Am folgenden Tag begann das eigentlich Spannende: der Zusammenstoß mit der Wirklichkeit.
Am Morgen holte Sabine Friedrich ihre eigenen Vorräte hervor, schmierte sich in aller Ruhe ein Brot, trank einen Kaffee und schloss den Kühlschrank danach wieder sorgfältig ab. Die jungen Leute schliefen noch.
Als sie abends von der Arbeit zurückkam, bot sich ihr in der Küche ein seltsames Bild. Auf dem Tisch lagen Lebensmittel, die ganz offensichtlich Lukas Hartmann besorgt hatte: eine Stange der billigsten Fleischwurst, ein Laib Weißbrot, eine Packung Mayonnaise und zwei Päckchen Nudeln.
Laura Peters stand an der Spüle und hielt mit spitzen Fingern eine schmutzige Pfanne von sich weg, als wäre sie ein gefährliches Tier.
„Lukas, das wasche ich ganz bestimmt nicht ab!“, jammerte sie. „Da klebt festes Fett drin! Igitt, das ist ja widerlich!“
„Und worin soll ich dir dann die Nudeln kochen?“, fuhr Lukas sie vom Tisch aus an. „In meinen Händen vielleicht? Spül das Ding einfach. Du bist doch die Frau. Tante Sabine hat das schließlich auch immer gemacht, und sie ist nicht daran gestorben.“
„Dann soll deine Tante Sabine es eben weiter machen! Ich habe frisch gemachte Nägel! Ich bin hier nicht als Köchin und Spülkraft eingezogen!“
Sabine ging schweigend an den beiden vorbei, öffnete den Kühlschrank mit ihrem Schlüssel, nahm sich einen Joghurt heraus und ließ das Schloss mit einem deutlichen Klicken wieder einrasten. Dann verschwand sie in ihrem Zimmer. In ihrem Rücken spürte sie die feindseligen Blicke der beiden, doch das berührte sie nicht im Geringsten.
Das Wochenende wurde für alle im Haushalt zu einer echten Belastungsprobe. Sehr schnell stellte sich heraus, dass selbstständiges Einkaufen keineswegs so einfach war, wie Lukas und Laura es sich vorgestellt hatten. Wer sein Geld bisher lieber für Freizeit, Kleidung und Kleinigkeiten ausgab, merkte plötzlich, wie gnadenlos Lebensmittel das Portemonnaie leerten.
Am Samstagnachmittag versuchten die beiden, einen stillen Protest zu inszenieren. Sie hockten demonstrativ in ihrem Zimmer, seufzten laut, knallten Türen und bewegten sich durch die Wohnung, als seien sie Opfer einer unerhörten Grausamkeit. Alexander Albrecht hielt das Theater irgendwann nicht mehr aus. Er bestellte eine große Pizza und versuchte, die beiden damit zu besänftigen.
Sabine mischte sich nicht ein. Sie wusste genau, dass Alexanders Gehalt nicht beliebig dehnbar war. Zwei hungrige junge Erwachsene dauerhaft mit Lieferessen zu versorgen, konnte er sich nicht lange leisten.
Und genauso kam es.
Bereits am Mittwoch der darauffolgenden Woche wirkte Alexander auffallend bedrückt. Schließlich bat er Sabine um etwas Geld bis zum nächsten Gehalt, angeblich für Benzin.
„Wo ist denn dein Geld geblieben, Alexander?“, fragte sie ruhig, während sie einige Kassenzettel sortierte. „Du hast doch erst am Freitag deinen Abschlag bekommen.“
„Na ja … es hat sich eben so ergeben“, murmelte er und wich ihrem Blick aus. „Ich habe den beiden ein paarmal etwas zu essen gekauft. Laura brauchte Geld für die Fahrten, ihre Karte war angeblich gesperrt. Sabinchen, mach doch bitte dieses verfluchte Schloss wieder auf. Ich schaffe es wirklich nicht, sie allein durchzufüttern. Ehrlich.“
Sabine legte die Zettel beiseite und sah ihn direkt an.
„Du schaffst es nicht, aber ich soll es schaffen?“, fragte sie leise. „Sie wohnen in meiner Wohnung. Sie geben keinen Cent für Strom, Wasser oder Heizung dazu. Nicht einmal Waschmittel kaufen sie. Und du erwartest jetzt, dass ich wieder mein Portemonnaie für sie öffne, damit sie ihre Gehälter weiter für neue Turnschuhe, Kosmetik und Wimpernverlängerungen zurücklegen können? Nein, Alexander. Sie müssen lernen, wie ein erwachsenes Leben funktioniert.“
Eine weitere Woche verging. Die Stimmung in der Wohnung wurde von Tag zu Tag unerträglicher. Laura bekam ständig Wutanfälle und ließ sie an Lukas aus. Die große Liebe verlor erstaunlich schnell ihren Glanz, sobald statt eines warmen Abendessens von der gutmütigen Hausfrau nur noch zusammengeklebte Billignudeln auf dem Tisch standen, gekocht in einem Topf, den niemand richtig sauber machen wollte.
Der Höhepunkt kam an einem Freitagabend.
Sabine saß im Wohnzimmer auf dem Sofa und sah fern, als aus dem Flur plötzlich das Rumpeln eines Rollkoffers zu hören war.
Kurz darauf stürmte Laura aus dem Zimmer der jungen Leute. Sie trug ihre Daunenjacke, ihr Gesicht war vor Zorn gerötet, die Wimperntusche unter den Augen leicht verschmiert. Hinter ihr hastete Lukas her, sichtlich überfordert, und versuchte, sie am Arm festzuhalten.
„Laura, warte doch!“, flehte er. „Wo willst du denn jetzt noch hin, mitten am Abend?“
„Fass mich nicht an!“, kreischte sie und riss sich los. „Ich bleibe keinen einzigen Tag länger in diesem Irrenhaus! Deine Stiefmutter ist doch komplett durchgedreht! Seit einer Woche habe ich nichts Vernünftiges mehr gegessen! Von diesem trockenen Zeug tut mir schon der Magen weh! Ich fahre zu meiner Mutter!“
„Laura, bitte, wir sparen doch für die Kaution! Halt noch ein bisschen durch. Ich suche mir einen Nebenjob, versprochen!“
„Dann such, was du willst! Spar, worauf du willst! Ich will normal leben! Ich will nicht auf einem dreckigen Herd Nudeln kochen und Lebensmittel bei minus zehn Grad auf dem Balkon lagern müssen! Es reicht. Schluss. Wir sind fertig! Nicht einmal vor dieser Frau kannst du mich schützen!“
Mit einem Ruck zog Laura die Wohnungstür auf, zerrte ihren riesigen rosafarbenen Koffer polternd ins Treppenhaus und schlug die Tür mit solcher Wucht hinter sich zu, dass im Flur ein paar Krümel alter Farbe von der Decke rieselten.
Lukas blieb einige Sekunden wie erstarrt stehen. Dann trat er wütend gegen die Wand. Schließlich drehte er sich um und starrte Sabine an, die die ganze Szene aus dem Wohnzimmer heraus mit unbewegtem Gesicht verfolgt hatte.
„Sind Sie jetzt zufrieden?!“, brüllte er und ballte die Fäuste. „Sie haben mein Privatleben zerstört wegen ein paar Scheiben Wurst! Ersticken Sie doch an Ihrem Kühlschrank! Ich hasse Sie!“
Er verschwand in seinem Zimmer. Eine Viertelstunde später kam er mit einer großen Sporttasche zurück, warf sich seine Jacke über und rannte aus der Wohnung, seiner nun wohl ehemaligen Freundin hinterher.
Danach senkte sich eine Stille über die Wohnung, so dicht und lautlos, dass sie beinahe in den Ohren dröhnte.
Alexander, der wegen des Lärms aus dem Bad gekommen war, blickte ratlos auf die geschlossene Eingangstür.
„Sie sind weg?“, fragte er kaum hörbar.
„Sie sind weg“, bestätigte Sabine und wandte sich wieder dem Fernseher zu.
Alexander ging langsam in die Küche. Lange blieb er vor dem verschlossenen Kühlschrank stehen. Dann nahm er ein Glas aus dem Schrank, füllte es mit Leitungswasser, trank es in einem Zug aus und setzte sich an den Tisch.
„Weißt du, Sabine“, sagte er dumpf, ohne den Blick zu heben, „du hattest recht. Ich wollte ein guter Vater sein. Stattdessen habe ich jemanden großgezogen, der nur nimmt. Wenn du dieses Schloss nicht angebracht hättest, säßen die beiden uns wahrscheinlich noch jahrelang auf der Tasche. Sie hätten mein Gehalt ausgesaugt und deins gleich mit.“
Sabine antwortete nicht. Sie stand nur auf, trat zu ihm, legte ihm die Hand auf die Schulter und drückte sie leicht. Mehr war in diesem Moment nicht nötig.
Am nächsten Morgen, einem Samstag, schlief Sabine lange aus. Danach duschte sie ohne Eile und genoss es, dass reichlich heißes Wasser da war und niemand gegen die Badezimmertür hämmerte, weil er angeblich zu spät kam.
Als sie in die Küche ging, war Alexander bereits dort. Der Herd glänzte, als wäre er neu. Die Spüle war geschrubbt, die Arbeitsflächen sauber, sogar die Fensterscheiben hatte er abgewischt. Auf dem Tisch lag ein frisches, noch warmes Baguette, sauber in Scheiben geschnitten. Daneben stand eine große Schachtel mit Sabines Lieblingsgebäck.
„Guten Morgen“, sagte Alexander und lächelte unsicher. „Ich habe mir gedacht … wir sollten den Beginn unseres neuen, ruhigen Lebens feiern. Ich war kurz beim Bäcker.“
Sabine ging zum Kühlschrank. Aus der Tasche ihres Morgenmantels holte sie den Schlüsselbund, suchte den passenden Schlüssel heraus, steckte ihn ins Vorhängeschloss und drehte ihn um. Der Bügel sprang mit einem klaren metallischen Klicken auf.
Sie nahm das Schloss ab und legte es neben die Gebäckschachtel auf den Tisch.
„Frühstücken wir?“, fragte sie gelassen und öffnete die Kühlschranktür.
Alexander atmete hörbar aus. Seine Schultern sanken, als fiele eine Last von ihm ab.
„Ja, Sabine. Unbedingt“, sagte er. „Und weißt du was? Heute Abend koche ich. Ganz allein. Sag mir nur, worauf du Lust hast.“
Die Wohnung wurde wieder das, was sie einmal gewesen war: still, sauber und behaglich. Am Kühlschrank hing kein Schloss mehr. Es lag nun in der oberen Schublade der Küchenzeile, unscheinbar zwischen anderem Kleinkram. Doch für Sabine blieb es ein stummes Erinnerungsstück daran, dass Güte etwas Wertvolles ist — dass man aber manchmal eine klare Grenze ziehen muss, um Respekt zu bewahren.
Noch in derselben Woche versöhnte sich Lukas Hartmann mit Laura Peters. Die beiden liehen sich Geld von Lauras Eltern und mieteten eine kleine Einzimmerwohnung am Stadtrand. Dort mussten sie nun selbst die Nebenkosten bezahlen, ihre Wäsche waschen und überlegen, wie viel Geld sie für Essen ausgeben konnten. Auf den scheinbar bodenlosen Kühlschrank der gutmütigen Sabine Friedrich konnten sie sich nicht länger verlassen.
