„Sebastian Friedrich, sieh doch nur, ist das nicht wunderschön?“ sagte Hannah bewundernd vor der Juwelierauslage, er seufzte und zog sie behutsam weg, von Geldsorgen gezeichnet

Rührend und ungerecht zugleich: stille, erschöpfte Hingabe.
Geschichten

„Sebastian Friedrich, sieh doch nur, ist das nicht wunderschön?“ Hannah Lang blieb wie angewurzelt vor der hell erleuchteten Auslage eines Juweliergeschäfts stehen. Ihr Blick hing an einem schmalen Silberarmband, an dem ein winziges Herz aus Zirkonia funkelte.

Damals war sie siebenundzwanzig gewesen. Sie waren seit fünf Jahren verheiratet, wohnten in einer gemieteten Einzimmerwohnung am Stadtrand und legten jeden Euro für die Anzahlung einer eigenen Wohnung zurück. Auf vieles verzichteten sie, eigentlich auf fast alles. Sebastian Friedrich überschlug damals im Kopf ihre ohnehin knappe Haushaltskasse, seufzte leise und zog seine Frau behutsam von der Scheibe weg.

„Hannah Lang, bitte nicht jetzt. Der Wasserkocher ist doch gerade erst kaputtgegangen, wir erhitzen das Wasser schon im Topf auf dem Herd. Lass uns diesen Monat irgendwie herumkriegen, dann bekomme ich die Prämie, und danach kaufen wir ihn. Versprochen.“

Sie hatte gelächelt, genickt, und wenig später standen sie im Laden und nahmen den billigsten elektrischen Wasserkocher mit, den sie finden konnten.

Danach kam der Kredit für die Wohnung, es folgten endlose Nebenjobs und eine Renovierung, bei der sie fast alles mit den eigenen Händen machten.

Später wurde endlich Lukas Wagner geboren, und die Ausgaben schossen auf einmal in die Höhe. Das versprochene Armband blieb irgendwo in der Vitrine der Vergangenheit zurück. Es verschwand unter Rechnungen für Strom und Heizung, Winteroveralls für den Sohn und Medikamenten für die Mutter.

Sebastian Friedrich schlug die Augen auf und starrte an die dunkle Schlafzimmerdecke.

Draußen begann ein kalter, feuchter Novembermorgen. Bis der Wecker klingeln würde, blieb noch eine halbe Stunde.

Im dämmrigen Zimmer lauschte er dem gleichmäßigen Atem seiner Frau. Hannah Lang lag ganz am Rand des Bettes, die Beine vor Kälte angezogen, die Decke bis unters Kinn gezogen. Ihr helles Haar war zerzaust, und auf ihrer Wange hatte sich bestimmt der Abdruck des Kopfkissens verewigt.

Am Abend zuvor war sie völlig erschöpft von der Arbeit nach Hause gekommen. Eine ganze Stunde hatte sie in der Küche über Lukas Wagners Heft gesessen und versucht, ihrem zwölfjährigen Sohn die Logik beim Addieren gewöhnlicher Brüche begreiflich zu machen. Danach hatte sie bis Mitternacht den Quartalsbericht fertiggestellt und anschließend wie auf Autopilot das Geschirr gespült.

„Zwanzig Jahre“, flüsterte Sebastian Friedrich lautlos, während er auf ihren Rücken sah, der selbst im Schlaf angespannt wirkte. „Zwanzig Jahre, verdammt.“

Ihr zwanzigster Hochzeitstag schwebte ihm seit zwei Monaten wie ein drohendes Gewicht im Kopf.

Für gewöhnlich hatten sie solche Tage irgendwie nebenbei begangen. Im Trott des Alltags lief alles auf einen hastig nach der Arbeit gekauften Kuchen hinaus, einen trockenen Kuss auf die Wange und den üblichen Satz: „Na dann, auf uns, wieder ein Jahr geschafft.“ Doch diesmal bekam Sebastian Friedrich plötzlich echte Angst.

Gestern Abend, als Hannah Lang mit dem Schwamm immer wieder über denselben Teller gerieben und dabei mit leerem Blick in das schwarze Fenster gestarrt hatte, war ihm etwas klar geworden: Wenn sie so weitermachten, würden sie bald nur noch zwei Menschen sein, die zufällig dieselbe Wohnung teilten.

Liebe stirbt nicht immer an Streit oder Verrat. Viel öfter erstickt sie leise unter Alltag, Müdigkeit und unbezahlten Rechnungen.

Sebastian Friedrich stand vorsichtig auf, bemüht, die Matratze nicht knarren zu lassen. Er warf sich den Bademantel über und ging in die Küche.

Er drückte den Schalter des Wasserkochers, holte aus der oberen Schublade den Einkaufsblock und einen Kugelschreiber. Auf dem weißen Blatt begann sich bereits ein kurzer Plan abzuzeichnen.

LebensKlüber