„Wenn du noch einmal meine Unterlagen anfasst, fliegst du samt deinen Sachen aus dieser Wohnung“ — drohte Emilia Meier scharf und sah ihren Mann unverwandt an

Ihre kompromisslose Forderung wirkte herzlos und ungerecht.
Geschichten

Durch den schmalen Spalt zwischen Tür und Rahmen warf Emilia einen Blick hinein. Lukas stand am Schrank. Vor ihm klaffte der Safe offen — offenbar hatte er irgendwann mitbekommen, welche Zahlenfolge sie eintippte. In seinen Händen hielt er die Mappe mit den Unterlagen. Sein Smartphone hatte er auf einem Regal abgestellt, die Taschenlampe aktiviert, und nun fotografierte er sorgfältig eine Seite nach der anderen, als arbeite er eine Liste ab.

Emilia stieß die Tür auf und trat ins Wohnzimmer.

Lukas fuhr herum. In seinem Gesicht lag für den Bruchteil einer Sekunde blankes Erschrecken. Er wusste sofort, dass sie ihn ertappt hatte.

— Wenn du noch ein einziges Mal meine Papiere anrührst, stehst du mit deinem Kram vor der Tür, sagte sie leise, aber jedes Wort klang scharf wie Glas.

Er zuckte zusammen. Doch statt eine Entschuldigung hervorzubringen, versteifte er sich, hob trotzig das Kinn und wurde laut:

— Was soll dieses Theater?! Ich habe dir doch gesagt, ich sehe nur kurz nach!

— Mitten in der Nacht? Heimlich? Und dabei machst du Fotos? — Emilia ging einen Schritt auf ihn zu. — Für wie dumm hältst du mich eigentlich?

— Ich habe keine Lust mehr auf deine ständigen Dramen! — Lukas warf die Mappe auf den Tisch und richtete sich auf. — Ich wollte mich um die Anmeldung der Kinder kümmern. Dafür brauchte ich eben ein paar Angaben!

— Ohne mich zu fragen? Hinter meinem Rücken?

— Hättest du denn ja gesagt?! — schrie er. — Natürlich nicht! Weil du nur an dich selbst denkst! Diese Kinder gehören zur Familie! Sie haben jedes Recht, hier zu leben!

— Sie gehören zu deiner Familie, erwiderte Emilia kühl. — Nicht zu meiner. Ich habe dem nie zugestimmt. Du wusstest von Anfang an, worauf du dich einlässt.

— Immer diese Bedingungen! — Lukas warf die Hände in die Luft. — Seit drei Jahren halte ich deine Kälte aus! Du bist nicht einmal bereit, sie kennenzulernen!

— Stimmt, sagte Emilia. — Das bin ich nicht. Und ich werde es auch nicht sein. Niemand kann von mir verlangen, fremde Kinder zu lieben oder ihnen ein Zuhause in meiner Wohnung zu verschaffen.

— Das heißt, du bleibst dabei?

— Ja. Ohne Einschränkung. Und endgültig.

Lukas stand plötzlich ganz still. In seinem Blick flackerte Zorn auf, vermischt mit einer Verzweiflung, die ihn unkontrolliert wirken ließ.

— Dann erklär mir doch mal, wofür du überhaupt gut bist! Wenn du uns nichts geben willst, wozu brauche ich dich dann noch?!

Der Satz blieb zwischen ihnen stehen.

Emilia spürte, wie in ihrem Inneren etwas erstarrte. Es war, als hätte jemand einen kalten Knoten um ihr Herz gezogen. Sie sah den Mann an, mit dem sie drei Jahre lang ihr Leben geteilt hatte — und mit einem Mal fügte sich alles zusammen.

— Wiederhol das, sagte sie kaum hörbar.

Lukas blinzelte.

— Was soll ich wiederholen?

— Genau das, was du eben gesagt hast. Dass du wissen willst, wofür ich gut bin.

Er schluckte. Erst jetzt schien ihm klarzuwerden, dass ihm etwas herausgerutscht war, das nicht hätte ausgesprochen werden dürfen.

— So war das nicht gemeint…

— Doch, sagte Emilia und nickte langsam. — Genau so war es gemeint. Du hast mich nicht wegen mir geheiratet. Sondern wegen dieser Wohnung. Wegen dem, was ich besitze. Darum hast du dich an den Safe gemacht. Darum wolltest du die Kinder hier anmelden. Damit du irgendwann eine Grundlage hast, um mir alles streitig zu machen.

— Hör auf, solchen Unsinn zu reden!

— Das ist kein Unsinn. Das ist die Wahrheit. — Ihre Stimme wurde kalt und völlig ruhig. — Drei Jahre lang hast du mir etwas vorgespielt. Du hast gelächelt, meine Regeln akzeptiert, den fürsorglichen Ehemann gegeben. Und währenddessen hast du überlegt, wie du an diese Wohnung kommst.

— Emilia…

— Kein Wort mehr, unterbrach sie ihn und hob die Hand. — Ich will nichts mehr hören. Pack deine Sachen. Jetzt.

— Du kannst mich nicht einfach hinauswerfen! Ich bin dein Mann!

— Doch, das kann ich. Und genau das werde ich tun. Diese Wohnung gehört mir, und ich entscheide, wer hier bleibt.

Lukas machte eine Bewegung, als wolle er auf sie zukommen.

Emilia wich sofort zurück.

— Bleib, wo du bist. Komm mir nicht näher. Geh packen. Du hast zehn Minuten.

— Du bist doch nicht normal! Es ist mitten in der Nacht! Wo soll ich jetzt hin?

— Das ist nicht mein Problem. Fahr zu deiner Mutter, nimm dir ein Hotelzimmer oder setz dich auf eine Parkbank. Mir ist es gleich. Pack deine Sachen.

Da begriff Lukas, dass ihre Entscheidung nicht mehr zu ändern war.

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