— Julia, Lukas und ich haben sehr ausführlich über eure Lage gesprochen, — begann Sandra und sah ihr mit jener warmen Eindringlichkeit in die Augen, die offenbar einstudiert war. — Uns ist vollkommen klar, wie belastend es für eine alleinstehende Frau sein muss, ein so großes zweistöckiges Haus zu halten. Da fallen ständig Kosten an: Reparaturen, Instandhaltung, Garten, Grundstück, alles Mögliche. Warum solltest du dir das weiter zumuten? Deine Tochter ist erwachsen, du hast genug geleistet. Jetzt solltest du dir Ruhe gönnen und bequem leben. Genau deshalb ist Lukas bereit, diese schwere Last von deinen Schultern zu nehmen. Unser Vorschlag ist wirklich fair: Du behältst die Wohnung in der Stadt, und Lukas übernimmt das Landhaus. Glaub mir, das ist die menschlichste Lösung. Wir wollen dich nur von Sorgen befreien, die dir längst zu viel geworden sind.
Sandra brachte diese Worte mit einer derart aufrichtigen Überzeugung vor, dass man für einen flüchtigen Moment hätte meinen können, sie vollbringe tatsächlich eine gute Tat. In ihrem Gedankengebäude fügte sich alles makellos zusammen: Sie entlastete eine „erschöpfte Frau“ von überflüssigen Problemen und sicherte zugleich ihrer neuen Familie ein hervorragendes Anwesen im Grünen. Sandra betrachtete sich offensichtlich als Musterbeispiel moderner Vernunft. Sie war fest davon überzeugt, Lukas dabei zu helfen, sich zurückzuholen, was ihm ihrer Meinung nach zustand, und ihn vor einer habgierigen früheren Ehefrau zu schützen.
Lukas nickte eifrig, als müsse er Sandras Darstellung mit jeder Kopfbewegung beglaubigen.
— Genau so ist es, Julia. Ich bin wirklich bereit, diesen Schritt zu gehen. Ich nehme das Haus. Die Wohnung bleibt dir. Du musst nicht umziehen, musst dein gewohntes Leben nicht aufgeben. Ich handle fair und nach meinem Gewissen.
Für einige Sekunden sagte niemand etwas. Julia betrachtete die beiden und staunte darüber, wie grenzenlos Menschen sich selbst belügen konnten. Sie waren gekommen, um fremdes Eigentum an sich zu ziehen, und hielten sich dabei ernsthaft für Wohltäter.
— Was für ein großzügiges Angebot, — sagte sie schließlich, ohne den Ton zu heben. — Du erklärst dich also bereit, das Landhaus zu übernehmen, damit mein Leben leichter wird. Rührend. Wirklich rührend. Es gibt nur eine Kleinigkeit, Lukas, die du deiner neuen Auserwählten offenbar nicht erzählt hast.
Sandra zog kaum merklich die Stirn kraus. In Julias Stimme lag etwas, das in ihrem sorgfältig vorbereiteten Ablauf nicht vorgesehen war: Sicherheit.
— Von welcher Kleinigkeit sprechen Sie? — fragte sie nun deutlich vorsichtiger.
— Davon, dass dieses Haus nie zu unserem gemeinsamen ehelichen Vermögen gehört hat, — erwiderte Julia und ließ ihren Blick von Sandra zu Lukas wandern. — Es war das Haus meiner Eltern. Als sie älter wurden und merkten, dass sie sich nicht mehr richtig um ein so großes Gebäude und das Grundstück kümmern konnten, haben sie es auf mich übertragen. Per Schenkungsvertrag. Mit anderen Worten: So sehr ihr euch auch danach sehnt, mir meine angeblichen Lasten abzunehmen — rechtlich gibt es hier nichts zu teilen. Das Haus gehört mir.
Sandras Gesicht erstarrte für einen Augenblick. Dann drehte sie sich langsam zu Lukas um. Er war sichtbar blasser geworden, fing sich jedoch rasch und ging sofort zum Angriff über, als müsse er seine verletzte Eitelkeit verteidigen.
— Julia, das sind doch nur Papiere! — brach es aus ihm heraus, und in seiner Stimme klang alter Groll mit. — Ja, formal haben deine Eltern das Haus auf dich überschrieben. Aber wer hat hier in den letzten fünfzehn Jahren seine Kraft hineingesteckt? Wer hat die Dachsanierung bezahlt? Wer hat sich um die neue Elektrik gekümmert? Ich habe mein Geld investiert, meine hart verdienten Euro, meine Energie! Ich war fast jedes Wochenende hier, während andere sich ausgeruht haben. Zählt meine Arbeit etwa gar nichts? Willst du dich jetzt hinter einem Stück Papier verstecken und meinen Beitrag zu dieser Familie einfach ausradieren?
Lukas glaubte tatsächlich jedes Wort, das er sagte. Er erinnerte sich nicht daran, dass die Dacharbeiten aus Julias Ersparnissen bezahlt worden waren und sein eigener Anteil vor allem darin bestanden hatte, den beauftragten Handwerkern Anweisungen zu geben. In seiner Vorstellung war er der Schöpfer dieses ländlichen Wohlstands gewesen. Der Gedanke, dass das Gesetz nicht auf seiner Seite stand, erschien ihm als ungeheuerliche Ungerechtigkeit.
Sandra fasste sich schneller als er. Ihr nüchterner, praktischer Verstand stellte die Taktik innerhalb weniger Sekunden um. Wenn das Landhaus nicht erreichbar war, musste eben ein anderes Ziel ins Visier genommen werden.
— Gut, Julia, — sagte sie, und ihre Stimme klang nun kühler; ein Teil der süßlichen Fürsorge war verschwunden. — Wir respektieren selbstverständlich die Rechtslage. Wenn das Haus aufgrund einer Schenkung Ihr persönliches Eigentum ist, werden wir darauf keinen Anspruch erheben. Lukas ist nicht der Typ Mann, der wegen Kleinigkeiten vor Gericht zieht. Dann müssen wir allerdings die Frage der Wohnung neu betrachten. Die Stadtwohnung wurde während der Ehe gekauft. Sie ist also gemeinsam erworbenes Vermögen.
