Und da Sie nun auf einer buchstabengetreuen Auslegung aller rechtlichen Einzelheiten bestehen, hat Lukas Schubert selbstverständlich auch einen Anspruch auf die Hälfte dieser Wohnung.
Julia Lehmann verengte die Augen.
— Sie wollen also die Wohnung aufteilen? — fragte sie langsam nach. — Wenn wir damit anfangen, bleibt mir nichts anderes übrig, als sie zu verkaufen, damit ich Lukas seinen Anteil auszahlen kann. Und wo soll Emma Walter dann wohnen? Sie studiert. Diese Wohnung ist ihr einziges Zuhause.
Lukas Schubert sah zur Seite. Man merkte ihm an, dass ihm die Sache unangenehm war. Er liebte seine Tochter, auf seine eigene, bequeme Weise. Doch seine neuen Pläne fürs Leben verlangten nun einmal Geld, und dieses Geld musste irgendwoher kommen.
Sandra Lang dagegen schien keinerlei Gewissensbisse zu verspüren. Sie trat sogar einen Schritt vor, als müsse sie ihren Mann gegen völlig ungerechtfertigte Angriffe verteidigen.
— Julia, Sie machen genau den Fehler, den überfürsorgliche Mütter ständig begehen, — erklärte Sandra Lang in einem belehrenden Ton. — Emma ist kein kleines Kind mehr. Sie ist achtzehn. Warum behandeln Sie sie, als wäre sie hilflos? Man muss jungen Menschen beibringen, selbstständig zu werden. Dann nimmt sie eben einen Studienkredit auf, sucht sich einen Nebenjob, zieht mit Freundinnen in ein Zimmer. Das ist ein ganz normaler moderner, europäischer Erziehungsansatz. Wir können doch Lukas’ Leben nicht dauerhaft der Versorgung einer erwachsenen Tochter unterordnen. Lukas hat das Recht, seinen Anteil zu bekommen und ihn für den Aufbau eines neuen Familienlebens zu verwenden. Wir verlangen nichts, was uns nicht zusteht. Wir sprechen nur von dem, was Lukas gehört.
In Sandra Langs Worten lag die harte, unnachgiebige Logik eines Menschen, der durch fremde Bindungen nicht belastet war. Sie begriff wirklich nicht, weshalb Lukas Schubert Vermögenswerte bei seiner früheren Frau und seiner Tochter lassen sollte, wenn genau dieses Geld doch ein hervorragendes Startkapital für ihre gemeinsamen Zukunftspläne sein konnte. In ihrer Welt wurde alles nach Nutzen, Gewinn und Zweckmäßigkeit bemessen.
Julia Lehmann wandte den Blick zu ihrem ehemaligen Mann.
— Lukas, ist das auch deine Haltung? — fragte sie ruhig. — Bist du tatsächlich bereit, deine eigene Tochter aus ihrem Zuhause zu drängen, nur damit du dein neues Leben finanzieren kannst? Du bist doch mit der Behauptung gegangen, deine väterliche Pflicht sei erfüllt. Gehört es für dich zu einem würdigen Abschluss dieser angeblichen Heldentat, dein Kind ohne Dach über dem Kopf zurückzulassen?
Lukas schluckte nervös. Für einen Augenblick wirkte er unsicher, doch dann straffte er die Schultern, als hätte Sandra Langs Rede ihm ein Gerüst geliefert, an dem er sich festhalten konnte.
— Julia, hör auf, Emma als Druckmittel zu benutzen! — fuhr er sie scharf an und zog sich sofort in eine beleidigte Verteidigungshaltung zurück. — Achtzehn Jahre lang habe ich euch beide versorgt. Ich habe geschuftet, damit es euch an nichts fehlt. Mein Gewissen ist rein. Warum soll ich jetzt mit leeren Händen dastehen und euch alles überlassen? Warum sollen du und Emma bequem weiterleben, während ich wieder ganz von vorn anfangen muss? Auch ich habe ein Recht auf ein normales Leben. Sandra hat völlig recht: Emma muss lernen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Wir sind eine Familie, Julia, und wenn unsere Tochter wirklich in Schwierigkeiten gerät, werde ich ihr selbstverständlich mit einem Rat helfen oder ihr auch einmal etwas Geld geben. Aber auf meine rechtmäßige Hälfte der Wohnung werde ich nicht verzichten. Ihr zwingt mich mit eurer Starrköpfigkeit doch geradezu zu solchen Schritten.
Mit erstaunlicher Leichtigkeit schob er die Verantwortung auf Julia Lehmann ab. Sie wunderte sich nicht einmal darüber. In seinem Kopf blieb er weiterhin das Opfer: Hätte Julia ihm einfach das Haus überlassen, müsste er nun nicht zu drastischen Maßnahmen greifen und die Wohnung zur Diskussion stellen. Folglich wäre, falls Emma Walter am Ende ohne Zuhause dastünde, allein ihre uneinsichtige Mutter daran schuld. Diese verdrehte Logik half Lukas dabei, sich selbst immer noch für einen anständigen Menschen zu halten.
— Ich habe verstanden, — sagte Julia Lehmann langsam.
Ihre Stimme war vollkommen ruhig, fast ausdruckslos. Gerade diese Emotionslosigkeit brachte sowohl Lukas als auch Sandra Lang sichtbar aus dem Konzept.
— Ihr wollt also die Wohnung teilen. Das ist euer Recht. Reicht die Scheidung ein. Beantragt die Vermögensaufteilung.
Sandra Lang nickte zufrieden. Offenbar deutete sie Julias Ruhe als Zeichen dafür, dass der Widerstand gebrochen war.
— Sehen Sie, Julia, es ist immer möglich, zu einer sachlichen Lösung zu kommen, sobald man unnötige Gefühle beiseitelässt. Wir werden die Unterlagen vorbereiten.
— Bevor ihr allerdings zu einem Anwalt geht, — fuhr Julia Lehmann fort, ohne auf Sandra Langs Bemerkung einzugehen, — möchte ich dich, Lukas, an noch eine Kleinigkeit erinnern. Ja, die Wohnung wurde während der Ehe gekauft. Aber die Anzahlung dafür stammte aus dem Geld, das ich von meiner Großmutter geerbt hatte. Das vor Gericht nachzuweisen wird nicht schwer sein; sämtliche Kontoauszüge existieren noch. Die Hälfte der Wohnung kannst du dir also abschminken.
