„Wenn das dein letztes Wort ist, nehme ich die zweite Möglichkeit“ sagte Julia leise und packt bereits ihren Koffer

Diese feige Entscheidung zerstört alles, was wirklich zählt.
Geschichten

In den Urlaub. Allein.

Am nächsten Morgen vibrierte das Handy beinahe ununterbrochen. Lukas Mayer rief im Viertelstundentakt an, kurz darauf kamen Nachrichten von seiner Mutter.

„Julia, das ist doch nicht dein Ernst. Lukas ist völlig fertig, sein Blutdruck ist gestiegen. Wie konntest du älteren Menschen so etwas antun?“

Julia legte das Telefon mit dem Display nach unten auf den Tisch und ging in die Küche. Sabine hatte dort bereits alte Fotos ausgebreitet.

„Weißt du noch, als dein Vater und ich zum ersten Mal nach Lübeck gefahren sind?“, fragte Sabine Lorenz lächelnd. „Damals wollte er unbedingt seine Schwester mitnehmen. Und ihre fünf Kinder gleich dazu. Ich habe nur gesagt: Andreas, wenn die mitfahren, bleibe ich hier und streiche sämtliche Hocker rosa.“

„Und was hat er gemacht?“

„Er ist allein gefahren. Nach drei Tagen stand er wieder vor der Tür und sagte, ohne mich schmecke nicht einmal die Ostseeluft richtig. Danach kam er nie wieder auf solche Einfälle.“ Sabine wurde ernst. „Aber Lukas ist anders. Der hält sich viel zu fest an der Schürze seiner Mutter fest.“

Da klingelte es.

Es war nicht Lukas. Vor der Tür stand Andrea Simon, Julias Schwiegermutter, mit genau dem neuen breitkrempigen Hut, der an ihr so übertrieben wirkte, als hätte sie ihn für eine Theaterrolle gekauft.

„Darf ich hereinkommen?“, fragte sie mit ungewohnt weicher Stimme.

„Bitte“, sagte Julia und trat zur Seite.

Andrea Simon ging ins Wohnzimmer, sah sich prüfend um und setzte sich auf die äußerste Kante des Sessels.

„Julia, was soll dieses kindische Theater? Wegen einer Reise zerstört man doch keine Ehe. Lukas ist völlig außer sich. Er wollte doch nur, dass wir alle zusammen sind. Wie eine richtige Familie.“

„Eine große Familie ist etwas Schönes“, erwiderte Julia ruhig, „solange jeder darin Luft zum Atmen hat. Hat irgendjemand mich gefragt, ob ich meinen einzigen Urlaub im Jahr damit verbringen möchte, mir Ihre Haushaltstipps anzuhören?“

„Tipps? Ich wollte dir bloß helfen! Du machst ja sogar die Einlage für die Suppe falsch, das sehe ich doch.“

„Genau darum geht es!“ Julia hob die Hände. „Lukas hat mir ein Ultimatum gestellt. Entweder ich fahre mit euch, oder ich kann gleich hierbleiben. Für immer. Ich habe seine Bedingung akzeptiert. Wo ist also das Problem?“

„Die Buchungen! Das Geld ist dann weg!“

„Mein Ticket können Sie stornieren. Oder nehmen Sie eine Nachbarin mit. Mir ist das gleich.“

Andrea Simon presste die Lippen zusammen. „Du bist hart geworden, Julia. Früher warst du entgegenkommender. Hat deine Mutter dir das eingeredet?“

Sabine, die im Türrahmen zur Küche stand, lachte leise auf.

„Nein, Frau Simon. Das nennt man gesunden Menschenverstand. Julia ist zweiunddreißig, und Sie mischen sich noch immer ein, wenn es darum geht, welche Farbe ihr Badeanzug haben soll.“

„Wir kümmern uns um sie!“

„Kümmern heißt zu fragen: Wie geht es dir? Nicht: Warum hast du meinem Sohn noch keine Frikadellen gemacht?“

Andrea Simon erhob sich und rückte ihren Hut zurecht.

„Gut. Wenn du es so willst … Lukas fährt mit uns. Und ich sorge dafür, dass er dort so nette Gesellschaft findet, dass er keinen Gedanken mehr an dich verschwendet. Merk dir meine Worte.“

Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, spürte Julia eine merkwürdige Erleichterung. Es war, als hätte jemand einen alten, schweren Teppich von ihren Schultern gezogen, unter dem sie jahrelang kaum hatte atmen können.

Die nächsten drei Tage zogen wie durch Nebel an ihr vorbei. Julia ging zur Arbeit, ließ Lukas’ Nachrichten unbeantwortet und kümmerte sich beim Reisebüro um die Rückerstattung ihres Anteils. Zum Glück lief die Buchung auf ihren Namen, bezahlt hatte sie ebenfalls mit ihrer eigenen Karte.

Am Abend vor der geplanten Familienabreise erschien Lukas persönlich. Er sah zerknittert aus, übernächtigt und wütend.

„Ich habe dein Ticket storniert“, log er, während er in die Wohnung seiner Schwiegermutter trat.

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