Er verschwand im Schlafzimmer. Kurz darauf krachten Schranktüren, Schubladen wurden aufgerissen, Stoff raschelte. Lukas warf seine Kleidung wahllos in eine Reisetasche, als wolle er mit jedem Handgriff beweisen, wie sehr er sie verachtete.
Emilia Meier blieb im Wohnzimmer stehen. In ihrer Hand lag das Handy, der Bildschirm bereits entsperrt. Sollte er auch nur einen Schritt zu weit gehen, sollte er versuchen, sie anzufassen oder einzuschüchtern, würde sie ohne Zögern die Polizei rufen.
Nach ungefähr einer Viertelstunde tauchte Lukas wieder auf. In jeder Hand hielt er eine Tasche, sein Gesicht war vor Zorn dunkelrot.
— Das wirst du noch bitter bereuen!
— Nein, Lukas. Das werde ich nicht. — Emilia ging zur Wohnungstür und öffnete sie. — Raus.
— Ich gehe zum Anwalt! Ich verlange meinen Anteil! Du kannst mich nicht einfach so vor die Tür setzen!
— Die Wohnung gehörte mir schon vor unserer Ehe. Das Auto ebenfalls. Du hast auf nichts Anspruch. Und jetzt geh.
Sie ließ ihm keinen Raum mehr für Diskussionen. Mit fester Hand drängte sie ihn in den Hausflur, zog die Tür zu und schloss sofort zweimal ab. Draußen schlug Lukas noch eine Weile mit der Faust gegen das Holz, brüllte Drohungen und Beleidigungen. Nach ein paar Minuten verstummte er. Dann entfernten sich seine Schritte.
Erst da gab Emilias Körper nach. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür, rutschte langsam daran hinunter und blieb auf dem Boden sitzen. Ihre Finger bebten so stark, dass sie das Telefon kaum halten konnte. Sie zog die Beine an den Körper und saß reglos da, bis hinter den Fenstern der Morgen grau wurde.
Noch am selben Tag rief sie einen Anwalt an und vereinbarte einen Termin. Am Montag stellte sie den Scheidungsantrag. Viel zu klären gab es nicht: Die Wohnung war auf ihren Namen eingetragen, das Auto ebenfalls, gemeinsames Vermögen hatten sie praktisch nicht aufgebaut. Lukas versuchte zwar, mit einer Gegenforderung aufzutreten und für drei Ehejahre irgendeine Entschädigung herauszuschlagen, doch das Gericht ließ ihn damit nicht durchkommen.
Zwei Monate später war alles rechtskräftig. Emilias zweite Ehe war beendet — und sie hatte beinahe denselben bitteren Geschmack hinterlassen wie die erste. Wieder hatte jemand gelogen. Wieder hatte jemand gerechnet. Wieder hatte ein Mann versucht, aus ihr einen bequemen Vorteil zu ziehen.
An einem stillen Abend saß Emilia in ihrer Küche, umklammerte eine Tasse Kaffee und sah hinaus auf die Straße. In ihr war Bitterkeit, ja. Aber es war nicht mehr dieser lähmende Schmerz, den sie nach ihrer ersten Trennung gekannt hatte. Diesmal wusste sie: Sie hatte rechtzeitig die Notbremse gezogen.
Wenn sie Lukas nicht zufällig gehört hätte, hätte er sein Vorhaben weiterverfolgt. Erst hätte er die Kinder in ihrer Wohnung angemeldet, dann hätten Forderungen begonnen. Ein Anteil hier, ein Recht dort, Vorwürfe, Druck, Schuldgefühle. Schritt für Schritt hätte er versucht, sie in die Enge zu treiben.
Doch sie hatte sich gewehrt. Sie hatte ihr Zuhause behalten. Ihr Auto blieb ihr. Ihre Ersparnisse waren sicher. Die Entscheidung hatte wehgetan, aber sie war richtig gewesen.
Lukas meldete sich danach noch mehrmals. Er rief an, schrieb lange Nachrichten, bat um ein Treffen. Mal behauptete er, sie habe alles völlig falsch verstanden, mal beteuerte er, sie sei die einzige Frau, die er je geliebt habe. Emilia las seine Worte, spürte nichts außer Müdigkeit und löschte die Nachrichten, ohne zu antworten. Vertrauen war nicht mehr übrig.
Auch Mathilda Krause versuchte es. Sie rief an und schrie so laut ins Telefon, dass Emilia es ein Stück vom Ohr weghalten musste. Sie warf ihr vor, das Leben ihres Sohnes ruiniert zu haben. Emilia hörte sich das ruhig an, sagte kein Wort und blockierte anschließend die Nummer.
Ein halbes Jahr verging.
Emilia meldete sich zu einem Spanischkurs an, weil sie diese Sprache schon seit Jahren lernen wollte. Abends ging sie schwimmen. Sie traf Freundinnen, machte am Wochenende kleine Ausflüge aus der Stadt und gewöhnte sich wieder daran, dass Ruhe kein Mangel war, sondern ein Geschenk.
Ihr Leben wurde nicht spektakulär. Aber es wurde ihres. Übersichtlich, friedlich, frei.
Eines Nachmittags fragte eine Freundin sie bei Kaffee und Kuchen:
— Und? Glaubst du, du heiratest irgendwann noch einmal?
Emilia dachte einen Moment darüber nach. Dann schüttelte sie langsam den Kopf.
— Nein. Ich glaube, das reicht mir. Ich kann auch ohne Ehemann glücklich sein.
— Wirklich?
— Ganz sicher. Ich brauche keinen Mann, der mich benutzt. Ich bin selbstständig, ich komme zurecht, ich habe alles, was ich brauche. Warum sollte ich mir wieder solche Spiele ins Haus holen?
Die Freundin betrachtete sie mit sichtbarer Bewunderung.
— Weißt du, ich finde das stark. Du hast wirklich Rückgrat.
Emilia lächelte leise.
Ja, das hatte sie. Rückgrat. Eine eigene Wohnung. Ein eigenes Auto. Und vor allem Freiheit — Freiheit von Menschen, die in ihr nur eine Möglichkeit gesehen hatten, bequemer zu leben.
Sie begann noch einmal neu. In diesem Leben war kein Platz mehr für Lügen, Berechnung und falsche Versprechen. Es gehörte ihr allein: ihren Wünschen, ihren Plänen, ihrer Ruhe und ihrem Glück.
Und das genügte.
