„Ich zahle ihm die Anzahlung zurück, diese zehntausend Euro, und damit ist die Sache erledigt!“, stieß Lukas Krüger hervor, die Stimme überschlug sich vor Angst.
„Herr Krüger, haben Sie den Vorvertrag überhaupt einmal von Anfang bis Ende gelesen?“, fragte Daniel Stein nun so kalt, dass jedes Wort wie ein Schnitt wirkte. „Dort steht eine Klausel zu Vertragsstrafen. Platzt der Verkauf wegen eines vom Verkäufer verschwiegenen erheblichen Hindernisses, ist die Anzahlung in doppelter Höhe zu erstatten. Das ergibt sich aus der Vereinbarung und den entsprechenden Regelungen zum Angeld im Bürgerlichen Gesetzbuch. Sie schulden dem Käufer jetzt zwanzigtausend Euro. Und zwar bis morgen früh. Ohne Diskussion.“
„Zwanzigtausend?“, keuchte Lukas. „So viel habe ich nicht! Die zehntausend habe ich längst an den Bauträger für das Reihenhaus überwiesen!“
„Dann haben Sie nicht nur diese Anzahlung für das Reihenhaus verloren, weil Sie den Restbetrag nicht mehr aufbringen werden“, stellte Daniel trocken fest, „sondern stehen zusätzlich bei einem äußerst unangenehmen Mann mit zwanzigtausend Euro in der Kreide. Ich bin raus, Herr Krüger. Diese Suppe müssen Sie allein auslöffeln.“
Die Verbindung brach ab.
Lukas ließ das Telefon sinken und sackte auf den Stuhl, als hätte man ihm die Knochen aus dem Körper gezogen. Alles, was er sich in seinem Kopf so triumphierend aufgebaut hatte — der Verkauf, das neue Haus, das Gefühl, endlich über Anna bestimmen zu können — zerfiel innerhalb weniger Minuten zu Staub. Er saß da, bleich, kraftlos, mit offenem Mund, und in seinen Augen stand nackte Furcht.
„Anna… Annchen…“, begann er plötzlich zu stammeln und sah sie an wie ein Mensch, der sich an den letzten Ast über einem Abgrund klammert. „Bitte. Melde dich freiwillig ab. Morgen früh gehen wir zusammen zum Bürgeramt, ja? Ich gebe dir die Hälfte vom Geld, ich schwöre es dir! Nur mach das jetzt, bitte. Wenn dieser Käufer sein Geld nicht bekommt, macht der mich fertig. Du hast doch gehört, was Daniel gesagt hat!“
Anna Werner legte ihre Unterlagen sorgfältig zurück in die Mappe, als habe sie alle Zeit der Welt.
„Du hast mir selbst geraten, von meinem eigenen Geld zu leben, Lukas“, sagte sie ruhig. „Also bleibe ich in meiner eigenen Wohnung. Das hier ist mein einziges Zuhause, und ich werde es nicht aufs Spiel setzen, nur um jemanden zu retten, der mich vor wenigen Minuten noch mit einer Tasche vor die Tür setzen wollte.“
„Aber die kommen morgen!“, rief er, und sein Körper begann sichtbar zu zittern. „Die stehen morgen hier und treiben diese zwanzigtausend Euro ein! Was soll ich denn tun?“
Da geschah etwas, womit Anna nicht gerechnet hatte.
Der Mann, der eben noch in seiner eingebildeten Macht geschwelgt hatte, sprang auf, rannte in den Flur und riss genau jene karierte Tasche an sich, die er für sie bereitgestellt hatte. Mit fahrigen Bewegungen zerrte er den Kleiderschrank auf. Teure Anzüge, Hemden, Schuhe — alles wurde ohne Ordnung hineingestopft, zerknüllt, übereinandergeworfen. Von seiner früheren Überheblichkeit war nichts geblieben.
„Du sagst ihnen, wir hätten Streit“, murmelte er hastig, während er mit bebenden Fingern am Reißverschluss zog. „Sag, ich sei weggefahren. Keine Ahnung wohin. Du weißt nicht, wo ich bin, verstanden? Ich verstecke mich erst mal bei meinem Bruder im Ferienhaus, bis sich das beruhigt hat.“
Anna stand schweigend im Flur und sah zu, wie ihr Mann sich unter dem Gewicht der prall gefüllten Tasche krümmte und fahrig in seine Jacke schlüpfte. In seinem Gesicht lag keine Reue. Nur panische Angst vor den Leuten, denen er nun Geld schuldete, und das entsetzliche Begreifen, dass er sich selbst in die Falle gelockt hatte.
Er verabschiedete sich nicht.
Er riss die Wohnungstür auf und hastete die Treppe hinunter, ohne auch nur auf den Aufzug zu warten.
Anna trat langsam zur Tür, drehte den Schlüssel zweimal im Schloss und schob zusätzlich den oberen Riegel vor. Danach wurde es still. Eine tiefe, ungewohnte Ruhe breitete sich in der Wohnung aus.
Sie ging zurück in die Küche, füllte ihr Glas mit frischem Wasser und stellte sich ans Fenster. Vor ihr lag ein leises, geordnetes Leben in ihrer eigenen Wohnung — an einem Ort, an dem niemand sie je wieder als Last bezeichnen durfte. Der Mann, der sie mittellos hinausdrängen wollte, hatte sich am Ende selbst aus seinem Zuhause vertrieben und war zum Gefangenen seiner eigenen Gier geworden.
