Lukas saß im Sessel und starrte auf den laufenden Fernseher, ohne offenbar etwas davon wahrzunehmen. Julia räumte wortlos den Tisch ab und zwang sich, nicht zu ihm hinüberzusehen.
Schließlich durchbrach Lukas die Stille.
— Musste das unbedingt vor meiner Mutter sein?
Julia stellte einen Teller etwas zu fest in die Spüle.
— Und warum mischt sich deine Mutter überhaupt in unser Leben ein?
— Julia, ich verstehe ja, dass du erschöpft bist. Aber so geht es doch nicht…
— Was genau geht nicht? Die Wahrheit auszusprechen? Lukas, ich kann das nicht mehr! Jeden Monat dasselbe. Mal braucht deine Mutter etwas, mal deine Schwester…
Er erhob sich aus dem Sessel und trat zu ihr.
— Julia, das ist nur eine Phase. Ich finde schon wieder eine vernünftige Arbeit.
Sie wandte sich langsam zu ihm um.
— Wann denn? Wann findest du diese „vernünftige“ Arbeit endlich? Und wie lange hältst du sie diesmal? Vier Wochen? Vielleicht zwei Monate?
In seinen Augen flackerte gekränkter Stolz auf.
— Du glaubst also überhaupt nicht mehr an mich?
Julia ließ sich müde auf einen Stuhl sinken.
— Ich bin es leid, Lukas. Ich bin müde davon, immer zu glauben. Müde davon, zu hoffen. Müde davon, alles allein zu tragen.
In dieser Nacht fand Julia keinen Schlaf. Sie lag auf dem Rücken, sah an die Decke und ging ihr eigenes Leben in Gedanken durch. Zweiunddreißig Jahre war sie alt. Sieben davon verheiratet. Und was kam als Nächstes? Noch einmal sieben Jahre schuften, als müsste sie für zwei leben? Oder eher für drei, wenn man die ständigen „Darlehen“ an seine Verwandtschaft mitzählte?
Am Morgen wachte sie mit einer Entscheidung auf, die sich nicht mehr wegschieben ließ. Beim Frühstück sagte sie ruhig:
— Lukas, wir müssen ernsthaft reden.
Er sah sie misstrauisch an.
— Worüber?
— Über Geld. Über deine Familie. Und über uns.
Julia nahm ein Blatt Papier hervor, auf dem sie am Abend zuvor jede einzelne „Schuld“ seiner Angehörigen notiert hatte.
— Sieh dir das an. In den vergangenen zwei Jahren hat deine Mutter sich ungefähr dreihundert Euro „geliehen“. Ella Mayer noch einmal rund vierhundertfünfzig. Zusammen sind das siebenhundertfünfzig Euro. Siebenhundertfünfzig, Lukas. Das ist kein Kleingeld.
Lukas beugte sich über die Liste. Mit jeder Zeile wurde sein Gesicht verschlossener.
— Woher hast du diese Zahlen?
— Ich schreibe es auf. Jeden Betrag. Jeden Cent. Und weißt du, wie viel davon zurückgekommen ist? Nichts.
— Julia, Verwandte können nun mal in schwierige Situationen geraten…
— Natürlich können sie das. Jeder kann das. Aber warum soll ich ihre Schwierigkeiten bezahlen? Warum überlegen meine Eltern dreimal, ob sie mich überhaupt um Hilfe bitten dürfen, während deine Familie Geld fordert, als hätte sie ein Anrecht darauf?
Lukas schwieg. Julia sprach weiter, nun fester:
— Ich habe mich entschieden. Ab jetzt bekommt deine Familie keinen Cent mehr von mir. Wenn du noch einmal ohne mein Einverständnis Geld aus unserem Budget nimmst, reiche ich die Scheidung ein.
Er wurde bleich.
— Du… das meinst du doch nicht ernst.
— So ernst war ich noch nie. Lukas, ich liebe dich. Aber ich werde nicht länger die Melkkuh für deine Verwandten sein.
Mit einem Ruck sprang er vom Tisch auf.
— Das ist also ein Ultimatum?
— Nenn es, wie du willst. Für mich ist es eine Grenze.
Lukas stürmte aus der Küche. Kurz darauf knallte die Wohnungstür. Julia blieb sitzen und sah durch das Fenster hinaus, wo gerade der Regen eingesetzt hatte.
Eine Stunde später rief Ella Mayer an. Julia nahm nicht ab. Danach versuchte es Dorothea Schwarz. Auch diesen Anruf ließ sie unbeantwortet.
Am Abend kam Lukas zurück. Er war wütend, und der Alkoholgeruch hing schwer an ihm.
— Zufrieden? — schleuderte er ihr schon von der Tür aus entgegen. — Meine Mutter ist im Krankenhaus, meine Schwester heult sich die Augen aus!
Julia blieb ruhig.
— Das ist ihre Sache.
— Du bist… du bist einfach egoistisch!
— Vielleicht. Aber eine egoistische Frau, die endlich selbst über ihr Geld entscheidet.
Lukas machte einen Schritt auf sie zu, die Hände zu Fäusten geballt.
