Er kniete sich sofort hin, begann die Scherben einzusammeln und sah dabei in mein kreidebleiches Gesicht.
„Jetzt ist Schluss“, sagte er leise und nahm mir behutsam das Geschirrtuch aus der Hand. „Du bist völlig am Ende.“
„Lukas, sie fressen uns das ganze Geld weg“, flüsterte ich und kämpfte gegen die Tränen an, die mir in die Augen stiegen. „Ich halte es nicht mehr aus, hier die Bedienung zu spielen.“
Mein Mann war immer ein sanfter Mensch gewesen, einer, der Streit mied — besonders mit seiner herrischen Mutter. Doch als er mich so sah, nickte er plötzlich mit einer Entschlossenheit, die ich selten an ihm erlebt hatte.
„Wenn wir es ihnen direkt sagen, gibt es einen riesigen Krach. Und meine Mutter wird uns jahrelang nicht mehr anrufen“, meinte er und legte mir den Arm um die Schultern. „Wir müssen es so anstellen, dass sie von selbst keine Lust mehr haben, hierherzukommen.“
Die Idee dazu lieferte mir meine Kollegin Mila. Sie schwärmte seit einiger Zeit von fernöstlichen Gesundheitsritualen und erzählte mir in der Mittagspause einmal ausführlich von einer tibetisch inspirierten Körperreinigung. Kein Fleisch, keine schnellen Kohlenhydrate, weder Salz noch Zucker. Erlaubt waren nur Kräuter, rohes Gemüse und geschmacksneutrale Sojaprodukte.
Am Donnerstag nach Feierabend fuhren Lukas und ich auf den Markt. Die Fleischstände ließen wir bewusst links liegen. Stattdessen wanderten Bündel bitterer Rucola, Stangensellerie, rohe Rote Bete, Leinsamen und Sojafleisch in unsere Taschen — dieses merkwürdig elastische Zeug, das sich anfühlte wie ein dichter Schwamm.
Am Freitagabend ertönte wie gewohnt das vertraute Hupen vor dem Tor. Christina stieß die Gartenpforte auf, als gehöre ihr das Grundstück.
„Anna, macht schon mal den Grill an! Sebastian ist vom Verkehr völlig erledigt, der braucht jetzt sofort ein paar Spieße!“
Ich trat mit frisch gebundener Schürze auf die Veranda und schenkte ihnen mein breitestes, aufrichtigstes Lächeln.
„Christina, Sebastian! Wir haben wunderbare Neuigkeiten. Lukas und ich haben gemerkt, wie erschöpft ihr vom Stadtleben seid, und beschlossen, etwas für eure Gesundheit zu tun. Ab heute beginnt in unserem Ferienhaus ein vollständiges Detox-Programm!“
Das Gesicht meiner Schwiegermutter wurde lang. Misstrauisch schnupperte sie in die Luft.
„Was denn für ein Detox? Und was riecht hier so, als hätte jemand Heu aufgekocht?“
„Das ist ein Sud aus Brennnessel und Klettenwurzel“, verkündete Lukas munter, während er aus dem Haus kam. „Sehr wohltuend für den Körper. Kommt rein, das Abendessen steht bereit.“
Auf dem Holztisch warteten irdene Schalen. Darin schwappte eine dicke, grüne Masse: Sellerie-Spinat-Püree, nur mit Wasser gekocht und ohne ein einziges Körnchen Salz. In der Mitte des Tisches türmten sich kleine Sojabratlinge, großzügig mit Leinsamen bestreut.
