Sandra König kam nicht einfach in unsere Wohnung — sie bohrte sich förmlich hinein, den riesigen Reisesack vor sich hergeschoben wie einen Rammbock.
Hinter ihr schlurfte Emilia Lehmann, lustlos in ausgetretenen Turnschuhen, beladen mit drei Rucksäcken und einem zusammenklappbaren Gymnastikreifen.
„Nora, mein Schätzchen, wir bleiben wirklich nur zwei Wochen, höchstens! Bei Emilia sind die Leitungen geplatzt, alles stand unter Wasser, bis runter in den Keller!“, jammerte meine Schwiegermutter, ohne sich im Flur auch nur die Schuhe auszuziehen.
Ich blieb in der Küchentür stehen. In meiner Hand hielt ich eine Tasse Kaffee, so stark und bitter, dass er an diesem Morgen mein einziger Schutzschild gegen die Wirklichkeit war.
Maximilian Krüger tauchte aus dem Zimmer auf, nahm seiner Schwester hastig einen Rucksack ab und vermied dabei konsequent meinen Blick. Man konnte ihm ansehen, wie sehr er sich wünschte, mit der Garderobe zu verschmelzen, nur um mir nicht in die Augen sehen zu müssen.

„Maximilian, du hast gesagt, sie kämen nur kurz auf einen Tee vorbei“, sagte ich. Meine Stimme klang beunruhigend ruhig, wie das tiefe Brummen eines Stromkastens kurz vor dem Kurzschluss.
„Ach, Nora, das ist wirklich ein Notfall. Sie können doch nicht am Bahnhof schlafen“, murmelte mein Mann und wich rückwärts den Flur hinunter.
Sandra König hatte unterdessen bereits unseren Dielenschrank geöffnet, als gehöre er ihr. Ohne zu fragen schob sie meine Mäntel in eine Ecke. Dann zog sie aus den Tiefen ihrer Tasche einen unvorstellbaren Hausmantel mit scheußlichen rosa Blumen hervor und begann, sich direkt im Flur umzuziehen.
„Emilia braucht Ruhe. Sie kommt gerade erst wieder zu sich nach diesem Verräter von Künstler“, verkündete meine Schwiegermutter, als wäre meine erstarrte Miene völlig unsichtbar.
Emilia hatte inzwischen die Obstschale entdeckt. Sie biss geräuschvoll in einen Apfel und hinterließ klebrige Spuren auf der glänzenden Tischplatte.
Drei Stunden später war aus meiner gemütlichen kleinen Festung eine Außenstelle eines Trödelmarkts geworden. Überall lagen Emilias Salbentuben herum, ihre schmutzigen Socken, dazu Stapel greller Hochglanzmagazine über „weibliche Kraft“ und „Selbstfindung“.
Sandra König hatte es außerdem geschafft, sämtliche Gewürzgläser in der Küche umzusortieren. Dabei murmelte sie zufrieden, so sei es „viel vernünftiger für die Verdauung“.
Ich saß im Sessel und sah zu, wie meine Schwiegermutter geschäftig unser Schlafzimmer inspizierte. Dort stand meine neue orthopädische Matratze, für die ich drei Monate lang gespart hatte.
„So, Maximilian, bring die Kissen hierher“, befahl sie und klopfte mit der flachen Hand auf meine Bettseite. „Mein Mädchen schläft hier. Und du kannst auf die Matte gehen.“
In mir drehte sich etwas Schweres und Kaltes, als hätte jemand ein gusseisernes Schwungrad in Gang gesetzt.
Maximilian blieb mit einem Armvoll Bettwäsche in der Tür stehen. Sein Blick flehte stumm: Bitte, halte durch, es ist doch meine Mutter.
„Sandra König, ich glaube, Sie haben sich im Zimmer geirrt“, sagte ich und erhob mich langsam. Dabei spürte ich, wie unter meinen Füßen der Boden seltsam zu vibrieren begann.
