen Jahr Äpfel über den Zaun gereicht hatte. Dreißig Jahre hatte er bei der Kriminalpolizei gearbeitet. Wenn jemand wusste, wie man in einer solchen Lage klug vorging, dann er.
Als der Wagen vor dem kleinen Ferienhaus zum Stehen kam, stieg Lena als Erste aus. Sebastian und seine Mutter machten sich am Kofferraum zu schaffen. Lena erklärte, sie wolle sich nach der Fahrt kurz die Beine vertreten, und ging direkt zum Nachbarzaun hinüber. Ulrich Böhm band gerade einen Johannisbeerstrauch fest.
„Guten Morgen!“, rief Lena ihm zu. „Ich habe Ihnen etwas zum Tee mitgebracht.“
Der alte Mann richtete sich auf, schob die Brille zurecht und lächelte.
„Frau Mayer, unsere Nachbarin. Das ist aber lange her. Wie geht es Ihnen?“
Lena trat näher an den Zaun und senkte die Stimme.
„Ehrlich gesagt nicht gut. Herr Böhm, dürfte ich Sie um einen Rat bitten? Ich stecke in ernsten Schwierigkeiten.“
