— Wir wissen sehr gut, wie schwer es für eine alleinstehende Frau sein muss, ein so großes zweistöckiges Haus allein zu bewältigen. Deshalb schlagen wir eine wirklich faire Lösung vor: Du behältst die Wohnung in der Stadt, und Lukas Schubert übernimmt dieses Ferienhaus.
Lukas Schubert war von einem Tag auf den anderen gegangen, ausgerechnet kurz vor den Neujahrsfeiertagen, als ihre gemeinsame Tochter Emma Walter gerade erst achtzehn geworden war. Es hatte keinen Streit gegeben, kein Gebrüll, keine zugeschlagene Tür. Im Gegenteil: Er sprach mit der müden Nachsicht eines Menschen, der angeblich jahrelang eine unerträgliche Last getragen hatte und sich nun endlich berechtigt fühlte, sie abzuwerfen.
— Julia Lehmann, wir wissen doch beide, dass unsere Ehe schon lange nur noch auf dem Papier existiert, — hatte er damals gesagt, mitten im Wohnzimmer stehend, mit einer Miene, die zugleich würdevoll und beinahe märtyrerhaft wirkte. — Ich bin nur wegen Emma geblieben. Ein Kind braucht einen Vater, eine vollständige Familie. Ich habe meine besten Jahre geopfert, damit sie sicher aufwachsen kann. Aber jetzt ist meine Pflicht als Vater erfüllt. Emma ist volljährig. Ich habe ein Recht auf mein eigenes Glück und auf Freiheit. Ich hoffe, du verstehst das richtig und machst keine Szene. Zu teilen haben wir nichts außer der Vergangenheit, und die sollte man besser dort lassen, wo sie hingehört.
Julia hatte damals nicht widersprochen. Sie hatte ihn nur angesehen, diesen Mann, mit dem sie mehr als zwanzig Jahre ihres Lebens verbracht hatte, und versucht, in seinen Worten wenigstens einen Funken Aufrichtigkeit zu entdecken. Lukas glaubte tatsächlich an sein eigenes Opfer. In seiner zurechtgebogenen Wirklichkeit war er ein edler Ritter, der langweiligen Alltag und erloschene Gefühle allein zum Wohl der Tochter ertragen hatte.
Dass Julia in all diesen Jahren eben diesen Alltag getragen, ihn in Phasen seiner Arbeitslosigkeit aufgefangen und seine kleinen Affären stillschweigend übersehen hatte, hatte Lukas bequem aus seinem Gedächtnis gestrichen. Es gefiel ihm, sich als großmütigen Leidenden zu betrachten. Den Scheidungsantrag reichte er allerdings nicht ein. Mal war er zu beschäftigt, mal standen die Feiertage vor der Tür, mal wollte er sich die Laune nicht durch Amtsgänge und Papierkram verderben lassen.

Ein halbes Jahr verging.
Der Sommer brachte einiges an Unruhe mit sich, doch Julia zog es vor, die meiste Zeit in ihrem zweistöckigen Ferienhaus am Fluss zu verbringen. Dieser Ort bedeutete ihr viel. Hier konnte sie atmen, zur Ruhe kommen und die Gedanken ordnen, die in der Stadt unaufhörlich durcheinandergerieten.
Lukas erschien unangekündigt vor der Tür. Und er kam nicht allein. Neben ihm stand eine junge Frau mit aufmerksamem, prüfendem Blick, als taxiere sie bereits Wände, Möbel und Grundstückswert. Sandra Lang. Julia wusste nur das Nötigste über sie: Lukas’ neue Partnerin, fünfzehn Jahre jünger als er, ehrgeizig, praktisch veranlagt und offenbar völlig frei von unnötiger Sentimentalität.
Sandra benahm sich, als betrete sie nicht das Haus einer anderen, sondern eine Außenstelle ihres eigenen Unternehmens, die dringend umstrukturiert werden musste. Auf ihren Lippen lag ein weiches, verständnisvolles Lächeln — genau die Art von Lächeln, hinter der sich ein eiserner Griff verbarg.
— Guten Tag, Julia Lehmann, — sagte Sandra und trat geschmeidig einen Schritt weiter hinein. Ihre Stimme klang warm und einhüllend, doch darin schwang deutlich diese herablassende Fürsorglichkeit mit, die Julia sofort misstrauisch machte. — Lukas hat mir sehr viel von Ihnen erzählt. Ich habe ihm schon lange gesagt, dass Sie beide endlich in Ruhe sprechen müssen. Man kann doch nicht ewig in so einem Schwebezustand bleiben. Das geht auf die Nerven, auf die Gesundheit, auf alles. Wir sind gekommen, um Ihnen zu helfen, dieses Kapitel endgültig abzuschließen und ohne unnötige Belastungen ein neues Leben zu beginnen.
Julia richtete den Blick auf ihren Noch-Ehemann. Lukas wirkte frischer, schlanker, fast verjüngt. Trotzdem lag in seiner Haltung eine leichte Unsicherheit, die er mit betonter Lässigkeit zu überdecken versuchte.
— Ja, Julia, Sandra hat recht, — mischte er sich ein und bemühte sich, seiner Stimme möglichst viel Wohlwollen zu verleihen. — Wir haben beschlossen zu heiraten. Dafür müssen wir unsere Scheidung offiziell regeln. Ich verstehe, dass das für dich schmerzhaft sein kann, aber wir sind erwachsene Menschen. Lass uns die Vermögensfragen friedlich klären, ohne Gericht, ohne Streit, ohne schmutzige Szenen. Ich möchte mich anständig verhalten.
Innerlich verzog Julia spöttisch den Mund. Lukas’ Anstand hatte schon immer einen sehr genau kalkulierten Preis gehabt.
— Und worin genau besteht diese Anständigkeit? — fragte sie ruhig.
Sandra übernahm sanft, aber entschieden das Wort. Offensichtlich führte sie bei dieser Aufführung Regie, und sie hatte nicht vor, die Kontrolle aus der Hand zu geben.
