— Und davor? Lukas, wie lange soll ich das noch mitmachen?!
— Julia, beruhig dich. Sie gehört doch zur Familie!
— Zur Familie? — Julias Stimme brach beinahe. — Und was bin ich dann? Ich schufte in zwei Jobs, drehe jeden Euro dreimal um, lege alles beiseite, was irgendwie übrig bleibt, und deine Schwester kann es sich leisten, nicht richtig zu arbeiten und von unserem Geld zu leben?
— Ella arbeitet! — Lukas versuchte, sie zu verteidigen.
— Wo denn? Was soll das für eine Arbeit sein? Ein paar Stunden als Verkäuferin? Lukas, Ella ist gesund, sie hat zwei Arme und zwei Beine. Dann soll sie gefälligst losgehen und Geld verdienen!
Sein Gesicht wurde finster.
— Du verstehst das nicht. Ella hat Kinder…
— Die Hälfte des Landes hat Kinder! Sollen deshalb alle anderen von fremden Taschen leben?
In diesem Moment fiel Julia der vergangene Monat wieder ein. Damals hatte Lukas seiner Schwester ebenfalls „nur kurz“ hundertfünfzig Euro geliehen. Davor waren es hundert Euro für seine Mutter gewesen. Julia begann im Kopf zusammenzurechnen: Innerhalb des letzten Jahres hatte die Verwandtschaft ihres Mannes mehr als zweitausend Euro von ihnen „geliehen“. Zurückgekommen war kein einziger Cent.
Am nächsten Tag erschien Dorothea Schwarz, wie Lukas es angekündigt hatte. Dafür, dass sie angeblich „Probleme mit dem Blutdruck“ hatte, sah ihre Schwiegermutter erstaunlich frisch aus: rosige Wangen, ein neues Kleid, die Haare wie gerade vom Friseur gelegt.
— Julchen, du bist ja ganz schmal geworden! — bemerkte Dorothea als Erstes. — Du schonst dich überhaupt nicht.
Julia schwieg und deckte den Tisch. Dorothea ließ sich bequem nieder und begann sofort mit ihrem vertrauten Klagelied.
— Ach, das Leben ist so teuer geworden. Alles kostet mehr, und die Rente reicht hinten und vorne nicht. Manchmal denke ich schon daran, mir noch irgendeine kleine Beschäftigung zu suchen…
Lukas reagierte augenblicklich.
— Mama, bitte! In deinem Alter noch arbeiten? Kommt gar nicht infrage. Wir helfen dir schon.
Julia stellte die Teekanne so hart auf den Tisch, dass es laut klirrte. Dorothea und Lukas sahen sie überrascht an.
— Womit genau helfen wir, Lukas? — fragte Julia eisig. — Wir kommen selbst kaum über die Runden.
— Julia! — fuhr ihr Mann empört auf.
— Was heißt hier „Julia“? Frau Schwarz, nehmen Sie es mir nicht übel, aber bei uns ist es ebenfalls knapp. Ich arbeite in zwei Stellen, nur damit wir überhaupt etwas zurücklegen können.
Dorothea presste die Lippen zusammen.
— Zu unserer Zeit wussten Frauen noch, was Respekt vor dem Ehemann bedeutet. Da stand die Familie an erster Stelle.
— Zu Ihrer Zeit haben Männer ihre Familien versorgt — gab Julia scharf zurück. — Sie haben nicht auf Kosten ihrer Frauen gelebt.
Lukas lief rot an.
— Julia, was bildest du dir eigentlich ein?
— Ich sage nur, wie es ist! Lukas, du hast im letzten Jahr dreimal den Arbeitsplatz gewechselt. Dreimal! Und jedes Mal aus eigenem Antrieb.
— Das stimmt so nicht! — setzte er zur Verteidigung an.
— Ach, verzeih. Beim letzten Mal wurdest du entlassen, weil du einfach nicht mehr zur Arbeit erschienen bist.
Dorothea schlug entsetzt die Hände zusammen.
— Lukaschen, was erzählt sie denn da über dich?
— Mama, Julia übertreibt maßlos…
— Ich übertreibe? — Julia zog aus dem Schrank die Mappe mit den Rechnungen hervor. — Hier sind die Belege der letzten sechs Monate. Alles wurde von meiner Karte bezahlt. Und hier ist der Auszug unseres Gemeinschaftskontos: Innerhalb eines ganzen Jahres hat Lukas vierhundert Euro eingezahlt. Vierhundert. In zwölf Monaten.
Dorothea starrte schweigend auf die Unterlagen. Dann hob sie den Blick zu ihrer Schwiegertochter.
— Aber Lukas hilft doch im Haushalt…
Julia lachte kurz auf, hart und bitter.
— Hilft? Frau Schwarz, wann hat Ihr Sohn zuletzt Abendessen gekocht? Wann hat er Wäsche gewaschen? Wann hat er geputzt?
Am Abend, nachdem Dorothea gegangen war, legte sich eine drückende Stille über die Wohnung.
