„Wenn ihr Emilia Huber nicht helfen wollt, dann räumt die Wohnung bitte bis Ende des Monats“, sagte Johanna Sommer in einem Ton, als hätte sie lediglich darum gebeten, ihr die Zuckerdose zu reichen

Die eiskalte Selbstsucht war schmerzhaft, zutiefst ungerecht.
Geschichten

Die Fenster gingen zum Innenhof hinaus, und im Kinderzimmer war nicht nur Platz für Bett und Schreibtisch, sondern sogar noch für einen Kleiderschrank.

Über Johanna Sommer sprachen sie kaum. Nicht, weil sie besonders nachsichtig gewesen wären. Ihnen fehlte schlicht die Kraft, alles noch einmal durchzukauen.

Ab und zu rief sie Maximilian Baumann an. Diese Telefonate wurden mit der Zeit immer kürzer. Der alte Ton war verschwunden: keine Belehrungen mehr, keine selbstverständlichen Anweisungen. Einmal hörte Lena Weiß zufällig, wie er sagte:

„Nein, Mama, wir haben kein Geld übrig. Wir zahlen jetzt unsere Wohnung ab.“

Zum ersten Mal lag in diesen Worten weder Schuldgefühl noch der Versuch, sich zu rechtfertigen.

Von Emilia Hubers Atelier erfuhren sie im Herbst.

Lena traf vor einem Geschäft eine frühere Nachbarin ihrer Schwiegermutter. Sie kamen ins Gespräch, und die Frau erzählte es ihr.

Emilia hatte den Raum tatsächlich gemietet. Johanna Sommer hatte dafür einen Verbraucherkredit aufgenommen, ihre Ersparnisse dazugelegt und außerdem hastig Mieter in die Stadtwohnung gesetzt, in der Hoffnung, die monatliche Rate mit der Miete auffangen zu können.

Laufkundschaft gab es in der Nähe des Marktes zwar, aber längst nicht in dem Umfang, den sie sich ausgemalt hatten. Die Leute kamen herein, erkundigten sich nach den Preisen und verschwanden wieder. Maßgefertigte Vorhänge bestellte kaum jemand. Eine Hose kürzen, einen Reißverschluss einnähen – ja, solche Aufträge kamen. Doch damit ließ sich eine Monatsmiete von rund fünfhundertzwanzig Euro nicht decken.

Nach drei Monaten kündigte die zweite Näherin. Einen Monat später gab die Overlockmaschine den Geist auf. Emilia machte den Laden dicht.

Auch mit den Mietern lief es nicht besser.

Eine Familie zog aus, ohne den letzten Monat zu bezahlen. Die nächste hinterließ offene Nebenkosten und ein angesengtes Fensterbrett in der Küche. Zum ersten Mal seit vielen Jahren sah Johanna Sommer ihre „eiserne Reserve“ nicht mehr als familiären Trumpf, sondern als unerschöpfliche Quelle neuer Probleme.

Im Januar rief sie an.

Lena stand gerade in der Küche und schnitt Salat, Emma Krüger spielte, und Maximilian schraubte neue Hocker zusammen.

„Meine Mutter“, sagte er, nachdem er auf das Display gesehen hatte.

Lena erwiderte nichts.

Er ging ins andere Zimmer, doch einzelne Sätze drangen trotzdem zu ihr herüber.

„Ja, Mama… Ich habe verstanden… Nein, ich kann diese Zahlung nicht übernehmen… Nein, nicht weil ich nicht will… Weil ich selbst eine Familie habe und Verpflichtungen… Mama, bitte, jetzt reicht es, fang nicht wieder damit an…“

Ein paar Minuten später kam er zurück und setzte sich an den Tisch.

„Sie möchte, dass ich ihr helfe, vernünftige Mieter zu finden. Sie sagt, sie sei müde.“

„Und was hast du geantwortet?“

„Dass ich mich bei Kollegen umhöre. Mehr nicht.“

Lena nickte. Genau so war es richtig. Sich nicht erneut hineinziehen lassen, aber auch nicht aus alter Kränkung heraus zurückschlagen.

„Tut sie dir leid?“, fragte sie leise.

Maximilian schwieg einen Moment.

„Ja“, sagte er schließlich. „Aber ich glaube, ich habe zum ersten Mal wirklich begriffen: Mitleid darf nicht bedeuten, die eigenen Interessen aufzugeben.“

Ein kleines Lächeln berührte Lenas Mundwinkel.

„Spät begriffen. Aber immerhin.“

Er lachte kurz auf.

Sie aßen in ihrer eigenen Küche zu Abend. Draußen fiel Schnee. Im Kinderzimmer leuchtete auf der Fensterbank die kleine Lampe in Form eines Häuschens, die Emma jeden Abend einschaltete. Der Kühlschrank summte leise, der Wasserkocher klickte, und Maximilian stand auf, um Tee einzuschenken.

Ein ganz gewöhnlicher Abend. Eine ganz gewöhnliche Familie. Nur konnte jetzt niemand mehr plötzlich auftauchen und sagen: „Räumt die Wohnung.“

Manchmal erinnerte Lena sich noch an Johannas Gesicht in jenem Augenblick, als sie ganz ruhig gesagt hatte: „Gut, dann ziehen wir aus.“

Wahrscheinlich war ihre Schwiegermutter bis zuletzt überzeugt gewesen, ihr Sohn werde bitten, ihre Schwiegertochter werde in Tränen ausbrechen, und am Ende würde alles wie immer mit einem nachgiebigen „Schon gut, Mama, wie du meinst“ enden.

Doch selbst die festeste Abhängigkeit kann durch eine einzige Entscheidung reißen. Danach packen Menschen einfach ihre Kartons und gehen in ihr eigenes Leben.

Und vielleicht ist die schwierigste Frage innerhalb einer Familie gar nicht die nach dem Geld. Sondern die, an welchem Punkt Dankbarkeit enden muss, damit sie nicht zu einer lebenslangen Abgabe wird.

LebensKlüber