Damit war die Sache für ihn damals erledigt gewesen.
Seine Mutter presste nur die Lippen aufeinander. Während dieses Besuchs sprach sie das Thema nicht noch einmal an, doch ihr Missfallen blieb wie ein schwerer Geruch im Raum hängen. Nachdem Mathilda Krause wieder abgereist war, meinte Lukas nur:
— Mama macht sich eben Sorgen um ihre Enkel. Nimm dir das nicht so zu Herzen.
— Ich nehme es mir auch nicht zu Herzen. Aber falls sie noch einmal versucht, mir Vorschriften zu machen, sollte sie besser gar nicht erst herkommen — erwiderte Emilia hart.
Weitere zwei Wochen vergingen. An einem Nachmittag kam Emilia Meier ungewöhnlich früh nach Hause, fast zwei Stunden vor der üblichen Zeit. Eine Besprechung war abgesagt worden, und sie hatte keine Lust gehabt, sinnlos im Büro sitzen zu bleiben. Sie schloss die Wohnungstür auf, trat ein und hörte aus dem Wohnzimmer ein leises Rascheln.
Lukas saß an ihrem Schreibtisch. Vor ihm lag eine geöffnete Mappe, aus der mehrere Unterlagen herausgezogen waren. In der Hand hielt er den Kaufvertrag der Wohnung und studierte ihn mit auffallender Aufmerksamkeit.
— Was machst du da? — fragte Emilia scharf.
Lukas fuhr zusammen und drehte sich hastig um.
— Ach, du bist schon zurück? Ich habe nur… aus Neugier hineingesehen.
— Aus was für einer Neugier?
— Na ja, ich wollte mir die Unterlagen zur Wohnung anschauen. Ist doch interessant, oder? — Er schob die Papiere rasch zurück in die Mappe und versuchte, ein unverfängliches Lächeln aufzusetzen. — Nichts Besonderes.
Emilia trat an den Tisch und nahm ihm die Mappe weg.
— Lukas, das sind meine privaten Dokumente. Du hast kein Recht, sie anzufassen. Ist das angekommen?
— Jetzt übertreib doch nicht gleich. Ich habe ja nichts gestohlen — murmelte er, stand auf und ging in Richtung Küche.
Emilia legte die Mappe in die Schublade ihres Schreibtisches und schloss sie ab. Ein unangenehmes Gefühl blieb zurück, doch sie zwang sich, die Sache nicht größer zu machen, als sie vielleicht war. Möglicherweise war es tatsächlich nur Neugier gewesen.
Zehn Tage später wiederholte sich jedoch alles. Diesmal kam Emilia in der Mittagspause nach Hause, weil sie wegen einer privaten Angelegenheit früher von der Arbeit weggegangen war. Als sie das Zimmer betrat, fand sie Lukas erneut an ihrem Schreibtisch. Die Schublade stand offen; entweder hatte er den Schlüssel gefunden oder das Schloss irgendwie aufgehebelt. Vor ihm lagen die Papiere zum Auto und zur Wohnung ausgebreitet.
— Lukas! — Ihre Stimme klang härter, als sie beabsichtigt hatte. — Was zum Teufel tust du da?
Er hob den Kopf, und in seinen Augen flackerte etwas Vorsichtiges auf.
— Emilia, beruhige dich. Ich wollte doch nur…
— Nur was? Ich habe dir ausdrücklich gesagt, dass du nicht in meinen Unterlagen herumwühlen sollst!
— Ja, ich habe sie mir angesehen. Und? Hör auf, mich anzuschreien!
— Dann erklär mir, wozu du meine Dokumente brauchst. — Emilia trat näher und verschränkte die Arme vor der Brust. — Und warum machst du Fotos davon?
— Ich mache überhaupt keine Fotos!
— Lüg ruhig weiter. Dein Handy liegt direkt neben dir. Was hast du vor?
Lukas sprang auf und stieß den Stuhl ein Stück zur Seite.
— Ich habe gar nichts vor! Du bauschst aus dem Nichts eine Verschwörung auf! Darf man in der eigenen Wohnung jetzt nicht einmal mehr Papiere ansehen?
— In meinem Zuhause — verbesserte Emilia ihn eisig. — In meiner Wohnung. An meinen Unterlagen. Und nein, genau das darfst du nicht. Ich sage es dir ein einziges letztes Mal: Rühr sie nicht wieder an.
Lukas machte eine wegwerfende Handbewegung, stapfte ins Schlafzimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Emilia sammelte die Dokumente sorgfältig ein und brachte sie in den Safe, der im Kleiderschrank eingebaut war. Ohne Zahlenkombination würde dort niemand mehr herankommen.
Doch der Zweifel hatte sich längst in ihr festgesetzt. Lukas führte irgendetwas im Schilde. Offen blieb nur, was genau.
Die Antwort erhielt sie am späten Freitagabend. Gegen elf legte sich Emilia ins Bett, doch an Schlaf war nicht zu denken. Sie drehte sich von einer Seite auf die andere, dachte an ihre Arbeit und immer wieder an das merkwürdige Verhalten ihres Mannes. Lukas lag neben ihr und atmete gleichmäßig, als schliefe er tief und fest.
Kurz nach zwei Uhr nachts nahm Emilia wahr, wie er behutsam aus dem Bett glitt. Sie schloss sofort die Augen und stellte sich schlafend. Lukas verließ das Schlafzimmer und zog die Tür beinahe lautlos hinter sich zu. Emilia wartete einen Moment, dann stand sie auf, ohne ein Geräusch zu machen, und schlich ihm bis zur Tür nach.
Im Wohnzimmer brannte Licht.
