„Na, guten Abend, Anna Schmitt. Damit hast du wohl nicht gerechnet.“ sagte Katharina Hartmann und ging ohne Einladung ins Wohnzimmer

Unverschämt und beunruhigend, diese kalt berechnete Störung.
Geschichten

„Ich habe deine Tochter, und sie braucht Essen, Kleidung und Medikamente. Deine Mutter stand in meiner Wohnung und wollte, dass ich dich von deinen Pflichten entbinde, damit deine neue Frau ihren Pelzmantel bekommt. Findest du das ernsthaft normal?“

Am anderen Ende der Leitung wurde es still. Offenbar hatte Katharina Hartmann ihrem Sohn die Einzelheiten ihres Besuchs nicht ganz so ausführlich geschildert.

„Das hat Mama bestimmt nicht so gemeint“, stieß Markus schließlich hervor. „Du verdrehst doch wieder alles! Wie immer. Du machst aus allem etwas anderes. Mit dir kann man einfach nicht reden.“

„Markus, der Gerichtstermin ist in einer Woche“, sagte Anna Schmitt, ohne lauter zu werden. „Mein Anwalt hat alles vorbereitet. Deine Einkünfte, deine Ausgaben, Lauras Reisen, das Auto, der Urlaub im Ausland. Das alles wird dem Gericht vorgelegt. Wenn du die Sache noch ohne weiteren Ärger klären willst, zahlst du den gesamten Rückstand. Einschließlich Verzugszinsen. Vor der Verhandlung.“

„Drohst du mir jetzt?“ Seine Stimme kippte fast ins Schreien. „Du hast unsere Ehe kaputtgemacht, und jetzt willst du auch noch meine neue Familie zerstören? Bist du neidisch? Ist es das? Du erträgst es nicht, dass ich glücklich bin, während du allein in deinem Loch hockst? Glaubst du, du wirst zufriedener, wenn du mir das Leben ruinierst? Wirst du nicht!“

„Bis vor Gericht“, erwiderte Anna Schmitt nur und beendete das Gespräch.

Ihre Finger zitterten, als sie das Handy sinken ließ. Trotzdem war da in ihr eine seltsame, feste Ruhe. Sie hatte getan, was nötig war. Von nun an sollte das Gesetz sprechen.

Die Verhandlung fand am Mittwoch um zwei Uhr nachmittags statt.

Der Sitzungssaal war klein, stickig und wirkte, als hätte ihn seit Jahren niemand mehr richtig renoviert. Hohe Fenster ließen ein fahles Licht hereinfallen, die Holzbänke knarrten schon beim Hinsetzen, und die blassgrünen Wände machten den Raum noch trostloser. Anna Schmitt kam eine Viertelstunde vor Beginn zusammen mit Thomas Bergmann. Der Anwalt blieb vollkommen gelassen, blätterte in seinen Unterlagen und gab ihr nebenbei die letzten Hinweise.

„Antworten Sie nur, wenn Sie direkt gefragt werden. Lassen Sie sich auf keine Provokationen ein. Falls Ihre ehemalige Schwiegermutter oder der Beklagte beleidigend werden, schweigen Sie. Dafür bin ich da.“

Markus Lorenz erschien kurz darauf. Katharina Hartmann hing an seinem Arm, als müsse sie ihn vor der ganzen Welt beschützen. Auch Laura Friedrich hatte sich herabgelassen, zu kommen. Sie war zurechtgemacht, als sei sie zu einem festlichen Abend eingeladen: kurzes Kleid, hohe Absätze, auffälliges Make-up. Katharina musterte Anna Schmitt von oben bis unten, presste irgendeine Bemerkung zwischen den Zähnen hervor und setzte sich demonstrativ auf eine Bank am anderen Ende des Saals.

Die Protokollführerin rief die Beteiligten auf. Die Richterin, eine Frau um die fünfundvierzig mit müdem Gesicht und wachem, scharfem Blick, nahm Platz. Dann begann die Sitzung.

Zuerst erhielt Thomas Bergmann das Wort. Er sprach ruhig, beinahe leise, doch jeder Satz saß. Sachlich legte er die Fakten dar: die Höhe des eigentlichen Unterhaltsrückstands, die Zeiträume, die Verzugsbeträge, die Berechnung der Zinsen. Anschließend kam er auf die Hinweise zur Verschleierung von Einkünften zu sprechen. Kontoauszüge. Ausdrucke aus sozialen Netzwerken. Kopien von Verkaufsanzeigen für das Auto, verknüpft mit dem Profil der neuen Ehefrau des Beklagten. Belege über Auslandsreisen.

Die Richterin runzelte die Stirn, während sie die Unterlagen prüfte.

Dann stand Markus auf. Sein Anwalt, ein sehr junger Mann, dem die Unsicherheit deutlich anzumerken war, versuchte zu argumentieren, die behaupteten Einnahmen seines Mandanten seien nicht nachgewiesen. Das Auto sei von den Eltern Laura Friedrichs finanziert worden, die Reise wiederum ein Geschenk einer Freundin gewesen. Doch kaum hatte er einen Punkt vorgebracht, wurde er durch Gegenfragen ins Wanken gebracht.

Die Richterin sah von den Akten auf.

„Dann belegen Sie bitte die Herkunft der Mittel für den Fahrzeugkauf. Gibt es einen Schenkungsvertrag? Quittungen? Schriftliche Nachweise?“

Der Anwalt von Markus geriet ins Stocken. Solche Belege gab es nicht.

„Aus den vorliegenden Angaben zu den Einkünften des Beklagten“, fuhr die Richterin fort und schlug die nächste Seite auf, „ergibt sich, dass sein offizielles Monatsgehalt nahezu viermal niedriger ist als seine regelmäßigen Ausgaben. Wie erklären Sie diese Differenz?“

„Mein Mandant greift auf Ersparnisse zurück“, sagte der junge Anwalt, doch seine Stimme klang alles andere als überzeugt.

„Auf Ersparnisse, die auf keinem einzigen Konto nachweisbar sind“, entgegnete Thomas Bergmann sofort. „Ich beantrage, die Bankauskunft über das Nichtbestehen entsprechender Guthaben zur Akte zu nehmen.“

Die Richterin nickte knapp.

Den entscheidenden Eindruck hinterließ schließlich Katharina Hartmann. Sie bat darum, sprechen zu dürfen, und nach kurzem Zögern erlaubte die Richterin es.

„Euer Ehren“, begann die ehemalige Schwiegermutter mit einer süßlichen, schmierigen Stimme, „diese Frau hat meinen Sohn zugrunde gerichtet. Sie war schon immer habgierig und rachsüchtig. Ihr geht es nur ums Geld. Sie lässt ihn nicht einmal sein Kind sehen! Mein Junge will doch nur ein neues Leben aufbauen. Er ist jung, attraktiv, er braucht Freiheit. Aber diese da“ — sie machte eine wegwerfende Handbewegung in Richtung Anna Schmitt — „saugt ihn aus bis auf den letzten Tropfen. Ich bitte Sie, haben Sie doch Verständnis für seine Lage.“

Die Richterin nahm langsam ihre Brille ab und sah Katharina Hartmann lange und schwer an.

„Sind Sie fertig? Das Gericht verhandelt hier über rückständigen Kindesunterhalt und die Frage, ob sich der Beklagte seiner Zahlungspflicht entzogen hat. Ihre Einschätzung des Charakters der Klägerin ist für den Gegenstand des Verfahrens unerheblich. Bitte setzen Sie sich.“

Katharina lief dunkelrot an. Für einen Moment sah es aus, als wolle sie widersprechen, doch der Anwalt flüsterte ihr hastig etwas zu. Mit zusammengepressten Lippen ließ sie sich wieder auf die Bank sinken. Laura Friedrich saß blass und verärgert daneben. Offensichtlich hatte sie sich den Verlauf anders vorgestellt.

Die Richterin ordnete eine kurze Unterbrechung an. Danach wurde die Entscheidung verkündet.

„Der Klage wird teilweise stattgegeben. Der Beklagte wird verpflichtet, den Unterhaltsrückstand in voller Höhe zu begleichen sowie Verzugszinsen für jeden Tag der verspäteten Zahlung zu leisten. Die insgesamt zu zahlende Summe beträgt viertausendachthundertsiebzig Euro. Darüber hinaus verpflichtet das Gericht den Beklagten, wahrheitsgemäße Angaben zu seinen Einkünften vorzulegen. Die Akten werden zur Prüfung möglicher nicht erklärter Einnahmen an das zuständige Finanzamt weitergeleitet.“

Markus Lorenz klappte der Mund auf. Er stand da, als habe er die Worte nicht verstanden. Laura packte ihn am Ärmel und zischte:

„Was heißt hier viertausendachthundertsiebzig Euro? Du hast gesagt, wir kriegen das hin. Du hast gesagt, sie traut sich das sowieso nicht!“

Katharina Hartmann wurde kreidebleich. Ihr Blick bohrte sich voller Hass in Anna Schmitt, als hätte sich die Luft im Saal plötzlich erhitzt.

Anna sammelte schweigend ihre Papiere ein, bedankte sich bei Thomas Bergmann und ging hinaus auf den Flur. Sie sah nicht zurück. Sie wusste: Vorbei war es noch lange nicht. Der eigentliche Sturm würde erst losbrechen.

Und dieser Sturm brach tatsächlich noch am selben Abend los — allerdings nicht bei Anna Schmitt, sondern an einem ganz anderen Ort.

Laura Friedrich war als Erste wieder in der Wohnung. Sie warf ihre Schlüssel auf die Kommode und ging, ohne den Mantel auszuziehen, direkt ins Wohnzimmer. In ihr brodelte es. Viertausendachthundertsiebzig Euro. Dazu eine Prüfung durch das Finanzamt. Dazu die Demütigung vor Gericht. Und wofür das alles? Damit sie in einem stickigen Saal sitzen und anhören musste, wie seine Mutter wirres Zeug über eine angeblich geldgierige Exfrau von sich gab?

Eine halbe Stunde später kamen Markus und Katharina Hartmann herein. Die Mutter hielt ihren Sohn am Arm und redete aufgeregt auf ihn ein.

„Wir legen Berufung ein. Das ist nicht rechtens. Ich rufe Sebastian Werner an, er kennt sich aus, er war früher Jurist. Er hilft uns bestimmt. Mach dir keine Sorgen, mein Junge. Wir lassen uns nicht unterkriegen. Diese Schlange wird das noch bereuen.“

Laura stand im Türrahmen des Wohnzimmers, die Arme vor der Brust verschränkt. In ihrem Gesicht war keine Zärtlichkeit mehr, keine Bewunderung, keine verliebte Nachsicht. Nur kalte Gereiztheit.

„Genug“, sagte sie scharf.

Katharina verstummte mitten im Satz.

„Was soll das heißen — genug?“, fragte sie und dämpfte ihre Stimme.

„Genug mit diesem Gerede von Schlangen, Berufung und Rache. Ihr Sohn schuldet fast fünftausend Euro. Verstehen Sie überhaupt, was das bedeutet? Ich habe dieses Geld nicht. Wir haben dieses Geld nicht. Und haben Sie im Gerichtssaal gehört, was die Richterin gesagt hat? Finanzamt. Wenn die anfangen zu prüfen, woher das Geld für mein Auto und die Reise kam, bekomme ich ernsthafte Probleme. Strafen kann ich wirklich nicht auch noch gebrauchen.“

„Kindchen“, säuselte Katharina und versuchte sofort, die Kontrolle über die Situation zurückzugewinnen, „reg dich doch nicht so auf. Wir bringen das in Ordnung. Wir verkaufen eben das Auto, leihen uns etwas von Bekannten. Wichtig ist nur, dass diese Person nicht gewinnt. Du liebst Markus doch, nicht wahr?“

Laura verengte die Augen. Etwas Hartes blitzte darin auf.

„Lieben? Ich liebe ein ruhiges Leben. Ihr Sohn hat mich vor Gericht gezerrt und mich wie eine komplette Idiotin dastehen lassen. Sie haben mir versprochen, es werde mit seiner Exfrau keine Schwierigkeiten geben. Sie sagten, sie sei eine stille graue Maus, die nicht einmal den Mund aufmacht. Und wo ist diese Maus jetzt? Sie hat uns zerlegt. Und Sie stehen hier und erzählen mir etwas von Berufung.“

Markus, der bis dahin geschwiegen hatte, machte einen Schritt nach vorn.

„Laura, hör mir bitte zu…“

„Nein. Jetzt hörst du mir zu.“ Sie stieß ihm den Zeigefinger gegen die Brust. „Du hast mir ein normales Leben versprochen. Und was habe ich bekommen? Du schuldest deiner Exfrau Geld, deine Mutter mischt sich in alles ein, und jetzt wird auch noch das Finanzamt in meinen Finanzen herumwühlen. Darauf habe ich keine Lust. Ich habe meinen eigenen Kopf. Und weißt du was? Ich werde deine Schulden nicht bezahlen. Du hast diesen Mist verursacht, also räum ihn selbst weg.“

„Aber wir sind doch eine Familie“, murmelte Markus fassungslos.

„Eine Familie?“ Laura lachte bitter auf. „Was für eine Familie soll das sein? Du verdienst nicht einmal genug, damit deine eigene Tochter nicht jeden Cent umdrehen muss. Und du glaubst wirklich, ich will so einen Mann?“

Katharina Hartmann trat hinter ihrem Sohn hervor. Rote Flecken breiteten sich auf ihrem Gesicht aus.

„Du undankbares Mädchen! Was Markus und ich alles für dich getan haben! Die Wohnung bezahlt, das Auto geschenkt, diese albernen Urlaube! Und jetzt rümpfst du die Nase? Glaubst du etwa, du findest etwas Besseres? Wer soll dich denn mit deinem Charakter nehmen?“

„Die Wohnung bezahlt?“ Laura verlor nun endgültig die Beherrschung. „Sie haben ein halbes Jahr lang gejammert, dass kein Geld da ist. Das Auto läuft auf Kredit, und der Vertrag steht übrigens auf meinen Namen. Und den Urlaub habe ich mir selbst organisiert. Ihr Sohn hat nur versprochen, mir die Hälfte zurückzugeben, und natürlich kam nie etwas. Sie haben mir gar nichts geschenkt. Außer Ärger. Davon allerdings mehr als genug.“

Sie fuhr herum und ging mit schnellen Schritten ins Schlafzimmer.

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