„Na, guten Abend, Anna Schmitt. Damit hast du wohl nicht gerechnet.“ sagte Katharina Hartmann und ging ohne Einladung ins Wohnzimmer

Unverschämt und beunruhigend, diese kalt berechnete Störung.
Geschichten

Der Abend hätte friedlich werden können. Draußen hing ein feiner Oktoberniesel in der Luft, und die Tropfen klopften unablässig gegen das blecherne Fensterbrett. In der Wohnung roch es nach Hähnchen aus dem Ofen und nach frischem Brot. Anna Schmitt saß mit ihrer siebenjährigen Tochter am Tisch und ging deren Mathehausaufgaben durch. Ella Ludwig schrieb die Zahlen mit angestrengter Sorgfalt in ihr Heft, zog dabei manchmal auf diese komische Weise die Stirn kraus — genau wie ihr Vater. Kaum war Anna dieser Gedanke gekommen, schob sie ihn auch schon wieder fort. An ihn wollte sie nicht denken.

Da klingelte es.

Nicht kurz, nicht zaghaft, sondern schrill und fordernd, eine lange, ungeduldige Folge von Tönen. Anna spürte sofort dieses unangenehme Ziehen in der Magengegend, ohne genau sagen zu können, weshalb. Sie trat zur Tür, sah durch den Spion — und erstarrte.

Vor der Wohnung stand Katharina Hartmann. Ihre ehemalige Schwiegermutter.

In der einen Hand hielt sie eine große, glänzend lackierte Einkaufstasche, in der anderen einen Regenschirm, den sie nicht einmal im Treppenhaus geschlossen hatte. Von der Spitze tropfte Wasser auf den Betonboden und hinterließ dunkle Flecken.

Anna zögerte einen Moment. Dann öffnete sie doch. Aus reiner Neugier, sagte sie sich. Welcher Teufel hatte diese Frau ein halbes Jahr nach der Scheidung plötzlich wieder vor ihre Tür geführt?

Katharina Hartmann glitt in den Flur, als gehöre die Wohnung ihr. Ein schwerer, teurer Duft mit einer bitteren Note hing an ihr, vermischt mit feuchter Herbstkälte. Sie musterte den schmalen Eingangsbereich, blieb mit den Augen an Ellas kleinen Stiefeln hängen, presste die Lippen zusammen und sagte:

„Na, guten Abend, Anna Schmitt. Damit hast du wohl nicht gerechnet.“

„Nein“, erwiderte Anna knapp und blieb stehen, wo sie war. „Ist etwas passiert?“

Katharina seufzte schwer, als müsse sie gleich eine furchtbare Nachricht überbringen, und ging ohne Einladung ins Wohnzimmer. Dort stellte sie ihre Tasche auf den Boden, setzte sich aufs Sofa und strich ihren Rock glatt. Ella hob den Kopf von ihrem Heft und sah die Großmutter erstaunt an. In den vergangenen sechs Monaten hatte diese Frau kein einziges Mal angerufen.

„Ella, mein Schatz, geh bitte in dein Zimmer“, sagte Anna und bemühte sich um eine ruhige Stimme. „Die Oma und ich müssen etwas besprechen.“

Das Mädchen packte gehorsam seine Hefte zusammen, verschwand und zog die Tür hinter sich fest zu. Katharina sah ihr nach, doch sie verlor keine Zeit mit langen Vorreden. Sie zog einen Stapel Unterlagen aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch.

„Ich komme wegen einer ernsten Sache, Anna“, begann sie beinahe sanft. „Verzeih, dass ich einfach so hereinschneie. Aber die Lage ist so, dass man es kaum noch aushält.“

Anna schwieg und wartete.

„Unser Markus Lorenz steckt gerade in einer schwierigen Phase. Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Laura Friedrich ist jung, du weißt ja, wie junge Frauen sind. Heute braucht sie dies, morgen jenes. Die beiden haben eine ordentliche Wohnung gemietet. Außerdem hängt Markus noch ein Kredit am Hals, einer aus eurer gemeinsamen Zeit. Und das Auto muss auch bezahlt werden. Kurz gesagt: In diesem Monat kann er den Unterhalt nicht überweisen. Du solltest ein bisschen Verständnis zeigen.“

Anna blinzelte. Dann fragte sie langsam:

„Wie bitte?“

Katharina verdrehte die Augen, als rede sie mit einem begriffsstutzigen Kind.

„Ach, tu doch nicht so, als hättest du mich nicht verstanden. Ich sagte: Diesen Monat gibt es keinen Unterhalt. Markus hat es schwer. Laura braucht einen Mantel, der Winter steht vor der Tür. Und überhaupt — mein Junge baut sich mit seiner jungen Frau ein neues Leben auf. Im Augenblick brauchen sie das Geld dringender. Du bist schließlich eine erwachsene, selbständige Frau. Du verdienst. Einen Monat wirst du wohl auch ohne seine paar Überweisungen zurechtkommen.“

In Anna riss innerlich etwas ab, und im selben Augenblick stieg Hitze in ihr auf. Sie sah diese ältere Frau mit der tadellosen Frisur und den goldenen Ohrringen an und konnte kaum glauben, was sie da hörte. Markus war zu seiner Geliebten gegangen. Er hatte sie mit dem Kind allein gelassen. Seit einem halben Jahr stemmte Anna Arbeit, Haushalt und Tochter ohne Hilfe. Und nun saß ausgerechnet seine Mutter vor ihr — eine Frau, die weder mit Geld noch mit einem freundlichen Wort je geholfen hatte — und verlangte, Anna solle auf den Unterhalt verzichten, damit die neue Ehefrau einen Wintermantel bekam?

„Katharina Hartmann, hören Sie sich eigentlich selbst zu?“ Annas Stimme klang dumpf, aber darin lag bereits ein harter Klang. „Ihr Sohn ist zu einer Jüngeren gezogen? Dann gehen Sie zu ihr, wenn Sie Geld brauchen. Nicht zu mir.“

Katharina fuhr auf. Die mühsam aufgesetzte Freundlichkeit fiel in einem einzigen Augenblick von ihr ab. Sie beugte sich nach vorn und stieß die Worte beinahe aus:

„Was erlaubst du dir eigentlich? Ich bin zu dir gekommen wie zu einer nahen Verwandten. Ich dachte, du hättest vielleicht ein Herz, würdest Verständnis zeigen. Aber du! Du warst schon immer kalt, Anna Schmitt. Markus hatte recht, dich zu verlassen. Mit dir kann man nicht reden. Eine Schlange bist du!“

„Sind Sie fertig?“ Anna deutete zur Tür. „Dann gehen Sie bitte. Und nehmen Sie Ihre Papiere mit.“

Katharina sprang vom Sofa auf, riss ihre Tasche an sich und rauschte mit polternden Schritten in den Flur. An der Wohnungstür drehte sie sich noch einmal um und schleuderte ihr entgegen:

„Das wirst du bereuen! Glaubst du, ich wüsste nicht, wie man dich zur Vernunft bringt? Du wirst mir noch Tränen vergießen, mein Mädchen!“

Die Tür knallte zu, als wäre ein Schuss gefallen. Anna lehnte sich an die Wand und schloss die Augen. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Kurz darauf kam Ella leise aus ihrem Zimmer. Sie fragte nichts. Sie trat nur zu ihrer Mutter, schlang die Arme um deren Taille und drückte die Wange an sie. Anna strich ihr übers Haar und flüsterte:

„Hab keine Angst, mein Häschen. Wir schaffen das.“

In dieser Nacht fand Anna lange keinen Schlaf. Sie lag im Dunkeln und ließ die vergangenen Jahre wieder an sich vorbeiziehen. Sieben Jahre Ehe, die Katharina Hartmann mit Ausdauer und System in einen Albtraum verwandelt hatte.

Am Anfang war alles noch halbwegs erträglich gewesen. Die Schwiegermutter kam zwar oft vorbei, kündigte ihre Besuche aber immerhin an. Später begannen die Anrufe bei Markus, bei denen er Rechenschaft über jede Anschaffung ablegen sollte. Katharina verlangte Fotos von Kassenbons. Sie wollte genau wissen, wofür Anna angeblich das Geld ihres Sohnes ausgab.

„Sie nimmt dich aus“, zischte Katharina ins Telefon, und Markus nickte gehorsam, als hätte er vergessen, dass Anna genauso arbeitete wie er und mindestens ebenso viel zum Familienbudget beitrug.

Als Ella geboren wurde, wurde alles nur schlimmer. Katharina kritisierte ausnahmslos alles: die Art des Stillens, die Windeln, die Farbe des Kinderwagens, sogar den Namen des Babys. Sie bestand darauf, das Mädchen Katharina zu nennen. Damals zeigte Anna zum ersten Mal wirklich Rückgrat und blieb eisern. Den Namen hatten sie und Markus gemeinsam ausgesucht. Damals war er noch imstande gewesen, eigene Entscheidungen zu treffen.

Katharina verzieh ihr das nie. Von da an begann sie, ihren Sohn Stück für Stück gegen seine Frau aufzubringen.

„Sieh sie dir doch an. Nach der Geburt hat sie sich völlig gehen lassen. Läuft im alten Morgenmantel herum. Was findest du überhaupt noch an ihr? Früher war sie wenigstens ganz hübsch.“

„Warum sitzt sie zu Hause? Elternzeit? Als wäre das Arbeit. Du schuftest wie ein Verrückter, und sie lackiert sich die Nägel.“

„Sie betrügt dich. Gestern habe ich gesehen, wie sie vor dem Haus mit irgendeinem Mann gesprochen und dabei gelächelt hat. Ganz sicher betrügt sie dich.“

Anna erfuhr von solchen Gesprächen meist zufällig. Markus verlor die Beherrschung, schrie sie an und erzählte ihr später, wenn er sich beruhigt hatte, was seine Mutter ihm wieder eingetrichtert hatte. Das Schlimmste daran war: Er glaubte es selbst. Katharina Hartmann verstand sich meisterhaft darauf, Gedanken zu vergiften.

Das Ende kam im April. Markus erschien spät zu Hause, und an ihm hing ein fremder Parfümgeruch. Anna schwieg. Eine Woche später sagte er es ihr ohne Umschweife:

„Ich habe eine andere kennengelernt. Laura Friedrich. Wir lieben uns. Ich reiche die Scheidung ein.“

Anna war damals wie betäubt gewesen. Sie stand einfach in der Küche und starrte auf einen Punkt an der Wand. Markus trat unruhig von einem Fuß auf den anderen und fügte hinzu:

„Mama meint, wir sollten uns zivilisiert trennen. Ohne Drama. Du wirst meinem Glück doch nicht im Weg stehen, oder? Außerdem bist du selbst schuld. Du hast es nicht geschafft, die Familie zusammenzuhalten.“

So also. Sie hatte es nicht geschafft. Einen Monat später waren sie geschieden. Das, was sie besaßen, wurde auf eine eigentümliche Weise gerecht verteilt: Er bekam sein neues Leben, sie die alte Wohnung und die Tochter.

Am Morgen nach dem Besuch der ehemaligen Schwiegermutter rief Anna die einzige Person an, der sie wirklich vertraute. Clara Engel, ihre Freundin aus Studienzeiten, arbeitete als Anwältin für Familienrecht. Sie verabredeten sich in einem kleinen Café unweit von Claras Kanzlei.

Clara hörte zu, rührte dabei in ihrem Cappuccino und zog mit jeder Minute die Augenbrauen höher. Als Anna geendet hatte und endlich Luft holte, pfiff ihre Freundin leise durch die Zähne.

„Was für ein Theater. Ich habe in zehn Jahren Berufspraxis einiges erlebt, aber dass eine Schwiegermutter auftaucht und verlangt, auf Kindesunterhalt zu verzichten, damit die Geliebte beziehungsweise neue Ehefrau einen Mantel bekommt … das ist wirklich eine eigene Kunstform.“

„Was soll ich tun?“ fragte Anna leise. „Ich will mich nicht mehr demütigen lassen. Sie hat mir gedroht. Sie sagte, sie würde schon einen Weg finden, mich fertigzumachen.“

Clara schob ihre Tasse beiseite und sah Anna ernst an.

„Merke dir eines: Katharina Hartmann ist für dich juristisch gesehen niemand. Gar niemand. Sie hat keine Ansprüche gegen dich, keine Befugnisse und keinerlei Grundlage, irgendetwas zu verlangen. Unterhaltspflichtig ist dein ehemaliger Mann. Markus Lorenz. Und nur er. Wenn er nicht zahlt, ist das seine Schuld und nicht dein Problem. Du bist hier nicht diejenige, die sich rechtfertigen muss. Das Kind hat Anspruch auf Unterhalt durch beide Elternteile. Punkt.“

„Und wenn er wirklich nicht überweist?“

Clara lächelte kühl.

„Dann gibt es mehrere Wege. Erstens: Vollstreckung. Man kann den Titel durchsetzen lassen, Kontopfändungen beantragen und Einkommen direkt pfänden. Zweitens: Verzugszinsen und rückständige Beträge. Je länger er wartet, desto unangenehmer wird es. Drittens: Druck über das Jugendamt und notfalls das Familiengericht. Viertens: Wenn jemand sich seiner Unterhaltspflicht hartnäckig entzieht, kommt auch eine Strafbarkeit wegen Verletzung der Unterhaltspflicht nach § 170 StGB in Betracht. Das kann ziemlich ernst werden.“

„Strafrecht?“ Anna schüttelte ungläubig den Kopf. „Passiert so etwas wirklich?“

„Absolut. Ich hatte allein im letzten Jahr mehrere solcher Fälle. Die Herren waren schneller am Geldautomaten, als ich meinen Morgenkaffee austrinken konnte. Niemand will eine Vorstrafe riskieren. Vor allem nicht Männer wie dein Markus Lorenz. Muttersöhnchen wirken mit Handschellen plötzlich nicht mehr halb so selbstsicher.“

LebensKlüber