„Meine Mutter hat mir untersagt, die Wohnung zu vermieten. Such du dir lieber irgendeine Möglichkeit, Geld für das Auto aufzutreiben“ sagte Jonas und ließ Mia fassungslos auf die Sofakante sinken

Diese rücksichtslose Tradition ist ungerecht und erbarmungslos.
Geschichten

— Mia — ihre Mutter schwieg einen Herzschlag lang. — Sag mir bitte: Welcher Mittelweg soll denn zwischen einem klaren Nein und einem Ja liegen? Zwischen „meine Mutter erlaubt es nicht“ und „ich bin eine erwachsene Frau“? Ich frage dich anders: Willst du wirklich dein ganzes Leben lang die Zustimmung einer anderen Frau einholen müssen?

— Sie ist doch keine Fremde …

— Doch, mein Kind. Für dich ist sie es. Und sie wird es bleiben. Und ein Ehemann … — Christina Albrecht atmete schwer aus. — Ein Ehemann sollte an der Seite seiner Frau stehen. Nicht manchmal, nicht nur dann, wenn es bequem ist, sondern immer. Wenn er dazu nicht bereit ist, wozu ist er dann überhaupt dein Mann?

Am Abend packte Mia ihre Sachen. Jonas saß auf der Bettkante und beobachtete, wie sie Stück für Stück ihr gemeinsames Leben zusammenfaltete und in den Koffer legte.

— Mia, übertreib doch nicht so — setzte er noch einmal an. — Wir finden schon irgendeine Lösung.

— Worin genau sollen wir uns einigen? — Sie drehte sich nicht einmal zu ihm um. — Darin, dass du vor jeder Entscheidung, die unsere Familie betrifft, erst deine Mutter fragst? Oder darin, dass ich mich in drei Schichten kaputtarbeite, um mir ein Auto für den Job leisten zu können, während eure Wohnung leer steht?

— So ist es doch gar nicht …

— Doch, Jonas. Genau so ist es. — Mia schloss den Koffer und sah ihn nun direkt an. — Ich habe dich geliebt. Vielleicht liebe ich dich sogar noch. Aber ich kann nicht mit einem Mann leben, der mit dreißig Jahren keine Entscheidung trifft, ohne vorher die Erlaubnis seiner Mutter einzuholen.

— Und wenn Mama irgendwann nicht mehr da ist? — platzte es plötzlich aus ihm heraus.

Mia erstarrte.

— Was hast du gerade gesagt?

— Na ja … sie ist schließlich nicht mehr jung. Wenn ihr einmal etwas zustoßen sollte … dann könnten wir doch so leben, wie wir wollen.

Für einige Sekunden sah Mia ihn einfach nur an. Dann nahm sie den Koffer hoch.

— Genau deshalb gehe ich. Selbst jetzt denkst du nicht an uns. Du denkst nur daran, wann das Hindernis verschwindet, das zwischen uns und einem normalen Familienleben steht. Du wartest lieber darauf, dass deine eigene Mutter stirbt, als ihr in einer Sache zu widersprechen, die nur uns beide betrifft.

Im Flur stand bereits Sabine Schmitt.

— Du gehst also? — fragte sie mit kaum verhohlener Genugtuung.

— Ja.

— Das ist besser so. Ihr habt ohnehin nicht zusammengepasst.

Mia blieb an der Tür stehen.

— Sabine Schmitt, ist Ihnen nie in den Sinn gekommen, dass Sie Ihrem Sohn damit die Möglichkeit nehmen, ein erwachsener Mann zu werden?

— Mein Sohn kommt auch ohne dich zurecht.

— Ihr Sohn ist dreißig und kann nicht einmal entscheiden, ob seine eigene Wohnung vermietet wird, ohne Ihre Zustimmung einzuholen. Finden Sie das normal?

— Das nennt man Fürsorge für die Familie. Davon verstehst du nichts.

— Doch, ich verstehe es sehr gut. Für Sie besteht Familie aus Ihnen und ihm. Eine Ehefrau ist in diesem Bild nur eine vorübergehende Unannehmlichkeit. — Mia legte die Hand auf die Türklinke. — Wissen Sie, was daran am traurigsten ist? Er hätte ein guter Ehemann sein können. Wenn Sie ihn losgelassen hätten.

Einen Monat später reichte Mia die Scheidung ein. Jonas widersprach nicht. Vielleicht hatte seine Mutter ihm erklärt, dass es so vernünftiger sei. Mia wollte dieses Jahr nur noch hinter sich lassen, als wäre es ein böser Traum gewesen.

Nach weiteren vier Wochen bekam sie die Nachricht, dass sie in eine andere Stadt versetzt werden konnte: In der Bezirksdirektion war eine gute Stelle frei geworden. Das Gehalt war doppelt so hoch wie zuvor. Nach einem halben Jahr hatte sie genug Geld für ein eigenes Auto zurückgelegt.

Christina Albrecht half ihrer Tochter beim Einpacken.

— Bereust du es nicht? — fragte sie leise.

— Was genau?

— Dass du nicht versucht hast, um deine Familie zu kämpfen.

Mia legte die letzten Bücher in einen Karton.

— Mama, wofür hätte ich kämpfen sollen? Für das Recht, in meiner eigenen Ehe mitentscheiden zu dürfen? Dafür, dass mein Mann meine Meinung ernst nimmt? Das ist nichts, was man sich erkämpfen sollte. Das ist die Grundlage.

— Vielleicht ändert er sich ja doch noch.

— Vielleicht. Wenn er irgendwann begreift, was er verloren hat. — Mia zog Klebeband über den Karton und strich es fest. — Aber ich werde nicht mehr auf ihn warten.

Draußen lag ein grauer Oktobertag über der Stadt. Mia blieb am Fenster stehen und sah hinunter in den Hof, in dem sie aufgewachsen war und als Kind gespielt hatte.

LebensKlüber