Als Julia die Wohnung betrat, schlug ihr eine eigentümliche Stille entgegen, vermischt mit dem muffigen Geruch liegen gebliebener Wäsche. Lukas Mayer war einen Tag früher aus dem Urlaub zurückgekommen. Er saß in der Küche, vor sich einen Teller, der offensichtlich seit Stunden nicht angerührt worden war.
Julia stellte den Koffer ab.
„Und? Wie war die Reise?“, fragte sie ruhig.
Lukas hob den Blick. Die Schatten unter seinen Augen wirkten dunkler als zuvor.
„Furchtbar“, sagte er heiser. „Schon am ersten Abend hat Mutter sich mit Vater gestritten, weil er das falsche Bier bestellt hatte. Danach hat er drei Tage lang kein Wort mehr mit ihr geredet. Sie hat geweint und von mir verlangt, ich solle sie versöhnen. Dann bekam sie Kopfschmerzen, und wir saßen zwei Tage im Hotelzimmer fest, weil ihr angeblich die Sonne nicht guttat und man sie ja unmöglich allein lassen konnte.“
„Das tut mir leid“, erwiderte Julia, ging zum Kühlschrank und nahm einen Joghurt heraus.
„Sie hat gefragt, wo du bist. Ich habe gesagt, du seist beruflich unterwegs.“
Julia sah ihn an.
„Warum? Du hättest ihr die Wahrheit sagen können. Dass ich mich für die Variante entschieden habe: für immer bei deiner Mutter.“
Lukas sprang so abrupt auf, dass der Stuhl über den Boden scharrte.
„Julia, ich war ein kompletter Idiot. Verstehst du? Dort, in diesem verdammten Zimmer, während ich mir ihre endlosen Vorwürfe anhören musste — gegeneinander, gegen mich, gegen alles —, da habe ich plötzlich begriffen, wie mein Leben aussehen wird, wenn du nicht zurückkommst. Ich werde zwischen ihren Streitereien, ihren Launen und Mutters Hüten alt werden. Und das will ich nicht.“
Er trat zu ihr und wollte nach ihren Händen greifen. Julia wich nicht hart aus, aber bestimmt genug, dass er stehen blieb.
„Lukas, ein ‚Ich habe es verstanden‘ reicht nicht.“
„Ich weiß.“ Er nickte hastig. „Ich habe bereits mit ihnen gesprochen. Ich habe gesagt, dass wir unser eigenes Leben führen werden. Und dass sie die Schlüssel zu unserer Wohnung zurückgeben.“
„Und was hat Andrea Simon dazu gemeint?“
Ein bitteres Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Dass ich ein undankbarer Sohn bin. Dass du mich verhext hast. Aber weißt du was? Zum ersten Mal in meinem Leben war es mir egal, was sie darüber denkt.“
Julia musterte ihn lange. In seinen Augen lag nicht mehr diese alte Überzeugung, am Ende ohnehin zu gewinnen. Da waren Unsicherheit, Erschöpfung und ein vorsichtiger Rest Hoffnung.
„Ich verspreche dir nicht, dass ab morgen alles gut ist“, sagte sie leise. „Wir müssen sehr viel klären. Vielleicht auch mit professioneller Hilfe. Denn dein sogenannter Sieg an jenem Abend hätte uns beinahe zehn Jahre gekostet.“
„Ich mache alles mit“, sagte Lukas sofort. „Bitte geh nur nicht wieder.“
Julia wandte den Blick zum Fenster. Unten im Hof stand die alte Linde in Blüte. Das Leben lief weiter, unbeeindruckt und ruhig. Doch eines wusste sie nun mit einer Klarheit, die sie früher nicht gehabt hatte: Kein Ultimatum der Welt würde sie noch einmal dazu bringen, gegen ihren eigenen Willen einen Koffer zu packen. Manchmal musste man erst bereit sein, eine Familie zu verlieren, um sie vielleicht retten zu können.
„Gut“, sagte sie schließlich. „Dann fang damit an, den Abwasch zu machen. Und danach schreiben wir Regeln für unser Zuhause auf. Regel Nummer eins: keine elterlichen Überraschungen mehr in unserem Urlaub.“
Lukas nickte und griff gehorsam nach dem Spülschwamm. Es war nur ein kleiner Schritt. Aber Julia wusste: Von nun an bestimmte sie selbst, in welche Richtung sie ihn setzte.
Einen Monat später saßen sie wieder am Flughafen. Diesmal nur zu zweit. Lukas’ Handy vibrierte. Eine Nachricht seiner Mutter war eingegangen.
„Luki, ich habe den Wetterbericht gesehen, dort soll es regnen. Zieh unbedingt eine warme Jacke an und pass auf, dass Julia kein kaltes Wasser trinkt.“
Lukas las die Zeilen, sah dann zu Julia hinüber. Sie hob fragend eine Augenbraue.
„Was ist?“, fragte sie.
„Nichts Wichtiges“, sagte er, lächelte und ließ das Telefon ungelesen weiter in seiner Tasche verschwinden. „Nur der Wetterbericht. Angeblich bekommen wir Sonne. Ausschließlich Sonne.“
Julia lächelte zurück und schob ihre Hand in seine. Diesmal stimmten die Tickets. Und der Weg, den sie gewählt hatten, gehörte ihnen allein. Ohne Publikum, ohne ungefragte Ratschläge, ohne fremde Regie. Und seine Mutter? Die würde warten müssen. Schließlich hatte sie ja einen neuen Hut — und bestimmt eigene Pläne für diesen Sommer.
