— Was soll dieses Geschrei? — fragte sie, wobei ihr Ton verriet, dass sie längst jedes Wort mitbekommen hatte.
Mia wandte sich sofort zu ihr um.
— Sabine Schmitt, erklären Sie mir bitte, warum Sie so entschieden dagegen sind, Jonas’ Wohnung zu vermieten.
— Und weshalb sollte ich mich dafür rechtfertigen? — Sabine trat ganz ins Zimmer und ließ sich in ihren Lieblingssessel sinken. — Das ist unsere Familienwohnung. Sie stammt von der Großmutter. So etwas gibt man nicht leichtfertig aus der Hand. Man weiß nie, wofür man sie noch braucht.
— Wofür denn genau?
— Im Leben kann alles passieren. — Ihre Schwiegermutter sah sie bedeutungsvoll an. — Junge Ehen halten heutzutage nicht immer lange. Es ist besser, wenn mein Sohn im Notfall einen Ort hat, an den er zurückkehren kann.
Mia spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss.
— Sie rechnen also ernsthaft damit, dass Jonas und ich uns trennen?
— Ich rechne mit gar nichts. Ich betrachte nur die Dinge nüchtern. Und was das Auto betrifft… — Sabine zuckte mit den Schultern. — Das kaufst du dir, wenn du das Geld dafür verdient hast. Bis dahin wirst du es schon überleben, mit dem Bus zu fahren.
— Mama — setzte Jonas an, doch seine Mutter schnitt ihm sofort das Wort ab.
— Fang jetzt nicht mit „Mama“ an! Ich sage nur, wie es ist. Eine Ehefrau sollte ihren Mann unterstützen und ihn nicht dazu drängen, sein Eigentum zu verschleudern.
— Vermieten ist kein Verschleudern! — Mia gab sich keine Mühe mehr, ruhig zu bleiben. — Das ist eine vernünftige Nutzung, eine Einnahmequelle! Begreift ihr überhaupt, worüber wir hier sprechen?
— Mehr als du, mein Kind — erwiderte Sabine kühl. — Ich habe mein Leben gelebt und mich schon um Wohnungen gekümmert, als du noch kaum laufen konntest. Und ich sage dir: Fremde Leute in der eigenen Wohnung bedeuten Ärger. Immer. Wenn du unbedingt arbeiten willst, dann arbeite eben mehr. Vielleicht kommt dann irgendwann genug für dein Auto zusammen.
Mia sah zu ihrem Mann hinüber. Jonas stand mit gesenktem Blick da und schwieg. Er wirkte, als warte er nur darauf, dass der Sturm vorüberzog.
— Jonas — sagte sie leise. — Sag doch etwas.
Er hob langsam den Kopf.
— Was soll ich denn sagen? Meine Mutter hat recht. Die Wohnung ist eine Absicherung. Ein Auto kaufen wir, sobald wir genug Geld gespart haben.
— Sobald wir genug gespart haben? — Mia lachte kurz auf, hart und nervös. — Von meinem Gehalt etwa? Dein Einkommen geht für Lebensmittel und Nebenkosten drauf. Und falls du es vergessen hast: Ich habe auch eigene Ausgaben.
— Dann such dir einen Nebenjob — sagte Jonas, beinahe gleichgültig. — Du bist doch klug. Du findest schon eine Lösung.
In diesem Moment begriff Mia es. Nicht nur ungefähr, nicht halb, sondern endgültig. Sie sah diese beiden Menschen an — ihren Mann und seine Mutter — und verstand, welchen Platz sie in ihrem Leben hatte. Sie war praktisch. Eine bequeme Ergänzung zu ihrem gewohnten Alltag. Jemand, der kochte, putzte, sein Geld nach Hause brachte und möglichst wenig widersprach. Und wenn sie doch einmal etwas für sich selbst wollte, dann sollte sie eben mehr arbeiten und ihre Probleme allein lösen.
— Wisst ihr was? — sagte sie plötzlich ganz ruhig. — Ihr habt recht.
Jonas und Sabine wechselten überrascht einen Blick.
— Wie bitte? — fragte die Schwiegermutter misstrauisch.
— Ich werde das regeln. Ich nehme einen Nebenjob an, lege Geld zurück und kaufe mir mein Auto. — Mia lächelte. — Nur werde ich ab jetzt nicht mehr kochen. Putzen auch nicht. Und mein Gehalt gebe ich für mich selbst aus. Seht zu, wie ihr zurechtkommt.
— Mia! — Jonas packte sie am Handgelenk. — Was ist denn los mit dir?
— Mit mir ist alles in Ordnung. Ich habe nur gerade verstanden, dass ich einen Mann geheiratet habe, der noch immer an Mamas Rockzipfel hängt. — Sie zog ihre Hand frei. — Gut, dass mir das nicht erst in zehn Jahren aufgefallen ist.
Am nächsten Tag rief Mia ihre Mutter an.
— Mama, kann ich zu dir kommen? Nur für eine Weile.
— Was ist passiert? — In Christina Albrechts Stimme lag sofort Sorge.
Mia erzählte es ihr. Knapp, ohne große Ausbrüche, fast sachlich. Ihre Mutter hörte schweigend zu, ohne sie zu unterbrechen.
— Komm her — sagte sie schließlich schlicht. — Morgen holst du deine Sachen.
— Mama, vielleicht mache ich einen Fehler? Vielleicht hätte ich nachgeben und nach einem Kompromiss suchen sollen?
