Den Rest des Tages schlichen die beiden über das Grundstück, als hätten sie ihre Körper nur notdürftig mit ihren Seelen verbunden. Sebastian unternahm sogar einen verzweifelten Versuch, zum Dorfladen zu fahren, doch ausgerechnet dort hing ein Schild an der Tür: „Wegen Inventur geschlossen“.
Gegen Abend nahm ich mir mit demonstrativem Eifer den Kürbis vor. Die harte Schale knirschte unter der groben Reibe so laut, dass es beinahe feierlich klang. In diesem Moment rauschte Christina in die Küche. Sie hatte sich bereits wieder stadttauglich angezogen, hielt ihre leere Tasche umklammert und wirkte, als müsse sie dringend einen Brand löschen.
„Anna, sag Lukas bitte… wir fahren jetzt“, murmelte sie und wich meinem Blick aus. Dabei zupfte sie nervös an ihrem Kragen herum. „Uns ist völlig entfallen, dass Tante Ida morgen ihren Ehrentag hat. Wir müssen noch ein Geschenk besorgen.“
„Ihr wollt schon weg?“ Ich legte die Reibe beiseite und setzte mein bestes enttäuschtes Gesicht auf. „Aber Christina, unsere Entgiftungskur ist doch noch gar nicht abgeschlossen. Für morgen früh hatte ich einen Salat aus frischen Löwenzahnblättern eingeplant. Ich habe auf der Wiese schon die zartesten ausgesucht.“
Kaum war das Wort „Löwenzahn“ gefallen, krachte es im Flur. Sebastian war, offenbar in panischer Eile, über seine eigenen Schuhe gestolpert, während er zur Haustür stürzte.
„Ein anderes Mal, Anna! Ganz bestimmt ein anderes Mal!“, rief er bereits von der Veranda, während seine Autoschlüssel hektisch klimperten.
Lukas und ich blieben am Tor stehen und sahen zu, wie der kirschrote Wagen mit durchdrehenden Reifen auf den Feldweg hinausschoss. Eine dichte Staubwolke blieb zurück, als hätte jemand ihre Flucht zusätzlich verschleiern wollen.
Erst als das Auto hinter der nächsten Biegung verschwunden war, zog mein Mann mich an sich und brach in ein so lautes, ansteckendes Lachen aus, dass ich selbst nicht mehr ernst bleiben konnte.
„Hast du sein Gesicht gesehen?“, brachte Lukas zwischen zwei Lachanfällen hervor. „Der Löwenzahn hat ihn endgültig erledigt.“
Ich grinste zufrieden, band mir die Schürze ab und ging in die Küche zurück. Aus meinem geheimen Vorrat, gut versteckt hinter den Einmachgläsern in der hintersten Speisekammer, holte ich eine duftende Stange luftgetrocknete Wurst, ein großes Stück kräftigen Käse und ein frisches Baguette hervor.
Seitdem sind fast drei Monate vergangen. Unser Ferienhaus ist wieder das geworden, was es früher war: ein stiller Ort, an dem es nach Blumen, Holz und gutem Abendessen riecht. Christina ruft Lukas inzwischen einmal pro Woche an, findet aber jedes Mal einen überzeugenden Grund, weshalb sie uns leider nicht besuchen kann. Und ich erzähle ihr bei jeder Gelegenheit mit heller, fröhlicher Stimme, dass wir mittlerweile auf Schmelzwasser und gekeimten Leinsamen umgestiegen sind.
Man munkelt, Sebastian habe nach jenem Wochenende gelernt, sich selbst Teigtaschen zu kochen. Ich wiederum habe etwas anderes begriffen: Manchmal genügt es, im richtigen Moment eine Klettenwurzel hervorzuholen, um den eigenen Frieden zu retten.
