— Anna, wieso liegst du noch immer im Bett? Es ist schon nach acht! Sebastian ist von der Fahrt völlig geschafft. Für ihn wären jetzt fünf Spiegeleier mit knusprigem Speck genau das Richtige!
Mühsam hob ich die bleischweren Lider. Im Schlafzimmer lag nicht der zarte Duft von Morgentau, wegen dem wir dieses Haus draußen im Grünen überhaupt gekauft hatten, sondern Christinas stechendes Blumenparfüm. Meine Schwiegermutter stand im Türrahmen, die Hände in die Hüften gestemmt, und musterte mich mit vorwurfsvollem Blick.
— Christina, wir haben gestern bis zwei Uhr nachts die Beete gejätet, — brachte ich heiser hervor und spürte, wie mein Rücken bei jeder Bewegung schmerzte.
— Ach was, Schlaf holen wir irgendwann nach. Los, steh auf. Im Kofferraum stehen leere Behälter, wir müssen Suppe für die ganze Woche kochen.
Die Tür fiel krachend ins Schloss. Ich presste das Gesicht ins Kissen, während sich in meiner Brust ein harter Knoten aus Kränkung und Erschöpfung zusammenzog.

Sieben Jahre. Ganze sieben Jahre hatten Lukas und ich uns alles verkniffen. Kein Urlaub am Meer, keine neuen Jacken, kein bequemes Leben — stattdessen eine winzige Einzimmerwohnung und jeder Euro auf dem Sparkonto. Nur damit wir uns dieses Holzhaus am Waldrand leisten konnten. Lukas hatte eigenhändig die Bretter abgeschliffen, ich hatte mir beim Pflanzen der Hortensien die Hände wund gearbeitet. Es sollte unser stiller Rückzugsort werden.
Doch aus unserem Traum war ein kostenloses Ferienlager für die Verwandtschaft meines Mannes geworden.
Jeden Freitag, pünktlich um sechs Uhr abends, hielt vor unserem Tor derselbe kirschrote Wagen. Sebastian, Lukas’ achtunddreißigjähriger Bruder, stieg aus, reckte sich ausgiebig und steuerte ohne Umwege die Hängematte an. Christina folgte ihm mit leeren karierten Taschen, die ich bis Sonntagabend gefälligst mit Essen zu füllen hatte.
— Anna, so mariniert man doch kein Fleisch. Das wird ja staubtrocken! — dröhnte die Stimme meiner Schwiegermutter an meinem freien Tag neben meinem Ohr, während ich am Spülbecken stand. — Und bring Sebastian Mineralwasser. Die Hitze bekommt ihm nicht.
Die Vorräte verschwanden schneller, als ich nachkaufen konnte. Bauernkäse, gutes Schweinefleisch, frisches Gemüse — schon am Samstagabend gähnte der Kühlschrank leer und weiß. Lukas musste dann den Wagen starten und zum Dorfladen fahren, wo er wieder eine ordentliche Summe ausgab. Seine Familie brachte nicht ein einziges Mal auch nur ein Brot mit.
An jenem Abend, als ich zum vierten Mal an diesem Tag Sebastians Geschirr abwusch, begannen meine Hände plötzlich zu zittern. Der Teller rutschte mir aus den Fingern und zersprang klirrend auf den Fliesen.
Lukas war im selben Augenblick an meiner Seite.
