„Wenn ihr Emilia Huber nicht helfen wollt, dann räumt die Wohnung bitte bis Ende des Monats“, sagte Johanna Sommer in einem Ton, als hätte sie lediglich darum gebeten, ihr die Zuckerdose zu reichen.
Lena Weiß brauchte einen Moment, um überhaupt zu begreifen, was da gerade ausgesprochen worden war. Auf dem Tisch standen Tassen mit Tee, der längst lauwarm wurde, daneben ein Teller mit Quarkgebäck und ein kleines Schälchen Marmelade. Im Nebenzimmer saß die sechsjährige Emma Krüger auf dem Sofa und malte eine Papierpuppe aus, die sie zuvor aus einer alten Zeitschrift ausgeschnitten hatte.
Maximilian Baumann erstarrte. Der Löffel blieb in seiner Hand in der Luft hängen.
„Mama, meinst du das ernst?“
„Was daran soll denn falsch sein?“ Johanna Sommer rückte sorgfältig eine Serviette zurecht. „Seit sechs Jahren wohnt ihr in meiner Wohnung und zahlt nur die Nebenkosten. Aber wenn es darum geht, deiner eigenen Schwester unter die Arme zu greifen, habt ihr plötzlich kein Geld. Dann braucht ihr auch nicht beleidigt zu sein. Die Wohnung gehört mir. Und ich entscheide, was damit passiert.“

Lena Weiß sah ihren Mann an. Sein Gesicht wirkte, als hätte ihn jemand mit einem schweren, stumpfen Gegenstand getroffen. In solchen Gesprächen brauchte er immer länger, bis die Bedeutung wirklich bei ihm ankam. Nicht, weil er begriffsstutzig gewesen wäre. Er hielt nur bis zuletzt an der Hoffnung fest, dass Menschen aus der eigenen Familie bestimmte Dinge nicht laut aussprechen würden, selbst wenn sie sie längst dachten.
Lena Weiß dagegen verstand sofort.
Eigentlich hatte sie mit genau diesem Gespräch gerechnet, seit Johanna Sommer am Mittwoch angerufen und mit unnatürlich munterer Stimme erklärt hatte:
„Kommt am Samstag alle zusammen vorbei. Wir setzen uns gemütlich hin und besprechen da etwas in der Familie. Für Emma Krüger mache ich Pfannkuchen.“
Wenn ihre Schwiegermutter „in der Familie“ sagte, bedeutete das nie einfach Tee, Gebäck und ein nettes Beisammensein. Es hieß vielmehr: Johanna Sommer hatte längst alles entschieden, jedem seine Rolle zugeteilt, und von den anderen erwartete sie nur, im richtigen Moment zustimmend zu nicken.
Die Fahrt zum Ferienhaus verlief fast ohne Worte.
Auf dem Rücksitz erzählte Emma Krüger von der Kita, von ihrer Freundin Lina Schmitt, die angeblich die schönsten Schmetterlinge malen konnte, und von dem Lied, das sie gerade einübten.
Maximilian Baumann nickte zwar, antwortete aber oft an der falschen Stelle. Lena Weiß schaute aus dem Fenster und dachte an die 12.400 €, die auf ihrem Konto lagen. Drei Jahre ohne Urlaub. Drei Jahre ohne spontane Anschaffungen. Drei Jahre mit Haushaltslisten, gestrichenen Wünschen, Verzicht auf alles Entbehrliche und Sätzen wie: „Nicht jetzt, vielleicht später.“
Dieses Geld war für sie nicht einfach nur Geld. Es war der Grundstein für eine eigene Wohnung.
Johanna Sommer verbrachte beinahe das ganze Jahr in ihrem Ferienhaus.
Das Haus war solide gebaut, gut gedämmt, mit Gasheizung, einer kleinen Sauna und zwei Gewächshäusern. Die Zweizimmerwohnung in der Stadt hatte sie den „Jungen“ vor sechs Jahren überlassen.
Genau so erzählte sie es Nachbarn und Verwandten. Nur Lena Weiß hatte vom ersten Tag an den Unterschied zwischen „überlassen“ und „vorübergehend wohnen lassen“ begriffen. In den Unterlagen stand einzig und allein Johanna Sommer als Eigentümerin. Niemand sonst.
Beim Mittagessen erkundigte sich die Schwiegermutter zunächst bei ihrer Enkelin nach der Vorschule, klagte anschließend über die gestiegenen Preise im Supermarkt und kam dann ganz beiläufig auf ihre jüngere Tochter zu sprechen.
„Emilia Huber ist ein kluges Mädchen“, sagte sie mit jenem besonderen Stolz, den Lena Weiß seit Jahren nur allzu gut kannte. „Sie hat goldene Hände. Wenn sie näht, sieht man keinen Unterschied zu gekaufter Ware. Sie müsste nur endlich ihr eigenes Geschäft eröffnen, statt für andere Leute für ein paar Euro zu schuften.“
Emilia Huber saß neben ihr, schmal, lebhaft, mit frischer Frisur und einer Maniküre in der Farbe von karamellisierter Milch. Sie war sechsundzwanzig. In den letzten fünf Jahren hatte sie mal in einem Gardinenstudio angefangen, dann wieder gekündigt, zwischendurch Kinderkleider auf Bestellung genäht und auch das wieder aufgegeben, weil „die Kunden einen völlig auslaugen“.
Nun hatte sie, wie sich herausstellte, einen neuen Traum.
„Ich habe einen Ladenraum in der Nähe des Marktes gefunden“, sagte Emilia Huber plötzlich ganz begeistert. „Er ist nicht groß, aber dort laufen viele Leute vorbei. Ich möchte ein Atelier für Kleiderreparaturen und Anpassungen eröffnen.“
