„Emilia Krüger, unterschreib bitte sofort. In zwanzig Minuten beginnt die Trauung“ forderte Johanna Fuchs, das Blatt mit der Verkaufsabsprache vorhaltend, während der Bräutigam stumm danebenstand

Diese schamlose Gemeinheit fühlte sich unendlich verräterisch an.
Geschichten

und trank Tee aus einem Glas, das in einem metallenen Halter steckte.

„Und?“, fragte sie, ohne den Blick zu heben.

„Es hat keine Hochzeit gegeben.“

„Das sehe ich.“ Magdalena Beck stellte das Glas ab. „Frauen, die geheiratet haben, gehen anders. Du läufst wie jemand, der aus einem brennenden Schuppen noch schnell die Nähmaschine gerettet hat.“

Ich legte die Tasche auf den Tisch.

„Darf ich sie hier auseinandernehmen?“

„Du sollst sogar.“

Sie kam herüber, strich mit den Fingern über den Stoff und prüfte ihn mit diesem kurzen, sicheren Blick, den nur Schneiderinnen haben.

„Sauber gearbeitet.“

„War es mal.“

„Ist es noch immer. Nicht die Naht hat sich geirrt, Emilia Krüger. Geirrt hat sich der Mensch, der glaubte, ein Kleid mache dich bereits zu seinem Besitz.“

Wir setzten uns nebeneinander. Magdalena Beck trennte die Seitennaht auf, während ich Knopf für Knopf löste. Große Worte brauchten wir nicht. Im Raum war nur das leise Reißen der Fäden zu hören und das Klopfen des Regens auf das Blechdach vor dem Fenster.

Meine Mutter rief an, als ich gerade die Spitze ordentlich zu einer Rolle aufwickelte.

„Wie geht es dir?“

„Ich lebe. Ich bin wütend. Aber es geht.“

„War er da?“

„Ja. Reingekommen ist er nicht.“

„Gut.“

Ich schwieg kurz, dann fragte ich:

„Mama, schämst du dich wegen mir?“

Ihre Stimme wurde scharf, fast empört.

„Ich schäme mich nur dafür, dass ich dich nicht früher gefragt habe, ob du glücklich bist. Für alles andere gibt es nichts, wofür man sich schämen müsste.“

Als ich später nach Hause ging, fiel ein feiner, kalter Regen. Vor dem Hauseingang stand Johanna Fuchs. Ohne Schirm. Einige Strähnen hatten sich aus ihrer Frisur gelöst, und ihr Gesicht wirkte fahl, als hätte die Nacht auch sie nicht schlafen lassen.

„Emilia Krüger“, sagte sie. „Wir müssen reden.“

„Nein. Müssen wir nicht.“

„Du bist jung und hitzköpfig. Du begreifst nicht, was du anrichtest. Lukas Simon leidet.“

„Dann soll er sich daran gewöhnen.“

Ihre Lippen wurden zu einer dünnen Linie.

„Diese Wohnung wird dich nicht glücklich machen.“

„Vielleicht nicht. Aber sie verlangt wenigstens nicht von mir, mich für die Bequemlichkeit anderer zu verkaufen.“

„Du bist grausam.“

„Nein. Sie hören nur zum ersten Mal ein Nein und verwechseln es mit Grausamkeit.“

Sie trat einen Schritt näher.

„Lukas Simon ist ein guter Mann.“

„Dann kann er ja ein guter Mann bleiben, ohne meine Wohnung dafür zu brauchen.“

Johanna Fuchs wandte den Kopf ab. Vermutlich lag ihr etwas Hartes, Verletzendes, Gewohntes auf der Zunge. Doch der Hof war leer. Es gab kein Publikum, keine Zeugen, keine Bühne. Und ohne Zuschauer verloren ihre Worte einen Teil ihrer Schärfe.

Schließlich sagte sie leise:

„Er hat dich geliebt.“

„Liebe kommt nicht kurz vor dem Standesamt mit einem Formular zum Unterschreiben.“

Ich ging an ihr vorbei und schloss die Haustür hinter mir.

Danach tauchten sie nicht mehr auf. Einige Male klingelte noch das Telefon, dann verstummte auch das. Um das Restaurant, die Absagen und die Gäste kümmerte man sich ohne mich. Lukas Simon ließ seine Kartons vom Balkon durch einen Nachbarn abholen und kam nicht einmal selbst nach oben. Die Schlüssel gab er zurück, obwohl sie ohnehin nichts mehr geöffnet hätten.

Ich hatte gedacht, es würde mehr wehtun. Doch der Schmerz war eher wie ein Nadelstich: scharf, kränkend, aber eindeutig. Man weiß sofort, wo die Spitze sitzt und wo man sie herausziehen muss.

Nach und nach hörte die Wohnung auf, nach Lukas Simon auszusehen. Seine Tasse mit der Aufschrift „Chef im Haus“ verschwand. Die Hausschuhe, die er sich selbst gekauft und demonstrativ neben die Tür gestellt hatte, als wäre sein Einzug längst beschlossen, brachte ich hinaus. Den Kalender, auf dem er das Hochzeitsdatum mit rotem Filzstift umkringelt hatte, nahm ich von der Wand. An seine Stelle hängte ich eine alte Holzspule aus dem Atelier. Sie war groß, dunkel nachgedunkelt, an einer Seite leicht abgesplittert. Aus irgendeinem Grund passte sie viel besser an diese Wand als jeder Kalender.

Das Kleid warf ich nicht weg. Aus dem festen Satin nähte ich eine Hülle für meine Nähmaschine. Aus der Spitze wurde ein Vorhang für das kleine Fenster in meiner Arbeitsecke. Die Knöpfe legte ich in ein Glas mit Schraubdeckel. Nur die Schleppe blieb lange für sich liegen, bis mir endlich einfiel, was aus ihr werden sollte.

An einem Tag ohne Aufträge rückte ich einen schmalen Holzstuhl ans Fenster. Genau jenen Stuhl, auf dem Lukas Simon früher gesessen, auf seinem Handy herumgewischt und gesagt hatte:

„Emilia, wer braucht denn diese ganzen Änderungen? Such dir lieber eine richtige Arbeit.“

Der Stuhl war stabil, nur die Sitzfläche war durchgescheuert. Ich bezog sie mit dem Stoff der Hochzeitsschleppe. Der weiße Satin spannte sich glatt darüber, ohne Falten, ohne Wellen. Am Rand setzte ich eine feine Naht. Keine Rosen, keine Schleifen, keine Spitze. Nur eine helle, klare Fläche.

Als ich fertig war, stellte ich den Stuhl neben die Nähmaschine. Ich setzte mich, drückte das Pedal hinunter und hörte das ruhige, gleichmäßige Laufen des Mechanismus. Die Maschine nähte sicher los, als hätte auch sie darauf gewartet, dass der überflüssige Lärm endlich aus der Wohnung verschwand.

Auf dem Tisch lag bereits ein neuer Auftrag: ein schlichtes blaues Kleid für eine Frau, die bei der Anprobe gesagt hatte:

„Ich möchte etwas, worin ich einfach ich selbst sein kann.“

Ich lächelte. Das war eine Aufgabe, die ich verstand.

Draußen hellten sich nach dem Regen die Dächer auf. Irgendwo im Gras beim Restaurant lag vermutlich noch immer mein Ring. Vielleicht hatte ihn der Hausmeister gefunden. Vielleicht war er unter einen Strauch gerollt. Es spielte keine Rolle mehr. Dieser Ring hatte für ein Versprechen gestanden, das nie wirklich existiert hatte. Der Stuhl am Fenster dagegen stand für den Platz, den ich mir selbst gelassen hatte.

Ich senkte den Nähfuß auf den Stoff und führte die erste Naht.

Von nun an schnitt ich mich nicht mehr nach fremden Schnittmustern zu.

LebensKlüber