— Meine Mutter hat mir untersagt, die Wohnung zu vermieten. Such du dir lieber irgendeine Möglichkeit, Geld für das Auto aufzutreiben — fiel mir mein Mann ins Wort.
Mia Weiß sah Jonas Mayer an, als stünde plötzlich ein Fremder vor ihr. Er lehnte am Fenster und zupfte am Kragen seines Hemdes herum — derselbe Jonas Mayer, den sie vor anderthalb Jahren geheiratet hatte, derselbe liebevolle, aufmerksame Mann, der Eintopf besser kochen konnte als ihre Großmutter und ihr an Wochenenden den Kaffee ans Bett brachte. Doch die Worte, die er eben ausgesprochen hatte, blieben zwischen ihnen hängen wie eine durchsichtige Wand aus Glas.
— Sag das noch einmal — bat sie leise, obwohl sie jedes einzelne Wort verstanden hatte.
— Mia, bitte fang jetzt nicht an… — Jonas Mayer wandte sich zu ihr um. In seinem Blick lag diese peinliche Unsicherheit eines Menschen, der zu spät begreift, dass er etwas Falsches gesagt hat. — Mama meint, die Wohnung soll in der Familie bleiben. Falls irgendetwas passiert, verstehst du? Ein Auto kaufen wir, wenn wir genug zusammengespart haben. Du bist doch tüchtig, du findest bestimmt einen Nebenjob.
Langsam ließ sich Mia Weiß auf die Sofakante sinken. In ihrem Kopf wirbelten Zahlen durcheinander: etwa dreihundertfünfzig Euro im Monat — so viel könnte die Einzimmerwohnung in ihrer Gegend problemlos einbringen. Damit ließen sich die Raten für einen ordentlichen Wagen decken, und sogar etwas bliebe übrig. Außerdem brauchte sie das Auto nicht aus einer Laune heraus. Seit ihrer Beförderung wurde sie ständig losgeschickt, um Auftragnehmer in verschiedenen Stadtteilen zu kontrollieren. Mit Bus und Bahn kam sie nicht überall hin, und besonders professionell wirkte es auch nicht.

— Jonas Mayer — begann sie behutsam —, deine Wohnung steht leer. Dort sammelt sich nur Staub, und im Bad sind die Fliesen wegen der Temperaturschwankungen schon gerissen. Welchen Sinn hat es, sie verschlossen zu halten?
— Mama sagt, Fremde könnten etwas kaputtmachen oder… na ja, du weißt schon, es kann alles Mögliche passieren.
— Deine Mutter. — Mia Weiß spürte, wie sich in ihr etwas Hartes zu einem Knoten zusammenzog. — Und was deine Frau denkt, interessiert dich nicht?
Jonas Mayer kam zu ihr, setzte sich neben sie und wollte ihre Hand nehmen, doch Mia zog sie weg.
— Meine Mia, sei doch nicht so. Mama meint es nicht böse mit uns. Sie macht sich nur Sorgen. Erinnerst du dich, wie die Mieter von Amelie Krause aus dem Haus den Kühlschrank verkauft haben und verschwunden sind? Oder wie bei Tante Ida Lang die ganze Elektrik abgebrannt ist?
— Bei Tante Ida Lang hat die Leitung von selbst Feuer gefangen, die war hundert Jahre alt! — Mia sprang auf und begann nervös im Zimmer auf und ab zu gehen. — Und diese Geschichte mit Amelie Krause ist nichts weiter als ein Küchenmärchen. Jonas Mayer, wir könnten alles über eine Agentur regeln: die Mieter prüfen lassen, einen Vertrag abschließen…
— Mama ist der Ansicht…
— Mama, Mama! — platzte es aus Mia heraus. — Bin ich deine Frau oder ist sie es? Ich bin siebenundzwanzig, arbeite von früh bis spät, dazu kommen Dienstfahrten, Haushalt, Kochen — weil deine wunderbare Mutter mit fünfundfünfzig plötzlich verlernt hat, sich selbst etwas zu machen! Und jetzt soll ich mir auch noch einen Nebenjob suchen, damit wir ein Auto kaufen können, das ich für meine Arbeit brauche?!
Jonas Mayer wurde blass. Mit einer solchen Reaktion hatte er offensichtlich nicht gerechnet.
— Mia, beruhige dich. Die Nachbarn hören dich.
— Die Nachbarn sind mir egal! — rief sie, doch ihre Stimme senkte sich unwillkürlich. Tatsächlich waren die Wände in der Wohnung seiner Mutter dünn, und Sabine Schmitt, ihre Schwiegermutter, war ebenfalls zu Hause. — Hör mir zu. Ich schlage eine vernünftige Lösung vor. Wir haben eine leerstehende Immobilie, die Einnahmen bringen könnte. Ich brauche für meinen Beruf ein Auto. Es wäre doch nur logisch, diese beiden Dinge miteinander zu verbinden, oder?
— Aber Mama…
— Deine Mutter wohnt in ihrer eigenen Wohnung! — Mia fuhr sich mit beiden Händen an den Kopf. — Was hat sie überhaupt damit zu tun?
In diesem Moment öffnete sich die Wohnzimmertür einen Spaltbreit, und Sabine Schmitt erschien auf der Schwelle: eine kleine, rundliche Frau mit sorgfältig gelegter Dauerwelle und einem Gesichtsausdruck, der nichts Gutes verhieß.
