„Tantchen, geh mal zur Seite. Hier brauchen wir Programmierer, keine Putzfrauen.“ rief er laut und spöttisch, sie ging wortlos an ihm vorbei und setzte sich zum Notieren

Diese schamlose Geringschätzung trifft tief und schmerzt.
Geschichten

„Entschuldigung, wo wollen Sie denn hin? Das hier ist ein Arbeitsbereich, keine Abstellkammer.“

Ich blieb stehen. In meiner Hand hielt ich eine Mappe, der Besucherausweis hing mir um den Hals. Dritter Stock, ein langer Flur, Glaswände zu beiden Seiten. Dahinter Bildschirme, Bürostühle und junge Gesichter. Vor mir stand ein Kerl in einem auffälligen Hoodie, die Kopfhörer lässig um den Hals gelegt, und versperrte mir den Weg. Fünfundzwanzig vielleicht, älter sicher nicht. Trendiger Haarschnitt, makellos weiße Sneaker, ein Blick, der von oben herab kam.

„Tantchen, geh mal zur Seite. Hier brauchen wir Programmierer, keine Putzfrauen.“

Er sagte es nicht leise. Nicht nebenbei, nicht halb geflüstert. Er rief es laut genug, dass es durch den ganzen Gang hallte. Zwei junge Männer am nächstgelegenen Arbeitsplatz hoben die Köpfe. Einer schnaubte belustigt. Der andere senkte zwar sofort den Blick, doch das Grinsen konnte er nicht schnell genug verbergen.

Ich hätte etwas erwidern können. Nach dreiundzwanzig Jahren in diesem Beruf weiß ich ziemlich genau, wie man Sätze formuliert, nach denen jemand noch eine Woche lang über seine Wortwahl nachdenkt. Aber ich tat es nicht. Ohne ein Wort ging ich an ihm vorbei, lief bis zum Ende des Flurs und setzte mich an einen freien Tisch beim Fenster. Die Mappe legte ich vor mich hin. Dann holte ich mein Notizbuch heraus. Ein ganz normales Heft aus Papier, kariert. Ich schrieb: „Lukas. Hoodie mit Logo. Kopfhörer. Erster Eindruck.“

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er mir nachblickte. Dann wandte er sich zu den anderen um und tippte sich mit dem Finger an die Schläfe. Nach dem Motto: Habt ihr das gesehen? Eine Alte mit Notizheft verirrt sich in die IT-Abteilung.

Es war neun Uhr morgens. Die Besprechung sollte um zehn beginnen.

Seit dreiundzwanzig Jahren entwickle ich Software. Genauer gesagt: Ich schreibe Code. Diese unscheinbaren Zeilen auf dem Bildschirm, aus denen später Webseiten, Apps fürs Handy oder Onlinebanking-Systeme entstehen. Angefangen hatte ich 2003, als die Hälfte dieser jungen Leute noch gar nicht geboren war. Damals war ich fünfundzwanzig – genau so alt wie dieser Junge im Hoodie heute.

Meinen ersten Computer kaufte ich von Geld, das ich mir drei Monate lang von meinem Buchhalterinnengehalt abgespart hatte. Mein Mann hielt mich damals für verrückt. Mit zweiunddreißig noch Kurse? Programmieren? In dem Alter? Koch lieber etwas Ordentliches.

Gekocht habe ich auch. Aber nachts lernte ich die Sprache, in der Maschinen angesprochen werden. Variablen, Schleifen, Funktionen – im Grunde sind das Wörter und Sätze, nur eben für Computer. Später bekam ich eine Stelle in einer kleinen Firma. Danach wechselte ich in die nächste. Und dann in eine weitere. In meinem letzten Unternehmen blieb ich zwölf Jahre und arbeitete mich bis zur Leiterin eines Entwicklerteams hoch. Teamlead nennt man das heute. So etwas wie ein Vorarbeiter auf einer Baustelle, nur eben unter Programmierern. Ich kontrolliere, was andere geschrieben haben. Ohne meine Freigabe geht keine einzige Zeile Code in den Betrieb. Finde ich einen Fehler, wird überarbeitet. So einfach ist das.

Im Januar wurde die Firma geschlossen. Drei Monate saß ich ohne Arbeit zu Hause. Im März verschickte ich siebzehn Bewerbungen. Ich ging zu Vorstellungsgesprächen. In fünf von sieben Fällen hörte ich sinngemäß denselben Satz: „Ihre Erfahrung ist beeindruckend, aber wir suchen jemanden, der besser zu unserem aktuellen Teamprofil passt.“ Natürlich sagte niemand offen: Sie sind uns zu alt. Man verpackte es höflicher. „Wir orientieren uns an einem anderen Kandidatenprofil.“ Doch die Bedeutung blieb dieselbe. Achtundvierzig Jahre klingen in diesem Beruf beinahe wie ein Urteil. Der Durchschnitt liegt irgendwo bei siebenundzwanzig. Manche Vorgesetzte sind zwanzig Jahre jünger als ich.

Thomas Heinrich meldete sich persönlich bei mir. Entwicklungsdirektor eines großen Unternehmens, achtzig Angestellte. Seine Stimme klang ruhig, sachlich, belastbar.

„Ich brauche eine Teamleitung für eine Abteilung mit neun Entwicklern. Keinen Jungen frisch aus dem Crashkurs, sondern jemanden, der weiß, was funktionierender Code bedeutet. Man hat Sie mir empfohlen. Zwei Ihrer früheren Leute arbeiten inzwischen bei uns.“

Heute hatte ich meinen ersten Arbeitstag. Grauer Cardigan, zusammengebundene Haare, kein Make-up. Eine ganz gewöhnliche achtundvierzigjährige Frau. Mit grauen Strähnen an den Schläfen und einem Notizbuch in der Hand.

Und der erste Satz, den ich an meinem neuen Arbeitsplatz zu hören bekam, lautete: „Tantchen, geh mal zur Seite.“

Fünf Minuten vor zehn füllte sich der Besprechungsraum. Den Jungen im Hoodie erkannte ich sofort: Lukas. Er ließ sich in der hintersten Ecke in einen Stuhl fallen, machte es sich breitbeinig bequem und zog sein Handy hervor. Die beiden, die sich auf dem Flur amüsiert hatten, setzten sich neben ihn. Nora Vogel, schmal, still, etwa dreißig, nahm an der Wand Platz und klappte ihren Laptop auf.

Thomas Heinrich kam als Letzter herein. Groß, Brille, grauer Bart. Er ließ den Blick über die Runde gehen und nickte mir kurz zu.

„Kolleginnen und Kollegen, es gibt eine Veränderung. Nachdem Florian Krüger im vergangenen Monat ausgeschieden ist, übernimmt ab heute eine neue Führungskraft das Team. Für alle, die mit der Rolle nicht vertraut sind: Die Teamleitung nimmt eure Arbeit ab, prüft den Code, verteilt Aufgaben und entscheidet, was produktionsreif ist und was noch einmal überarbeitet werden muss. Ich stelle vor: Andrea Lange. Dreiundzwanzig Jahre Erfahrung in der Softwareentwicklung. In den letzten zwölf Jahren leitete sie bei Systempro ein Entwicklerteam. Unter anderem war sie am Aufbau eines Onlinebankingsystems für dreieinhalb Millionen Nutzer beteiligt.“

Ich erhob mich, nickte in die Runde und ließ meinen Blick langsam durch den Raum wandern.

Lukas legte das Telefon weg. Langsam. Sehr langsam. Erst sah er mich an, dann Thomas Heinrich, anschließend wieder mich. Seine Ohren verfärbten sich rosa. Noch nicht rot, aber deutlich rosa.

„Fragen dazu?“, fragte Thomas Heinrich und setzte sich.

Niemand sagte etwas. Ich schlug mein Notizbuch auf.

„Dann lernen wir uns jetzt kennen. Ich möchte wissen, woran jeder arbeitet, welche Aufgaben gerade laufen und wo Unterstützung gebraucht wird. Wir gehen der Reihe nach vor: Name, Projekt und aktuelle Aufgabe.“

LebensKlüber