„Wo ist denn die ganze Wurst geblieben?“ rief Lukas empört, während Sabine stumm die Hemden glättete

Diese vernachlässigte Küche fühlt sich schmerzhaft ungerecht an.
Geschichten

Sabine Friedrich legte wortlos Mantel und Schuhe ab und ging in die Küche.

Auf dem Tisch bot sich ihr erneut ein Bild völliger Unordnung. Alexander Albrecht stand am Herd und versuchte unbeholfen, Kartoffeln zu braten, wobei das Öl in alle Richtungen spritzte und bereits auf Arbeitsplatte, Fliesen und Herdplatte glänzte. Lukas Hartmann saß am Tisch und trommelte gereizt mit den Fingern auf die Wachstischdecke.

„Ah, Sabine ist da“, stieß Alexander sichtbar erleichtert hervor. „Wir versuchen hier gerade, irgendwie ein Abendessen hinzubekommen. Hast du unterwegs nichts eingekauft? Im Kühlschrank ist nämlich gähnende Leere.“

„Nein“, sagte Sabine und setzte sich auf den freien Stuhl. „Ich habe nichts gekauft.“

„Tante Sabine, das kann doch nicht Ihr Ernst sein!“ Lukas Hartmann fuhr hoch und seine Stimme wurde lauter. „Laura Peters und ich sind nach Hause gekommen, total erledigt und hungrig. Wir dachten, Sie hätten vielleicht Suppe gekocht oder wenigstens Nudeln gemacht. Aber hier ist ja überhaupt nichts! Laura Peters ist vor lauter Kränkung sogar in Tränen ausgebrochen und ins Zimmer gegangen. Das ist doch eine Zumutung.“

Sabine sah ihren Stiefsohn lange an, ohne zu blinzeln.

„Lukas Hartmann. Du arbeitest?“

„Ja, natürlich arbeite ich, das wissen Sie doch.“

„Laura Peters arbeitet auch?“

„Ja.“

„Wunderbar. Dann habt ihr ein eigenes Einkommen. Der Supermarkt ist im Haus nebenan. Ihr geht hin, kauft Lebensmittel, stellt euch an den Herd und kocht euch eine Suppe. Wo genau liegt das Problem?“

„Sie wissen doch, dass wir sparen!“ empörte sich Lukas Hartmann. „Und außerdem: Sind wir nun eine Familie oder nicht? Wir sind es gewohnt, dass Sie für alle kochen. Papa, sag doch auch mal was!“

Alexander Albrecht stellte die angebrannten Kartoffeln aus und drehte sich zu seiner Frau um.

„Sabinchen, jetzt mal ehrlich, warum gleich so extrem? Ja, sie haben deinen Fisch gegessen, sie haben eben nicht nachgedacht. Ich habe mich doch schon für sie entschuldigt. Morgen gehe ich selbst einkaufen und besorge alles für die ganze Woche. Wozu dieser Streit aus dem Nichts? Das Mädchen sitzt da drüben und weint.“

Sabine erhob sich langsam.

„Es gibt keinen Streit, Alexander. Es gibt ab heute nur neue Regeln. Ich finanziere deine erwachsenen Kinder nicht mehr. Ich koche nicht für sie, ich räume nicht hinter ihnen her und ich kaufe ihnen keine Lebensmittel.“

Damit drehte sie sich um und ging ins Schlafzimmer. Alexander versuchte später vor dem Einschlafen noch, mit ihr zu reden. Er redete auf sie ein, sagte, sie übertreibe, sie müsse klüger sein, nachsichtiger, menschlicher. Sabine antwortete nicht. Sie wandte sich nur zur Wand und schlief ein.

Am nächsten Tag, es war Donnerstag, ließ Sabine Friedrich sich früher von der Arbeit gehen. Zuerst fuhr sie in den Baumarkt und kaufte ein stabiles Aufsatzschloss mit Schlüssel, kräftig genug, um nicht nur symbolisch zu wirken. Danach traf sie vor dem Hauseingang den Handwerker, mit dem sie bereits am Vortag telefoniert hatte.

Der Mann war ein kräftiger Mittvierziger im Arbeitsanzug. Als Sabine ihm erklärte, was genau er tun sollte, hob er zwar kurz überrascht die Augenbrauen, stellte aber keine überflüssigen Fragen. Der Kunde zahlte, der Handwerker erledigte den Auftrag.

Gemeinsam gingen sie in die Küche. In der Ecke stand Sabines großer, teurer Kühlschrank mit zwei Türen und surrte leise vor sich hin.

„Hier bitte“, sagte sie und zeigte auf die Türen. „Es muss so befestigt werden, dass man ihn ohne Schlüssel nicht öffnen kann.“

Der Handwerker holte seine Bohrmaschine hervor. Länger als zwanzig Minuten dauerte die Arbeit nicht. Kurz darauf prangte auf dem weißen, glänzenden Kunststoff des Kühlschranks eine massive Metallhalterung, durch die ein schweres Vorhängeschloss geführt wurde. Den Schlüssel hängte Sabine sofort an ihren Schlüsselbund, direkt neben den Wohnungsschlüssel.

Der Mann bekam sein Geld und ging. Sabine öffnete das Schloss noch einmal, kontrollierte die Fächer. Darin lagen ausschließlich ihre eigenen Vorräte: eine neue Portion Fisch, Gemüse, Joghurt, etwas Käse und Obst. Sie drückte die Tür zu, bis sie einrastete, führte den Bügel des Schlosses durch die Öse und ließ ihn zuschnappen.

Das Metall gab ein lautes, klares Klicken von sich. Für Sabine klang es wie das Geräusch einer gezogenen Grenze.

Am Abend kamen alle ungefähr zur selben Zeit nach Hause. Sabine saß im Wohnzimmer in einem Sessel und las. Als Erste verschwand Laura Peters in der Küche.

Keine Minute später war von dort ein seltsames Kratzen zu hören, dann ein empörter Aufschrei.

„Lukas! Lukas Hartmann, komm sofort her!“

Der Stiefsohn stürzte aus seinem Zimmer und rannte in die Küche. Wenig später kam auch Alexander Albrecht dazu, der gerade aus dem Bad trat. Sabine legte ihr Buch beiseite, stand in aller Ruhe auf und folgte den anderen. Im Türrahmen blieb sie stehen.

Der Anblick hatte beinahe etwas Bühnenhaftes. Laura Peters stand vor dem Kühlschrank und zerrte nervös am Griff. Die Metallhalterung und das Schloss hielten die Tür fest verschlossen; sie gab keinen Millimeter nach. Lukas Hartmann starrte mit offenem Mund auf die Konstruktion, als traue er sich nicht, sie zu berühren. Alexander rieb sich über die Stirn und sah abwechselnd vom Schloss zu seiner Frau.

„Frau Friedrich!“ kreischte Laura Peters, als sie die Wohnungsbesitzerin bemerkte. „Was soll denn dieser Zirkus? Haben Sie den Kühlschrank etwa abgeschlossen?“

„Ja“, antwortete Sabine ruhig. „Ich habe den Kühlschrank abgeschlossen.“

„Sind Sie noch ganz normal?“ Lukas Hartmann trat einen Schritt vor, sein Gesicht wurde vor Wut dunkelrot. „Was soll das? Wir müssen etwas zu essen nehmen!“

„Dort drin befindet sich nichts, was euch gehört, Lukas Hartmann“, sagte Sabine mit vollkommen gleichmäßiger Stimme. „Alles, was in diesem Kühlschrank liegt, habe ich von meinem Geld gekauft. Der Kühlschrank selbst wurde ebenfalls von meinem Geld bezahlt. Da ihr offenbar nicht versteht, was ‚nicht anfassen‘ und ‚kauft euch selbst etwas‘ bedeutet, musste ich eben zu technischen Mitteln greifen.“

Alexander Albrecht hob beschwichtigend die Hände.

„Sabine, jetzt reicht es aber wirklich. Das ist doch völlig absurd! Nicht einmal in einer chaotischen Wohngemeinschaft macht man so etwas, und wir sind immerhin eine Familie. Nimm dieses Schloss sofort ab, mach dich nicht lächerlich.“

Sabine wandte den Blick zu ihrem Mann.

„Absurd, Alexander, ist etwas anderes. Absurd ist, wenn zwei volljährige Menschen mit Arbeitseinkommen auf Kosten einer fremden Frau leben, ihre Diätlebensmittel wegessen, die Küche wie einen Schweinestall hinterlassen und dann auch noch Forderungen stellen. Habe ich euch gewarnt? Ja. Haben wir darüber gesprochen? Mehr als einmal. Hat es etwas gebracht? Überhaupt nichts.“

„Und wie sollen wir jetzt bitte leben?“ Laura Peters warf dramatisch die Arme in die Luft. „Sollen wir uns von Luft und Liebe ernähren? Mir wird schon schwindlig vor Hunger! Wir haben den ganzen Tag gearbeitet!“

„Ich wiederhole mich gern“, sagte Sabine. „Der Laden ist im nächsten Hof. Geht hin und kauft euch Essen.“

„Und wo sollen wir das dann lagern?“ Lukas Hartmann riss am Schloss, sodass der Kühlschrank leicht wackelte. „Sie haben uns ja sogar von den Regalen abgeschnitten!“

Sabine zuckte mit den Schultern.

„Auf dem Balkon sind im Moment minus fünf Grad. Eine hervorragende natürliche Kühlung. Ihr könnt die Tüte aus dem Fenster hängen, wie früher im Studentenwohnheim. Oder ihr kauft euch einen eigenen kleinen Kühlschrank und stellt ihn in euer Zimmer. Steckdosen gibt es dort genug.“

Laura Peters schlug die Hände vors Gesicht und begann theatralisch zu schluchzen.

„Unter solchen Bedingungen wohne ich nicht! Lukas, sie quält uns absichtlich! Sie will uns hier raustreiben! Das ist kein Zuhause, das ist ein Gefängnis!“

„Tante Sabine, mit Ihrem Geiz sind Sie endgültig durchgedreht“, presste Lukas Hartmann zwischen den Zähnen hervor. „Papa, willst du wirklich einfach danebenstehen und zusehen, wie deine Frau deinen eigenen Sohn schikaniert?“

Alexander trat zu Sabine, als wolle er ihre Hand nehmen, doch sie entzog sie ihm sofort.

„Sabinchen, gib mir den Schlüssel. Bitte. Treib es nicht zu weit. Ich schwöre dir, morgen kaufe ich ihnen alles, was sie brauchen. Aber mach jetzt auf, damit sie wenigstens zu Abend essen können.“

„Nein, Alexander“, sagte sie fest. „Wenn du jetzt nachgibst, beginnt alles wieder von vorn. Willst du sie versorgen? Dann nimm deinen Geldbeutel, geh in den Laden, kauf Lebensmittel, stell dich an den Herd und koche. Aber meine Vorräte in meinem Kühlschrank fasst niemand mehr an.“

Sie wandte sich ab, ging ins Schlafzimmer und zog die Tür hinter sich fest zu.

An diesem Abend blieb es in der Küche noch lange laut. Irgendwann schlug die Wohnungstür zu; offenbar war Alexander doch noch zum rund um die Uhr geöffneten Kiosk gegangen. Bald roch es nach Instantnudeln und billigen Würstchen. Laura Peters telefonierte lautstark mit irgendeiner Freundin und beklagte sich über eine „völlig gestörte Alte“, die sie angeblich verhungern lasse.

Sabine lag im Dunkeln und spürte eine ungewohnte Ruhe in sich. Zum ersten Mal seit drei Monaten kreisten ihre Gedanken nicht darum, dass sie Töpfe schrubben oder Fleisch für fremde Leute einkaufen musste.

LebensKlüber