Lena Mayer stopfte die Gläser mit eingelegtem Gemüse so heftig in die Tasche, als wollte sie an ihnen ihre ganze Wut auslassen. Die Küche sah aus wie ein improvisierter Umschlagplatz: Auf dem Tisch türmten sich Einkaufstüten, daneben standen eine Thermoskanne und die kleine Reiseapotheke. Sebastian Lange lehnte am Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt, und betrachtete seine Frau mit einer Gereiztheit, die er kaum zu verbergen versuchte.
„Schon wieder diese Plackerei“, presste er hervor. „Andere fahren ans Meer, und ich soll wie ein Knecht Beete gießen und mich von Mücken auffressen lassen.“
Lena schwieg. Sie kannte das längst: Jede Fahrt zum Wochenendhaus empfand Sebastian, als habe man ihn persönlich beleidigt. Früher hatte sie versucht, sich zu erklären. Inzwischen sparte sie sich die Worte.
Da schwebte Sabine Weiß in die Küche. Ihre Schwiegermutter musterte die Tasche, verzog missbilligend den Mund und zog sofort ein Glas löslichen Kaffee heraus.
„Was soll denn das schon wieder? Dort draußen gibt es frische Luft und Natur, und du schleppst dieses Gift mit. Ich habe dir eine Kräutermischung eingepackt, mit Minze und Dost. Gut für den Teint und beruhigend für die Nerven. Sebastian, sag du ihr doch auch mal etwas.“

„Mama, lass sie“, brummte Sebastian. „Sie soll machen, was sie will.“
Doch Lena entging nicht, wie sein Blick zu dem Handy huschte, das auf der Fensterbank lag. Im nächsten Moment vibrierte es, das Display leuchtete auf. Sebastian griff abrupt danach und verschwand in den Flur, wobei er die Tür sorgfältig hinter sich zuzog.
Lena wurde hellhörig. Seit Wochen benahm sich ihr Mann seltsam: Er kam später nach Hause, versteckte sein Telefon, und am Vortag hatte sie zufällig in seiner Jackentasche die Quittung eines teuren Restaurants entdeckt, obwohl er behauptet hatte, er sei in einer Besprechung gewesen. Sie tat so, als würde sie die Tüten zurechtrücken, und näherte sich lautlos der Tür.
Durch das dünne Holz drang seine Stimme zu ihr — weich, zärtlich, beinahe schnurrend, völlig anders als der Ton, den er sonst anschlug.
„Luisa, ich vermisse dich. Am Wochenende komme ich. Das Haus gehört dann ganz uns, Mutter hilft mit. Die Unterlagen sind fast fertig, mach dir keine Sorgen. Wir lassen alles umschreiben. Und mit der da … das klären wir. Sie ahnt nicht einmal etwas.“
In Lena riss etwas ab. Sie wich von der Tür zurück und ging mit wackligen Knien zum Tisch. Ihr Herz hämmerte so laut, dass es ihr in den Ohren dröhnte. Eine Minute später kam Sebastian wieder herein, mit einem kleinen Lächeln im Mundwinkel.
„War die Arbeit“, sagte er beiläufig. „Probleme mit den Abrechnungen.“
„Verstehe“, antwortete Lena leise und begann, Handtücher zusammenzulegen, obwohl ihre Finger zitterten.
In dieser Nacht fand sie keinen Schlaf. Immer wieder kreisten die Fetzen des belauschten Gesprächs in ihrem Kopf: „Luisa“, „umschreiben“, „klären“. Also eine Geliebte. Und offenbar wurde hinter ihrem Rücken irgendein Betrug mit dem Wochenendhaus vorbereitet. Sabine Weiß wusste Bescheid und half ihrem Sohn auch noch dabei. Lena ballte die Hände zu Fäusten. Für diese Menschen war sie nichts weiter als Luft, ein Hindernis, das man beiseiteschaffen konnte. Gut. Dann sollten sie sehen, wer am Ende lachte.
Am nächsten Morgen hatte Lena kaum die Küche betreten, da hing Sabine Weiß schon an ihr.
„Lenchen, du siehst heute aber blass aus. Schlecht geschlafen? Ich habe es mir fast gedacht und dir Minze aufgebrüht. Trink das, dann weht dir der ganze Unsinn aus dem Kopf.“
Sie hielt ihr eine Tasse mit trüber Brühe hin. Lena schob sie beiseite.
„Danke, später vielleicht.“
„Was heißt später? Jetzt trinkst du. Du musst an deine Gesundheit denken, schließlich hast du noch nicht einmal richtig versucht, ein Kind zu bekommen. Mit so einer Einstellung wird das auch nichts. Sebastian ist erschöpft, er braucht Ruhe, und du rennst dauernd irgendwo herum. Gestern war das Abendessen schon wieder versalzen. Eine gute Ehefrau schont ihren Mann und springt nicht wer weiß wo herum.“
In diesem Augenblick betrat Sebastian die Küche. Seine Mutter warf ihm einen vielsagenden Blick zu.
„Sebastian, sieh sie dir doch an. Schüttet literweise diesen scheußlichen Kaffee in sich hinein und klagt dann über Herzrasen. Wenigstens an die Familie könnte sie denken.“
„Mama, jetzt reicht’s“, sagte Sebastian gähnend. „Lena gibt sich Mühe, das sehe ich doch.“
„Mühe? Ach, bring mich nicht zum Lachen. Bei solchen Frauen ist alles nur Show. Eine richtige Frau erledigt still ihre Aufgaben und liest ihrem Mann jeden Wunsch von den Lippen ab.“
Lena biss die Zähne zusammen. Ihre Schwiegermutter tastete sich offensichtlich vor, prüfte, wie viele Demütigungen Lena noch schlucken würde. Doch in ihren Augen lag noch etwas anderes: Kälte, Berechnung. Sie wusste alles. Ganz sicher kannte sie die Pläne ihres Sohnes und wartete bereits genüsslich auf den Ausgang.
Als Sebastian ins Bad ging, nahm Lena ihr Handy und rief Paula Wagner an. Paula arbeitete in derselben Firma wie Sebastian Lange, in der Buchhaltung, und bekam dort mehr mit, als andere je vermutet hätten.
