Dort riss sie den Kleiderschrank auf und zog eine Reisetasche heraus.
„Schluss. Für mich ist dieses Gespräch beendet. Markus, bis morgen Abend will ich dich hier nicht mehr sehen. Ich packe deine Sachen und stelle sie vor die Tür. Die Wohnung ist gemietet, der Vertrag läuft auf meinen Namen. Ich kann und werde die Miete nicht länger für uns beide tragen. Geh zurück zu deiner Mutter, wenn sie dich so dringend braucht. Ich fahre zu meinen Eltern.“
„Laura, mach keinen Unsinn“, stammelte Markus Lorenz. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. „Wir lieben uns doch. Lass uns bitte einfach hinsetzen und in Ruhe darüber reden.“
„Es gibt nichts mehr zu bereden. Du bist pleite. Du hast Schulden, Klagen am Hals und Verpflichtungen, von denen du mir nichts erzählt hast. Deine Mutter ist eine verbitterte Frau, die grundsätzlich alle anderen für ihr Elend verantwortlich macht. Und ich will endlich Frieden. Keine Szenen mehr, keine Vorwürfe, keine Kontrollen. Geh.“
Katharina Hartmann presste sich dramatisch die Hand auf die Brust und sank schwer in den Sessel, doch ihr theatralischer Zusammenbruch verfehlte jede Wirkung. Laura sagte kein Wort mehr. Sie verschwand im Schlafzimmer und drehte den Schlüssel im Schloss herum.
Markus blieb mitten im Wohnzimmer stehen. Sein Blick hing an der verschlossenen Tür, als könne er allein durch Anstarren rückgängig machen, was gerade geschehen war. Er begriff nicht, wie etwas, das ihm noch am Morgen selbstverständlich erschienen war, innerhalb weniger Minuten zerbrechen konnte.
Aus dem Sessel kam ein leises, jammerndes Schluchzen. Katharina Hartmann murmelte etwas über die Grausamkeit der Welt, über undankbare junge Menschen und darüber, dass gute Mütter am Ende immer verraten würden. Markus ließ sich langsam aufs Sofa fallen und vergrub das Gesicht in den Händen. Über der Wohnung lag eine gespannte, beinahe klingende Stille. Genau dieselbe Stille wie damals im Gerichtssaal, als die Richterin ihr Urteil verlesen hatte.
Noch in derselben Nacht griff Laura im Schlafzimmer zum Telefon und rief ihre Mutter an. Das Gespräch dauerte nicht lange, aber danach war alles entschieden.
„Mama, kannst du morgen früh kommen? Ich brauche Hilfe beim Packen.“
„Was ist passiert?“
„Ich trenne mich von Markus. Er ist eine einzige Enttäuschung. Schulden, Unterhalt, Ärger mit dem Finanzamt — das ganze Programm. Ich habe keine Lust, da mit unterzugehen.“
„Und die Wohnung? Die hattet ihr doch gemietet.“
„Der Mietvertrag läuft über mich. Die Vermieterin ist schon informiert. Morgen ziehe ich aus. Markus setze ich vor die Tür. Soll er doch zu seiner wunderbaren Mama zurück. Sie weiß ja immer alles besser, dann kann sie ihn jetzt auch durchfüttern.“
„Und das Auto?“
„Das gehört rechtlich mir. Der Kredit leider auch. Aber ich verkaufe es. Und weißt du was? Ich habe von Anfang an alles auf meinen Namen laufen lassen. Du hast mich schließlich nicht umsonst gewarnt. Markus ist so blind, der hat nicht einmal richtig gelesen, was er unterschreibt. Ich verliere also nichts.“
„Braves Mädchen. Genau so macht man das. Man darf nicht für die Dummheit anderer bezahlen. Komm heim. Dein Vater wird froh sein.“
Am nächsten Tag kam Markus früher als sonst von der Arbeit zurück. Im Flur standen zwei große Taschen, ordentlich gepackt, direkt neben der Wohnungstür. Seine Schlüssel fand er nicht mehr in der Jackentasche; Laura hatte sie schon am Vormittag an sich genommen. Die Schlafzimmertür stand weit offen. Im Kleiderschrank schwangen ein paar leere Bügel traurig hin und her.
Er rief Laura an. Sie drückte ihn weg.
Er versuchte es ein zweites Mal. Wieder nichts.
Schließlich wählte er die Nummer seiner Mutter.
„Mama“, sagte er heiser, kaum dass sie abgenommen hatte. „Sie hat mich rausgeworfen.“
Katharina Hartmann hatte ihren angeblichen Herzanfall vom Vortag augenblicklich vergessen. Zuerst überschüttete sie Laura mit den schlimmsten Beschimpfungen, die ihr einfielen, dann erklärte sie mit triumphierendem Unterton:
„Siehst du? Ich habe es dir immer gesagt. Frauen sind alle gleich. Alle — außer der eigenen Mutter. Komm her. Dein Zimmer ist noch so, wie es war. Für den Anfang kommst du hier unter. Danach sehen wir weiter. Diesen Biestern werde ich es noch zeigen. Anna Schmitt genauso wie dieser Laura. Die werden sich noch wundern.“
Markus legte auf, nahm die beiden Taschen und trat ins Treppenhaus hinaus. Die Wohnungstür fiel hinter ihm mit einem dumpfen metallischen Schlag ins Schloss. Eine Weile blieb er im Halbdunkel des Hausflurs stehen. Ihm war, als gäbe der Boden unter seinen Füßen nach. Das Leben, das ihm gestern noch schillernd und voller Möglichkeiten vorgekommen war, war plötzlich auf zwei staubige Taschen in einem abgenutzten Treppenhaus zusammengeschrumpft.
Ein halbes Jahr verging.
Anna Schmitt stand am Fenster ihrer Küche und blickte in den Hof hinunter. Der Frühling kam zögerlich, aber unbeirrbar. Der Schnee war verschwunden und hatte das graue, plattgedrückte Gras des Vorjahres freigelegt, doch an einigen Stellen leuchteten bereits die ersten Löwenzahnköpfe. Die Sonne schien hell und beinahe warm. Ella Ludwig rannte mit ihren Freundinnen über den Hof, lachte laut und schwang ihr Springseil, als gäbe es auf der Welt nichts Schwereres als den nächsten Sprung.
Das Geld von Markus war zwei Monate nach dem Gerichtstermin eingegangen. Erst wurde ein Teil überwiesen, später der Rest. Woher er die Summe genommen hatte, wusste Anna nicht, und sie wollte es auch nicht wissen. Vielleicht hatte er etwas verkauft. Vielleicht hatte er sich bei Bekannten verschuldet. Vielleicht hatte er bei einer Bank einen Kredit zu mörderischen Konditionen aufgenommen. Es spielte keine Rolle mehr. Der Anwalt hatte seine Arbeit getan, die Vollstreckungsstelle ebenfalls. Der Unterhalt für den folgenden Monat kam pünktlich, auf den Tag genau. Seitdem gab es keine Verzögerungen mehr.
Katharina Hartmann war aus Annas Leben verschwunden. Nur ein einziges Mal begegnete Anna ihr zufällig in einem Einkaufszentrum. Die ehemalige Schwiegermutter stand vor einem Geldautomaten, tippte nervös auf die Tasten und zerrte wütend an ihrer Handtasche. Sie wirkte gealtert, abgekämpft, irgendwie aus der Form geraten. Vielleicht war nur die Haarfarbe herausgewachsen, vielleicht hatten sich die Falten vertieft. Als sie den Kopf hob und Anna erkannte, wandte sie sich sofort ab, als hätte sie eine Fremde gesehen. Anna ging nicht auf sie zu. Sie schob einfach ihren Einkaufswagen weiter, leicht und ohne Eile, und ließ Katharina Hartmann hinter sich.
Am Abend desselben Tages klingelte das Telefon. Clara Engel war am Apparat.
„Rate mal, was ich gehört habe.“
„Keine Ahnung. Was denn?“
„Ich war heute im Gericht und habe dort eine Bekannte aus der Geschäftsstelle getroffen. Sie erzählte, dass die Steuerprüfung bei Laura Friedrich richtig teuer geworden ist. Eine saftige Nachzahlung und ein Bußgeld obendrauf. Man hat ihr alles angerechnet: nicht versteuerte Einnahmen, Unstimmigkeiten in den Erklärungen, irgendwelche falschen Angaben. Am Ende mussten ihre Eltern ihr Ferienhaus verkaufen, damit die Schulden beglichen werden konnten. Tja. Das Glück bleibt eben nicht ewig auf derselben Seite.“
Anna schwieg kurz.
„Fast tut sie mir leid“, sagte sie dann leise.
„Das sollte sie nicht“, erwiderte Clara entschieden. „Sie wusste, worauf sie sich einlässt. Sie wusste, dass dieser Mann ein Kind hat und keinen Unterhalt zahlt. Trotzdem hat sie sich von ihm an die Küste einladen lassen und Pelzmäntel gefordert. Jetzt bekommt sie die Rechnung. Manchmal gibt es eben doch Gerechtigkeit.“
Anna verabschiedete sich und legte das Handy beiseite.
Sie kochte sich Tee, setzte sich an den Küchentisch und blätterte gedankenverloren in der Zeitung vom Vortag. Die Wohnung war still. Draußen wurde es langsam dunkel.
Da klingelte es an der Tür.
Anna zuckte zusammen. Seit einiger Zeit jagte ihr ein abendliches Klingeln jedes Mal einen Stich durch den Körper. Sie ging in den Flur, beugte sich zum Spion — und erstarrte.
Vor der Tür stand Markus Lorenz.
Allein. Ohne seine Mutter. Ohne Laura. Nur ein Mann in einer zerknitterten Jacke, mit eingefallenem Gesicht und Bartstoppeln, die nach mehreren schlaflosen Tagen aussahen. In der Hand hielt er eine Papiertüte. Sein Blick war schuldbewusst, fast flehend.
Anna öffnete, blieb jedoch im Türrahmen stehen und versperrte ihm den Weg.
„Hallo“, sagte Markus leise. „Darf ich reinkommen?“
„Wozu?“
„Ich möchte reden. Und ich habe Ella etwas mitgebracht. Nur eine Kleinigkeit. Ich würde sie gern sehen. Bitte.“
„Ella schläft schon“, log Anna ruhig. „Sag, was du sagen wolltest.“
Markus trat von einem Fuß auf den anderen und wechselte die Tüte von der rechten in die linke Hand.
„Anna, ich will zurück. Ich habe alles begriffen. Ich war ein Idiot. Mama hat mich durcheinandergebracht, Laura hat mich ausgenutzt. Ich habe den Verstand verloren. Aber jetzt ist mir klar geworden, was wirklich zählt. Du warst die Einzige, die mich ehrlich geliebt hat. Lass es uns noch einmal versuchen. Wir haben eine Tochter. Wir sind doch eine Familie. Ich werde mich ändern. Wirklich. Ich arbeite, ich helfe, ich mache alles wieder gut. Gib mir nur eine Chance.“
Anna hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen. Vor ihr stand der Mann, den sie einmal so sehr geliebt hatte, dass ihr bei seinem Anblick die Hände zitterten. Jetzt spürte sie nichts dergleichen mehr. Nur Müdigkeit. Und einen leisen Widerwillen.
„Markus, du kommst zu spät“, sagte sie still, aber fest. „Dieser Zug ist abgefahren. Du hast deine Entscheidung vor anderthalb Jahren getroffen. Ich bin nicht deine Ausweichspur. Ich bin kein Landeplatz, auf den man zurückkehrt, wenn man sich anderswo die Flügel gebrochen hat. Geh. Das Geschenk kannst du hierlassen, ich gebe es Ella. Aber du selbst kommst nicht mehr unangemeldet hierher.“
Sie nahm ihm die Papiertüte aus den kraftlosen Fingern, trat einen Schritt zurück und schloss die Tür.
Draußen hörte sie sein schweres Atmen. Dann entfernten sich Schritte. Danach war es still.
Anna ging in die Küche zurück, stellte die Tüte auf die Fensterbank und nahm wieder ihre Teetasse in die Hand. Der Tee war beinahe kalt.
Sie trank einen Schluck und dachte daran, dass morgen die Nebenkosten bezahlt werden mussten, dass sie Ella zum Tanzkurs anmelden wollte und dass ihre Tochter neue Stiefel für den Frühling brauchte. Es gab viel zu erledigen. Das Leben ging weiter.
Zur selben Zeit stand Katharina Hartmann zwei Straßen weiter in einer kleinen Bankfiliale. Zwischen ihren Fingern zerknitterte sie einen Überweisungsschein. Hinter der Glasscheibe wartete eine junge Kassiererin geduldig, während die ältere Frau die zerknüllten Scheine in ihrer Hand zählte.
„Es fehlen noch vier Euro und zweiunddreißig Cent“, wiederholte die Kassiererin. „Das ist die nächste Rate für den Kredit Ihres Sohnes. Zahlen Sie bar oder mit Karte?“
„Bar“, knurrte Katharina Hartmann und begann hektisch in ihrem Portemonnaie zu suchen.
Sie holte die letzten Münzen und Scheine heraus, schob sie in die Kassenschale und murmelte vor sich hin, allerdings laut genug, dass man es verstehen konnte:
„Bald kommt erst die Rente. So weit ist es also gekommen. Der Sohn steckt bis zum Hals in Schulden, die frühere Schwiegertochter ist eine Schlange, und diese Laura hat sich am Ende auch noch als Betrügerin entpuppt. Und wer darf jetzt alles ausbaden? Natürlich ich. Warum? Weil niemand einem einen vernünftigen Rat gibt. Überall nur Bosheit.“
Die Kassiererin nahm das Geld entgegen. Dann konnte sie sich nicht ganz zurückhalten und sagte leise, beinahe nur zu sich selbst:
„Vielleicht überlegt er beim nächsten Mal vorher, ob er seine Familie verlässt.“
Katharina Hartmann riss den Kopf hoch, bereit, eine wütende Tirade loszulassen. Doch die Kassiererin hatte sich bereits wieder ihrem Bildschirm zugewandt und tippte auf der Tastatur. Hinter Katharina begann die Schlange ungeduldig zu murren. Die Frau schnappte sich ihre Handtasche und ging, vor Empörung dunkelrot im Gesicht, zum Ausgang.
Die Banktür schloss sich hinter ihr und trennte sie von Wärme und Licht.
Draußen setzte wieder Regen ein.
