— Was soll das werden, ein Streik?! — fuhr ihr Mann sie barsch an. — Meine Mutter schafft das nicht allein, und du sitzt hier und tippst auf deinem Telefon herum!
Clara Engel saß in ihrem eigenen Zimmer am Schreibtisch und prüfte gerade den Entwurf für die Webseite eines neuen Kunden. Auf dem Bildschirm ihres Laptops wechselten farbige Flächen, Schriftarten und kleine Symbole. Seit vier Jahren arbeitete sie von zu Hause aus als Webdesignerin, und diese Tätigkeit brachte ein durchaus ordentliches Einkommen ein. An Aufträgen fehlte es ihr nie, ihre Arbeitszeiten bestimmte sie selbst, und genau diese Freiheit passte zu ihrem Leben.
Die Tür zum Wohnzimmer ging auf, und Lukas Otto kam in die Wohnung. Er zog seine Jacke aus, hängte sie in den Schrank und ging anschließend in die Küche.
— Clara, bist du da? — rief er.
— Ja, ich arbeite! — antwortete sie, ohne den Blick vom Monitor zu lösen.

Kurz darauf erschien Lukas Otto im Türrahmen ihres Arbeitszimmers und lehnte sich gegen die Zarge.
— Hör mal, ich muss mit dir reden. Es ist wichtig.
Clara wandte sich vom Bildschirm ab und sah ihren Mann an. Schon an seinem Gesicht erkannte sie, dass dieses Gespräch kaum angenehm werden würde.
— Was ist passiert?
— Es geht um meine Mutter — sagte Lukas Otto und rieb sich müde über den Nasenrücken. — Ihr Haus auf dem Dorf ist völlig heruntergekommen. Das Dach ist undicht, der Ofen qualmt, die Wände sind feucht. Den Winter übersteht sie dort auf keinen Fall.
Clara verspannte sich. Sie ahnte bereits, worauf er hinauswollte.
— Und was stellst du dir vor?
— Na ja… wir müssten sie zu uns holen. Wenigstens für den Winter — murmelte Lukas Otto und wich ihrem Blick aus. — Die Wohnung hat drei Zimmer. Irgendwie kommen wir schon zurecht.
Clara lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Dorothea Schwarz hatte sie in den drei Jahren ihrer Ehe nur einige Male gesehen, doch nach jedem Treffen war ein unangenehmer Nachgeschmack geblieben. Ihre Schwiegermutter war eine bestimmende, herrische Frau, die fest davon überzeugt war, alles besser zu wissen als alle anderen.
— Lukas Otto, ist dir klar, wie sehr das unser Leben durcheinanderbringen wird?
— Sie ist meine Mutter, Clara. Ich kann sie doch nicht in diesem halb verfallenen Haus sitzen lassen — jetzt sah er seine Frau endlich direkt an. — Bitte.
Clara atmete schwer aus. Nein zu sagen brachte sie nicht übers Herz; Lukas Otto hätte es als Verrat empfunden. Außerdem begriff sie selbst, dass man einen älteren Menschen unter solchen Umständen tatsächlich nicht alleinlassen konnte.
— Also gut — gab sie schließlich nach. — Aber nur für den Winter. Und sie mischt sich nicht in unsere Angelegenheiten ein.
— Natürlich, natürlich! Danke, Liebling! — Lukas Otto stieß erleichtert die Luft aus und küsste sie auf den Scheitel.
Die Wohnung hatte tatsächlich drei Zimmer, und sie gehörte Clara Engel. Fünf Jahre zuvor hatte sie sie von ihrer Großmutter geerbt, noch bevor sie Lukas Otto überhaupt kennengelernt hatte. Nach der Hochzeit waren sie einfach zu zweit hier eingezogen. Lukas Otto arbeitete als Manager in einer Baufirma und verdiente durchschnittlich; für einen Kredit oder die Miete einer großen Wohnung hätte sein Gehalt nicht gereicht.
Dorothea Schwarz traf eine Woche später ein. Lukas Otto fuhr mit dem Auto ins Dorf, um sie abzuholen, und brachte sie mit drei riesigen Koffern und zwei Taschen zurück.
— Guten Tag, Dorothea Schwarz — begrüßte Clara ihre Schwiegermutter an der Wohnungstür und wollte ihr einen der Koffer abnehmen.
— Guten Tag — erwiderte diese trocken und ließ den Blick prüfend, fast urteilend, durch den Flur schweifen. — Hier soll ich also wohnen?
— Ja, das wird Ihr Zimmer — sagte Clara und zeigte auf das weiter hinten gelegene Schlafzimmer. — Wir haben ein Bett hineingestellt, einen Schrank, alles, was Sie brauchen.
Dorothea Schwarz betrat den Raum, sah sich langsam um und verzog dann missbilligend den Mund.
— Ein bisschen eng ist es schon. Aber gut, den Winter werde ich irgendwie überstehen.
Sie begann auszupacken, während Clara in die Küche ging und ein leichtes Ziehen der Verärgerung im Bauch spürte. „Eng“ — das Zimmer hatte fünfzehn Quadratmeter und war für eine Person mehr als ausreichend.
Die ersten Tage verliefen vergleichsweise ruhig. Dorothea Schwarz richtete sich ein, räumte ihre Sachen aus und machte sich mit der Wohnung vertraut. Clara arbeitete in ihrem Zimmer, Lukas Otto fuhr wie gewohnt ins Büro, und ihre Schwiegermutter ging ihren eigenen Beschäftigungen nach.
