„Du bist eine Diebin. Dreitausend Euro. Wo ist das Geld, Laura? Sag es sofort, vor meiner Mutter, sonst gibt es keine Hochzeit.“ drohte Paul in meiner Küche, seine Mutter stand daneben wie eine Geschworene

Verrat fühlt sich bitter, ungerecht und demütigend an.
Geschichten

„Du bist eine Diebin. Dreitausend Euro. Wo ist das Geld, Laura? Sag es sofort, vor meiner Mutter, sonst gibt es keine Hochzeit.“

Paul Hartmann stand mitten in meiner Küche, nur in Unterhose und Socken. Sein Gesicht war dunkelrot, am Hals traten die Adern hervor, und in seiner Hand hielt er einen Kontoauszug, so zerknüllt, als hätte er das Papier zehn Minuten lang gewürgt, bevor er hereingestürmt war. Hinter ihm stand seine Mutter. Sabine Lange. Rosa Bluse, schmal zusammengepresste Lippen, dazu dieser Blick, als säße sie als Geschworene in einem besonders wichtigen Schauprozess.

Ich dagegen saß am Tisch und schälte Mandarinen. Es war Dezember, Silvester rückte näher. In zwei Monaten hätten wir heiraten sollen.

„Hätten“ war, wie sich herausstellte, das entscheidende Wort.

„Paul“, sagte ich, erstaunlich ruhig, während ich das letzte Stück Schale löste. „Setz dich. Und dann sagst du das noch einmal. Langsam. Damit ich auch wirklich mitkomme.“

„Ich soll mich setzen?! Du hast mir dreitausend Euro geklaut! Wenn hier jemand sitzt, dann gleich du! Wegen Diebstahls!“

Sabine Lange nickte feierlich. Offenbar hatten sie ihren Auftritt vorher geprobt.

Ich legte die Mandarine auf den kleinen Teller, nahm mein Handy, öffnete die App und drehte Paul den Bildschirm hin.

„Paul. Erinnerst du dich an die Kamera im Flur? Die, die wir im September angebracht haben, nachdem bei der Nachbarin eingebrochen worden war? Weißt du noch, wer sie installiert hat? Wer den Cloudspeicher bezahlt? Auf wessen Zugang das Ganze läuft? Ich helfe dir kurz: auf meinen. Alles gehört mir.“

Paul wurde blass. Nicht langsam, sondern schlagartig, als hätte jemand unten an ihm einen Hahn aufgedreht und sämtliche Farbe abgelassen.

„Setz dich“, wiederholte ich. „Wir schauen uns jetzt einen Film an.“

Angefangen hatte alles anderthalb Jahre vor diesem Abend.

Kurz zu mir: Ich heiße Laura Lehmann, bin achtundzwanzig und arbeite als Marketingmanagerin in einer kleinen Agentur. Mein Einkommen war ordentlich: etwa 1.200 Euro netto, dazu gelegentliche Boni. Ich hatte eine Einzimmerwohnung, noch mit Kredit belastet; monatlich gingen 320 Euro dafür weg, acht Jahre Restlaufzeit. Mein Auto war ein alter Polo, ebenfalls noch nicht ganz abbezahlt.

Paul lernte ich im Februar 2023 über eine Dating-App kennen. Zweiunddreißig, angeblich „Projektmanager in der IT“ – später stellte sich heraus, dass es eher technischer Support war, aber wer schmückt sein Profil nicht ein bisschen aus? Er war groß, hatte ein Grübchen in der Wange, machte wirklich witzige Bemerkungen und trank Bier nicht direkt aus der Flasche. Nach heutigen Maßstäben: ein Prinz.

Vier Monate später zog er bei mir ein. Seine Begründung klang vernünftig.

„Laura, ich zahle jeden Monat 500 Euro Miete. Das ist doch Unsinn. Lass mich zu dir ziehen, und das gesparte Geld stecken wir in unser gemeinsames Budget. Für Urlaub. Für die Hochzeit.“

„Gemeinsames Budget.“ Damals war ich gerührt. Natürlich. Ein erwachsener Mann, dachte ich. Einer, der an die Zukunft denkt.

Er kam mit einem alten Laptop, drei T-Shirts und einer Spielkonsole. Keine Möbel, keine Haushaltsgeräte, nichts, was man irgendwie als Beitrag zu einem gemeinsamen Zuhause hätte bezeichnen können. Dafür brachte er die felsenfeste Überzeugung mit, dass meine Wohnung ab sofort „unsere“ sei.

Schon im ersten Monat unseres Zusammenlebens wurde klar:

„Gemeinsames Budget“ bedeutete, dass ich alles bezahlte und Paul es „später zurückgab“.

Kochen? Ich. Putzen? Ich. Wäsche? Ebenfalls ich. Seine Erklärung: „Laura, du bist doch eine Frau, deine Hände sind viel geschickter.“

Nebenkosten? Zahlte ich. „Ich habe gerade noch den Kredit für die Konsole, hab bitte ein bisschen Geduld.“

Seine Mutter kam jeden Sonntag zum Eintopf. Wer kochte den Eintopf? Natürlich ich.

Nach einem halben Jahr machte Paul mir einen Antrag. An der Uferpromenade. Mit einem Ring vom Juwelier aus dem Einkaufszentrum. Für 200 Euro. Den Preis sah ich später rein zufällig in seinen Nachrichten: „Mama, hab einen für zweihundert gefunden, passt doch?“ An seine Mutter. Vor dem Antrag. Romantik, verdammt noch mal.

Ich sagte Ja. Weil ich ihn liebte. Weil ich an uns glaubte. Weil die Dreißig bereits am Horizont winkte, alle Freundinnen längst verheiratet waren und ich mir einredete: Bin ich etwa schlechter?

Im August begannen wir mit der Planung. Der Termin sollte im April sein. Restaurant, sechzig Gäste, freie Trauung, Fotograf, Videograf, Moderator, Floristik.

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