Außerdem wollte sie auch Gardinen nähen. Gerade dafür gebe es im Moment Nachfrage, erklärte Emilia Huber mit leuchtenden Augen. Die Leute kauften weniger Neues, dafür ließen sie alte Sachen ändern, kürzen, enger machen, wieder tragbar.
Lena Weiß hörte zu, ohne sofort etwas zu sagen. An sich klang der Gedanke nicht völlig abwegig. Natürlich brachten Menschen Hosen zum Kürzen, ließen Reißverschlüsse austauschen oder Vorhänge anpassen. Das eigentliche Problem lag woanders: Wer sollte den Anfang finanzieren?
„Wie viel brauchst du denn?“, fragte Maximilian Baumann.
Johanna Sommer wirkte, als hätte sie genau auf diese Frage gewartet.
„Sechstausend Euro“, sagte sie rasch. „Nähmaschinen, Overlock, Zuschneidetisch, Schild draußen, zwei Monatsmieten, lauter Kleinkram. Für euch ist das machbar. Ihr habt doch etwas zurückgelegt.“
Lena stellte ihre Tasse langsam auf den Tisch.
„Woher wissen Sie, wie viel wir gespart haben?“
Ihre Schwiegermutter sah nicht sie an, sondern ihren Sohn.
„Maximilian hat es erzählt. Was ist denn dabei? Vor der eigenen Mutter macht man doch kein Geheimnis daraus.“
Lena wandte den Blick zu ihrem Mann. Maximilian senkte schuldbewusst die Augen.
„Ich dachte nicht, dass es irgendwann darum gehen würde“, murmelte er. „Ich habe nur gesagt, dass wir sparen.“
„Und die Summe hast du auch genannt“, erwiderte Lena ebenso leise.
Emilia Huber verdrehte genervt die Augen.
„Ach Gott, muss das jetzt sein? Ich bitte euch doch nicht um ein Geschenk für immer. Ich zahle es zurück. Natürlich nicht nächste Woche, aber nach und nach. Sind wir nun eine Familie oder nicht?“
„Doch“, sagte Lena und nickte. „Gerade deshalb frage ich. Emilia, hast du ausgerechnet, ab wann sich der Laden trägt?“
„Was bitte?“
„Wie viele Aufträge brauchst du pro Monat, nur um die Miete zu decken? Nicht um Gewinn zu machen. Nur damit du nicht ins Minus rutschst.“
Emilia schwieg einen Moment.
„Ich habe da schon ungefähr eine Vorstellung.“
„Ungefähr ist keine Zahl. Wie hoch ist die Miete?“
„Fünfhundertzwanzig Euro. Aber die Lage ist wirklich gut.“
„Kommt noch eine Monatsmiete Kaution dazu?“
„Ja.“
„Und Renovierung, Strom, Material, Kasse. Falls du eine zweite Schneiderin einstellen willst, reicht eine einfache Nebentätigkeit nicht mehr. Dann brauchst du ein richtig angemeldetes Gewerbe. Steuern, Versicherungen, Beiträge — hast du das ebenfalls eingerechnet?“
„Lena, du bist wirklich wie immer“, sagte Emilia und verzog das Gesicht. „Mit dir kann man überhaupt nicht normal reden. Bei dir klingt alles sofort nach Katastrophe.“
„Das sind keine Katastrophenfantasien. Das sind Zahlen. Sechstausend Euro sind kein Betrag, den man mal eben für eine Serviette ausgibt.“
Johanna Sommer atmete hörbar und gereizt aus.
„Jetzt hör auf, das Mädchen auszufragen. Wir sitzen hier nicht bei der Bank. Wir brauchen eure Hilfe, keine Prüfung.“
„Hilfe kann vieles bedeuten“, entgegnete Lena ruhig. „Wir können beim Geschäftsplan helfen, den Mietvertrag durchsehen, erklären, worauf man steuerlich achten muss. Aber die Hälfte unserer Rücklagen in ein Vorhaben zu stecken, das noch nicht sauber durchgerechnet ist, können wir nicht.“
„Könnt ihr nicht?“, fragte Johanna Sommer scharf. „Oder wollt ihr nicht?“
Maximilian rieb sich mit der Hand über die Stirn.
„Mama, das ist wirklich viel Geld. Wir müssen darüber nachdenken.“
„Worüber denn noch?“ Johanna Sommer wurde lauter. „Seit sechs Jahren wohnt ihr in meiner Wohnung. Sechs Jahre! Hättet ihr etwas gemietet, wärt ihr inzwischen mehrere zehntausend Euro los. Stattdessen habt ihr euch in dieser Zeit ein Polster angespart und rümpft jetzt auch noch die Nase.“
„Wir rümpfen nicht die Nase“, sagte Maximilian gepresst. „Wir sparen für eine eigene Wohnung.“
„Eine eigene?“ Seine Mutter lachte trocken auf. „Ihr wohnt doch schon in einer Wohnung. Oder ist meine etwa nicht gut genug für euch?“
Da sagte Lena das, was sie viel zu lange in sich behalten hatte.
„Johanna Sommer, wir wohnen nicht in unserer Wohnung. Wir wohnen in Ihrer. Und heute haben Sie uns das deutlicher gezeigt als je zuvor.“
Am Tisch wurde es mit einem Mal still.
Dann fiel jener Satz, nach dem nichts mehr so war wie zuvor.
„Wenn ihr Emilia nicht helfen wollt, dann räumt die Wohnung bis Ende des Monats.“
Ein paar Sekunden lang hing diese Drohung im Raum, schwer und endgültig.
Lena stand als Erste vom Tisch auf.
„Gut“, sagte sie. „Dann ziehen wir aus.“
Johanna Sommer blinzelte irritiert.
„Ich habe nicht gesagt, dass ihr heute sofort verschwinden sollt.“
„Da haben Sie recht. Die Wohnung gehört Ihnen. Also ist es wohl an der Zeit, dass wir anfangen, nach unseren eigenen Bedingungen zu leben.“
