„Lena, warte“, sagte Maximilian Baumann heiser.
Doch sie war bereits auf dem Weg ins Zimmer, um Emma Krüger zu holen.
Die Rückfahrt zog sich endlos hin.
Emma war im Auto eingeschlafen, den Kopf gegen ihr Stofftier gedrückt. Maximilian fuhr, ohne ein Wort zu sagen; seine Hände umklammerten das Lenkrad so fest, dass die Knöchel hell hervortraten. Auch Lena schwieg. Nicht, weil sie beleidigt war. Sondern weil ihr schlicht die Kraft fehlte. Manchmal endet ein Gespräch nicht dann, wenn alles ausgesprochen ist, sondern in dem Moment, in dem es nichts mehr zu erklären gibt.
Zu Hause brachten sie Emma ins Bett. Danach setzten sie sich in die Küche.
„Hast du das absichtlich gemacht?“, fragte Maximilian schließlich.
„Was genau?“
„Dieses: Gut, dann ziehen wir aus. Als hättest du es längst beschlossen.“
„Ich habe es nicht heute beschlossen“, erwiderte Lena ruhig. „Eigentlich schon vor längerer Zeit. Ich habe nur gehofft, dass es nicht so weit kommt.“
Er senkte den Blick.
„Das ist meine Schuld. Ich hätte meiner Mutter nie von dem Geld erzählen dürfen.“
„Es geht nicht nur um das Geld, Maximilian. Es geht darum, dass deine Mutter diese Wohnung die ganze Zeit als Druckmittel gesehen hat. Bisher hatte sie nur keinen Anlass, es offen auszusprechen.“
„Sie war wütend.“
„Nein. Sie hat gesagt, was sie wirklich denkt. In solchen Augenblicken versprechen sich Menschen nicht. Sie verraten sich.“
Lange sagte er nichts. Dann fragte er leise:
„Und was machen wir jetzt?“
„Wir suchen uns für ein paar Monate etwas zur Miete. Und dann nehmen wir einen Kredit für eine eigene Wohnung auf. Die Anzahlung haben wir. Die Familienförderung können wir einrechnen. Ja, es wird anstrengend. Aber niemand wird uns mehr vorhalten können, was seine angebliche Güte wert ist.“
Maximilian saß da und starrte auf die Tischplatte. Lena sah, wie sehr ihn das traf. Er war kein Muttersöhnchen, keiner, der bei jedem Wink sofort loslief.
Aber tief in ihm steckte noch immer diese alte, kindliche Gewohnheit: Die Mutter muss geschont werden. Die Mutter darf man nicht verletzen. Die Mutter meint es doch nur gut.
„Willst du wirklich weg?“, fragte er.
„Ich will unsere Tür mit unserem eigenen Schlüssel aufschließen“, sagte Lena. „Und ich will wissen, dass uns niemand hinauswerfen kann, nur weil jemand anderes etwas von uns verlangt.“
Eine Woche später hatten sie eine Mietwohnung gefunden.
Sie lag nicht in der Nähe des Kindergartens, war weniger hell, als Lena es sich gewünscht hätte, und die Spülmaschine, an die sie sich gewöhnt hatte, fehlte ebenfalls. Aber es gab ein eigenes Zimmer für Emma.
Abends packten sie Kartons. Lena wickelte Geschirr in alte Handtücher, stellte Bücher zusammen und schrieb mit dickem Filzstift auf die Kisten: „Küche“, „Bücher“, „Emmas Spielsachen“.
Die Schlüssel brachte Maximilian allein zu seiner Mutter zurück. Er kam spät wieder, mit aschfahlem Gesicht und geröteten Augen.
„Was hat sie gesagt?“, fragte Lena.
„Dass ich undankbar bin. Dass du mich gegen meine Familie aufgebracht hast. Dass Emilia Huber wenigstens versucht, im Leben voranzukommen, während wir nur an uns denken.“
„Und du?“
Er atmete schwer aus.
„Ich habe mich zum ersten Mal in meinem Leben nicht gerechtfertigt.“
Der erste Monat in der Mietwohnung war hart.
Morgens brachte Lena Emma in den Kindergarten und fuhr danach weiter ins Büro, wo sie in der Buchhaltung arbeitete. Abends holte sie ihre Tochter ab, kochte, rechnete Belege zusammen und prüfte jeden Euro.
Maximilian nahm zusätzliche Aufträge an. Er montierte Klimaanlagen und Lüftungssysteme, und die Saison hatte gerade begonnen. Beide waren so erschöpft, dass sie einschliefen, sobald sie das Kissen berührten.
Trotzdem schmolz das Geld auf dem Konto nicht dahin. Und als die Bankberaterin ihnen schließlich die Finanzierungsmodelle nebeneinander auf den Tisch legte, spürte Lena plötzlich keine Angst mehr, sondern Erleichterung.
„Die monatliche Rate läge bei etwa dreihundertzehn Euro“, erklärte die Mitarbeiterin und schob ihnen den Ausdruck hin. „Unter Berücksichtigung Ihrer Anzahlung und der Familienförderung. Die Laufzeit beträgt zwanzig Jahre.“
Zwanzig Jahre klangen beängstigend. Aber noch viel beängstigender war der Gedanke, wieder vom Gemütszustand eines anderen Menschen abhängig zu sein.
Die passende Wohnung fanden sie nicht sofort. Lena fuhr mit der Maklerin durch die halbe Stadt und sah sich eine Besichtigung nach der anderen an. Am Ende entschieden sie sich für eine kleine Dreizimmerwohnung in einem Neubau am Stadtrand. Sie lag etwas weit draußen. Eine elegante Designer-Renovierung gab es nicht. Dafür hatte sie Vorzüge, die ihnen wichtiger waren.
