Im Hof standen alte Kiefern, deren Kronen im Wind rauschten und dem Grundstück einen beinahe verwunschenen Eindruck gaben.
„Weißt du was? Es ist wirklich schön hier“, gab Lukas zu, während er langsam über das Gelände ging und sich umsah.
Noch am selben Tag beschlossen sie, das Haus nicht zu verkaufen.
Das folgende Jahr bestand für die Familie fast nur aus Arbeit, Staub und Entscheidungen. Lukas kümmerte sich um das Dach, ersetzte morsche Fensterrahmen und reparierte, was dringend gemacht werden musste. Sophie Engel nahm sich den Garten vor, suchte Farben aus, plante die Einrichtung und gab jedem Raum nach und nach ein neues Gesicht.
Aus dem heruntergekommenen alten Haus wurde allmählich ein warmer, einladender Ort, an dem man tief durchatmen konnte.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Sophie das Gefühl, wirklich glücklich zu sein.
Im Sommer stellte sie ein paar Bilder in die sozialen Netzwerke.
Eine weiße Veranda mit geflochtenen Sesseln.
Eine Hängematte zwischen den Kiefern, in der man abends wunderbar lesen konnte.
Blühende Rosen am Gartentor, eine ganze kleine Allee aus unterschiedlichen Sorten.
Und der Sonnenuntergang über dem Meer, fotografiert von der eigenen Terrasse aus.
Unter den Aufnahmen sammelten sich rasch begeisterte Kommentare. Freundinnen wollten wissen, in welchem Hotel sie Urlaub mache. Kolleginnen konnten kaum glauben, dass dieses Haus tatsächlich ihr gehörte.
Einige Tage später meldete sich unerwartet die Schwiegermutter.
Ihre Stimme klang ungewohnt sanft, fast schon zuckersüß.
„Sophie, Liebes, ich habe deine Fotos gesehen. Was für ein reizendes Häuschen daraus geworden ist!“
„Danke“, erwiderte Sophie vorsichtig.
„Man erkennt es ja gar nicht wieder! Wie aus einer Wohnzeitschrift. Da müssen wir unbedingt einmal vorbeikommen und uns euer kleines Wunder ansehen.“
„Ja, irgendwann bestimmt …“
„Ist das Meer nah?“
„Fünf Minuten zu Fuß.“
„Herrlich! Dann grüß mir Lukas. Ich drück dich!“
Kaum hatte Sophie aufgelegt, breitete sich ein unruhiges Gefühl in ihr aus. In drei Ehejahren hatte sie gelernt, die Zwischentöne ihrer Schwiegermutter sehr genau zu deuten. Dieser plötzliche Wechsel von Spott zu Bewunderung war zu auffällig.
Eine Woche später bestätigte sich ihre Vorahnung.
Die Schwiegermutter stand vor der Tür, neben sich zwei riesige Koffer. Das Taxi war bereits davongefahren, ohne abzuwarten, ob überhaupt jemand öffnete. Sophie trug eine Schürze und hielt noch den Schneebesen in der Hand; sie war gerade dabei gewesen, Baiser zuzubereiten.
„Mama? Sie haben gar nicht Bescheid gesagt …“
„Ich wollte euch überraschen!“, rief die Schwiegermutter, küsste Sophie flüchtig auf die Wange und trat einfach ins Haus.
Sie bewegte sich durch die Räume, als wohne sie schon seit Jahren dort. In aller Ruhe zog sie ihre Schuhe aus und legte ihre Handtasche auf die Konsole im Flur.
Dann begann sie mit einer kleinen Besichtigung. Sie strich über die Vorhänge, setzte sich prüfend auf die Sofas und ließ den Blick über Wände, Möbel und Böden wandern.
Den Umbau lobte sie mit der Miene einer Fachfrau.
„Die Tapeten habt ihr gut ausgesucht. Und die Fliesen im Bad sind wirklich gelungen.“
Kurz darauf verkündete sie völlig gelassen:
„Ich habe beschlossen, den ganzen Sommer hier zu verbringen. Meeresluft ist in meinem Alter schließlich sehr gesund.“
