„Meine Mutter hat mir untersagt, die Wohnung zu vermieten. Such du dir lieber irgendeine Möglichkeit, Geld für das Auto aufzutreiben“ sagte Jonas und ließ Mia fassungslos auf die Sofakante sinken

Diese rücksichtslose Tradition ist ungerecht und erbarmungslos.
Geschichten

Damals hatte sie sich vorgestellt, eines Tages eine große Liebe zu finden und ein Zuhause zu bauen, in dem man einander hielt. Diese Vorstellung war zerbrochen. Doch zerbrochene Träume bedeuteten nicht, dass auch das Leben zu Ende war.

— Weißt du, Mama — sagte sie nach einer Weile leise —, vielleicht ist es sogar besser so. Stell dir vor, wir hätten schon Kinder gehabt. Wie sollten sie in einer Familie aufwachsen, in der der Vater seiner Mutter nicht widersprechen kann, weil er Angst hat, sie zu kränken?

— Mia, glaubst du, du wirst noch jemanden finden?

— Ja. — Mia Weiß lächelte schwach, aber sicher. — Daran zweifle ich nicht. Nur weiß ich jetzt genauer, worauf ich achten muss. Wenn ein Mann mit dreißig noch bei seiner Mutter wohnt, nicht weil sie wirklich Hilfe braucht, sondern weil sie es so bestimmt, dann ist das das erste Warnsignal. Wenn er bei jeder Entscheidung erst ihre Meinung einholt, ist das das zweite. Und wenn er sagt: „Meine Mutter hat verboten, die Wohnung zu vermieten, also sieh du zu, wie du das Geld fürs Auto auftreibst“ — dann ist das kein Signal mehr. Dann läuten bereits alle Alarmglocken.

Ihre Mutter zog sie in die Arme.

— Du bist klug, mein Kind. Ich bitte dich nur um eines: Werde nicht bitter. Gib nicht allen Männern die Schuld.

— Nein, Mama. — Mia lehnte den Kopf an ihre Schulter. — Ich werde nur sorgfältiger wählen.

Zur selben Zeit, am anderen Ende der Stadt, stand Jonas Mayer in der Küche der Dreizimmerwohnung und spülte das Geschirr. Sabine Schmitt saß am Tisch, hielt ihre Teetasse in beiden Händen und trank in kleinen Schlucken.

— Warum bist du so still, mein Junge? — fragte sie schließlich.

— Ich denke nach.

— Worüber denn?

Jonas stellte eine Tasse in den Abtropfständer, trocknete sich die Hände ab und sah zu seiner Mutter hinüber.

— Mama, vielleicht war das damals doch falsch…

— Was soll falsch gewesen sein?

— Die Sache mit der Wohnung. Vielleicht hätten wir sie wirklich vermieten sollen.

Sabine Schmitt setzte ihre Tasse so hart auf den Tisch, dass Jonas unwillkürlich zusammenzuckte.

— Jonas! Was redest du da? Wir hatten das doch alles besprochen. Diese Frau hat nicht zu dir gepasst. Sie war viel zu fordernd. Es ist besser, dass sie gegangen ist.

— Aber sie hatte doch recht…

— Recht? — Seine Mutter erhob sich. — Womit denn? Damit, dass sie dich gegen mich aufbringen wollte? Damit, dass sie mich in meinem eigenen Zuhause angegriffen hat? Jonas, sie wollte uns auseinanderbringen, weiter nichts!

Er antwortete nicht. Schweigend nahm er die Teller aus dem Spülbecken und stellte sie weg. Währenddessen tauchten Bilder in seinem Kopf auf: Mia, wie sie morgens Kaffee kochte und Toast auf den Teller legte. Mia, die über seine albernen Witze lachte. Mia, die beim Filmabend an seiner Schulter eingeschlafen war. Ihre leuchtenden Augen, als sie von seiner Beförderung erfahren hatte. Und dann dieser Blick, der an jenem Tag erlosch, als er ihr sagte, seine Mutter habe die Vermietung untersagt.

— Mama — sagte er nach einer langen Pause —, was wäre, wenn ich sie anrufe?

— Wozu?

— Vielleicht kann ich ihr erklären…

— Jonas! — Sabine Schmitt trat zu ihm und legte ihm die Hand auf den Arm. — Mein Sohn, sie ist gegangen. Einfach so. Ohne zu kämpfen, ohne zu versuchen, eure Ehe zu retten. Verhält sich so eine Frau, die liebt? Vergiss sie. Du wirst eine andere finden. Eine bessere.

Jonas nickte langsam. Seine Mutter wusste es immer besser. Sie hatte es schon immer besser gewusst.

Mia saß da bereits im Zug. Vor ihr lag eine neue Stadt, eine neue Arbeitsstelle, ein anderes Leben. Hinter der Fensterscheibe zogen Lichter vorbei, verschwammen zu Linien und tauchten wieder auf. Sie dachte daran, dass man manchmal erst etwas Vertrautes verlieren muss, um Platz für etwas Besseres zu schaffen.

In ihrer Tasche lag das Handy. Auf dem Display standen mehrere verpasste Anrufe von Jonas Mayer. Mia nahm es nicht heraus. Sie rief nicht zurück. Manche Gespräche sind irgendwann wirklich beendet. Nicht aus Trotz, nicht aus Grausamkeit, sondern weil alles gesagt worden ist.

Die neue Wohnung empfing sie mit Stille und unerwarteter Weite. Mia stellte Wasser für Tee auf, setzte sich ans Fenster und zog die Beine unter sich. Draußen begann eine fremde Stadt, mit unbekannten Straßen, unbekannten Gesichtern und Möglichkeiten, die noch keinen Namen hatten.

Und irgendwo weit weg, in einer Dreizimmerwohnung, spülte ein Mann weiter Teller ab, während seine Mutter ihm erklärte, weshalb seine Frau im Unrecht gewesen war.

Vielleicht würde er es eines Tages begreifen. Vielleicht auch nie. Doch das war nicht länger Mias Sorge.

LebensKlüber