„Es geht um eine wirkliche Notlage“, fuhr Lena leise fort. „Mein Mann und seine Geliebte, eine Juristin, wollen das Wochenendhaus heimlich auf eine fremde Person übertragen lassen, während ich von nichts weiß. Meine Schwiegermutter steckt mit ihnen unter einer Decke. Und ich habe den Eindruck, dass sie mich am Ende ohne einen Cent vor die Tür setzen wollen.“
Ulrich Böhm verlor sofort sein freundliches Lächeln. Er legte die Gartenschere beiseite, wischte sich die Hände an der Schürze ab und trat dicht an den Zaun.
„Das klingt ernst“, sagte er bedächtig. „Erzählen Sie mir alles, Schritt für Schritt.“
Lena berichtete ihm von dem Gespräch, das sie belauscht hatte, nannte Luisa Schmitt und auch Emma Möller. Während sie sprach, zog der alte Mann immer tiefer die Stirn kraus. Erst als sie geendet hatte, antwortete er langsam:
„Hören Sie gut zu. In solchen Angelegenheiten zählt vor allem eines: Beweise. Sie müssen ihre Gespräche festhalten. Aber so, dass man die Aufnahmen später auch verwerten kann. Wenn Sie selbst an einem Gespräch beteiligt sind, dürfen Sie es grundsätzlich aufnehmen, ohne vorher groß zu warnen. Wenn Sie etwas mithören, ist Vorsicht geboten, aber unmöglich ist es nicht. Wichtig ist nur: nichts hacken, keine fremden Räume betreten, keine verschlossenen Sachen öffnen. Sie befinden sich in Ihrem eigenen Haus, das ist Ihr rechtmäßiger Bereich. An Ihrer Stelle würde ich sie dazu bringen, sich sicher zu fühlen. Spielen Sie die Verunsicherte, die nichts begreift. Dann werden sie unvorsichtig und reden vielleicht in Ihrer Gegenwart über Einzelheiten. Sie schalten währenddessen am Telefon die Aufnahme ein. Und danach schicken Sie die Datei sofort an Ihre eigene E-Mail-Adresse, am besten zusätzlich an jemanden, dem Sie absolut vertrauen.“
„Und das ist wirklich erlaubt?“, fragte Lena angespannt.
„In Ihrer Lage ja“, erwiderte Ulrich Böhm bestimmt. „Gerichte berücksichtigen Tonaufnahmen, wenn sie nicht durch das Verletzen von Brief- oder Telekommunikationsgeheimnissen entstanden sind. Sie zeichnen lediglich auf, was Sie in Ihrem eigenen Zuhause mit eigenen Ohren hören. Das ist kein Verbrechen. Tun Sie es. Und falls später ein Zeuge nötig wird, wissen Sie, wo Sie mich finden.“
Lena bedankte sich aufrichtig und ging zurück auf ihr Grundstück. In ihr breitete sich eine ruhige, eisige Entschlossenheit aus. Nun wusste sie, wie sie vorgehen musste.
Bis zum Abend spielte sie die liebenswürdige Gastgeberin. Sie half Sabine Weiß auf der Veranda beim Auslesen von Vorräten, zupfte Unkraut aus den Beeten und deckte den Tisch. Sebastian Lange lag derweil in der Hängematte, trank träge sein Bier und rührte kaum einen Finger. Je fügsamer Lena sich gab, desto redseliger und sorgloser wurde Sabine Weiß.
Kurz vor Sonnenuntergang bemerkte Lena, wie ihre Schwiegermutter das Handy nahm und sich ans hintere Ende der Veranda zurückzog. Sabine sprach gedämpft, doch Lena, die angeblich einen Schrank aufräumte, öffnete unauffällig das Fenster einen Spalt und startete die Tonaufnahme. Gleich darauf drangen die Worte klar genug zu ihr herüber:
„Luisa, ich bin’s. Ja, wir sind angekommen. Sind die Unterlagen fertig? Wunderbar. Setzen Sie das Datum bitte zurück, als wäre die Schenkung schon vor einem Monat aufgesetzt worden. Sebastian meint, Lena sei inzwischen völlig willenlos. Übermorgen beim Familienessen sagen wir es ihr. Nach dem Motto: Da du hier ohnehin nicht die Hausherrin bist, geht das Wochenendhaus an Emma Möller, die Tochter meiner Freundin. Und die Scheidung reichen wir dann gleich ein. Bei der Bewertung übertreiben Sie bloß nicht. Die Summe soll lächerlich niedrig aussehen, damit für sie am Ende nichts übrig bleibt. Ja, gut. Ich drücke Sie.“
Keine Minute später kam Sebastian auf die Veranda.
„Na, Mama, hast du alles geklärt?“
„Ja, mein Junge. Luisa macht das schon, sie hat alles im Griff. Morgen bringen wir die Sache zu Ende.“
„Perfekt“, sagte Sebastian zufrieden. „Ich kann sie nicht mehr ertragen. Sie soll einfach verschwinden.“
Lena stoppte die Aufnahme. Ihre Hände bebten, zugleich vor Wut und vor Triumph. Sofort leitete sie die Datei an ihr gesichertes Postfach weiter. Eine zweite Kopie schickte sie Paula Wagner mit der dringenden Bitte, sie wie einen Schatz aufzubewahren.
Der folgende Tag zog sich endlos dahin. Lena spielte weiter die gehorsame, begriffsstutzige Ehefrau, und jede Minute kostete sie Kraft. Erst gegen Abend ordnete Sabine Weiß an, das Abendessen im Gartenpavillon zu servieren. Sie selbst stellte Kerzen auf, holte eine Flasche selbstgemachten Wein hervor und zog sogar ein festlicheres Kleid an. Sebastian zeigte sich auffallend gut gelaunt, machte Scherze und schenkte seiner Frau immer wieder nach. Lena spürte in jedem Lächeln die Lüge.
Als die Teller leer waren, seufzte Sabine Weiß übertrieben theatralisch und legte ihre Hand auf Lenas Arm.
„Lena, mein Kind“, begann sie mit zuckersüßer Stimme. „Sebastian und ich haben lange gesprochen und sind zu dem Schluss gekommen, dass sich einiges ändern muss. Eure Ehe läuft nicht, das siehst du ja selbst. Beim Kochen hast du nie besonders geglänzt, ein gemütliches Zuhause bekommst du auch nicht richtig hin, und Sebastian steht ständig unter Druck. Dieses Haus hier ist aber unser Familiennest, und so ein Ort braucht verlässliche Hände. Ich kenne da jemanden: Emma Möller, ein ganz wunderbares Mädchen. Sie ist in eine schwierige Lage geraten und hat kein eigenes Dach über dem Kopf. Deshalb haben wir beschlossen, menschlich zu handeln und das Wochenendhaus auf sie zu übertragen.“
