„Willst du mich eigentlich verhöhnen?! Ich rackere mich in zwei Jobs ab, und am Ende soll ausgerechnet ich auch noch für deine Nichtsnutze aufkommen!“ platzte sie erschöpft heraus

Diese erbärmliche Gleichgültigkeit zermürbt meine Seele.
Geschichten

— Willst du mich eigentlich verhöhnen?! Ich rackere mich in zwei Jobs ab, und am Ende soll ausgerechnet ich auch noch für deine Nichtsnutze aufkommen! — platzte es aus mir heraus.

Julia Stein ließ sich erschöpft auf das Sofa sinken und rieb sich mit den Fingerspitzen die Schläfen. Der Tag hatte sie ausgelaugt: erst acht Stunden im Büro, danach noch vier weitere als Buchhalterin bei einem befreundeten Unternehmer. Seit drei Jahren lief ihr Leben bereits nach diesem Muster. In der Wohnung war es still; nur aus der Küche drang das gleichmäßige Brummen des Kühlschranks.

Die Wohnungstür fiel krachend ins Schloss. Lukas Ludwig war nach Hause gekommen. Julia hob nicht einmal den Kopf. Sie massierte weiter ihre pochenden Schläfen, während ihr Mann in die Küche ging und dort mit Geschirr zu klappern begann.

— Julia, isst du mit? — rief Lukas aus der Küche.

— Ich habe keinen Hunger — antwortete sie, ohne die Augen zu öffnen.

Seit sieben Jahren waren sie verheiratet. Sieben Jahre, die einmal mit Träumen, Schwüren und großen Plänen begonnen hatten, sich aber allmählich in eine endlose Kette aus Streit, Schweigen und unausgesprochenen Vorwürfen verwandelt hatten. Julia dachte an ihre Hochzeit zurück. Wie glücklich sie damals gewesen waren. Lukas hatte versprochen, immer an ihrer Seite zu stehen, sie zu schützen, ihr Halt zu sein. Und was war aus all diesen Worten geworden?

Die Wohnung hatte Julia noch vor der Ehe von ihrer Großmutter geerbt. Zwei Zimmer, eine gute Lage, der Blick ging direkt auf einen kleinen Park. Dieses Zuhause hütete sie wie ihren letzten sicheren Ort, denn viel anderes Verlässliches gab es in ihrem Leben nicht.

Bei der Versicherung wurde ihr Gehalt pünktlich überwiesen, doch üppig war es nicht. Genau deshalb nahm sie abends zusätzliche Aufträge an.

Kurz darauf kam Lukas mit einem Teller Nudeln ins Wohnzimmer.

— Du hast wieder bis spät gearbeitet? — fragte er und ließ sich ihr gegenüber in den Sessel fallen.

— Was bleibt mir denn übrig? Du weißt doch, dass wir für die Renovierung sparen. Und irgendwann möchte ich auch einmal richtig Urlaub machen, nicht immer nur in diesem Schrebergartenhaus bei deiner Mutter.

Als das Wort Mutter fiel, zuckte es in Lukas’ Gesicht. Dorothea Schwarz war ein Kapitel für sich. Seine Mutter tauchte regelmäßig bei ihnen auf, jammerte über ihre Gesundheit, über ihre Einsamkeit und darüber, dass ihr das Geld nie reiche. Und jedes Mal endeten diese Besuche gleich: Lukas drückte ihr etwas zu.

— Ach ja, Mutter kommt morgen vorbei — sagte er beiläufig.

Julia öffnete abrupt die Augen.

— Schon wieder? Sie war doch erst vor zwei Wochen hier!

— Was soll ich machen? Ihr Blutdruck macht Probleme, sie will zum Arzt.

— Einen Arzt gibt es auch in ihrer eigenen Stadt — murmelte Julia.

Lukas stellte den Teller gereizt auf den Tisch.

— Julia, sie ist meine Mutter! Ist ein bisschen Verständnis wirklich zu viel verlangt?

Verständnis. Julia verzog bitter den Mund. In sieben Jahren hatte Lukas fünf Arbeitsstellen gewechselt. Mal war der Chef ein Idiot gewesen, mal hatte das Team nicht gepasst, mal sei das Gehalt eine Zumutung gewesen. Zurzeit arbeitete er als Verkaufsberater in einem Autohaus, doch auch dort begannen die Klagen bereits wieder.

Da klingelte sein Handy. Lukas warf einen Blick auf das Display und verschwand sofort in den Flur. Julia lauschte unwillkürlich. Am anderen Ende war Ella Mayer, seine Schwester. Auch sie war eine Geschichte ohne Ende: zweiunddreißig Jahre alt, zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern, ständig offene Rechnungen, Kredite und neue Ausreden. Und die Lösung war jedes Mal dieselbe: den großen Bruder anrufen.

Als Lukas zurückkam, trug er diesen schuldbewussten Ausdruck im Gesicht, den Julia nur zu gut kannte. Sie verstand sofort.

— Wie viel? — fragte sie tonlos.

— Julia, bitte fang nicht gleich so an… Ella steckt wirklich in Schwierigkeiten. Die Kinder brauchen Sachen für die Schule, und ihr Ex ist mit dem Unterhalt im Rückstand.

— Wie viel, Lukas?

— Zweihundert Euro. Aber Ella hat versprochen, es in einem Monat zurückzugeben!

Julia sprang vom Sofa auf. Ihre Hände zitterten vor Wut.

— In einem Monat? So wie beim letzten Mal? Und davor war es doch genauso.

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