Nur für Lebensmittel, Toilettenpapier und all die Dinge, die Sabine Tag für Tag anschleppte, reichte es angeblich nie.
Der Abend desselben Tages, an dem es morgens schon den Streit um die Wurst gegeben hatte, wurde besonders schwer. Im Büro stand der Quartalsabschluss an, mehrere Zahlenkolonnen passten nicht zusammen, und Sabine hatte nahezu zehn Stunden ohne richtige Pause vor dem Bildschirm gesessen. Ihr Nacken brannte vor Verspannung, die Augen tränten, und jeder Blick auf die Tabellen machte sie noch müder.
Auf dem Heimweg zwang sie sich trotzdem, im Supermarkt vorbeizugehen. Sie kaufte Vorräte für mehrere Tage: ein Hähnchen, verschiedene Getreideprodukte, Gemüse, Käse, Milch und außerdem eine große Schachtel von Alexanders Lieblingspralinen. Er hatte sie am Morgen gebeten, doch „irgendetwas zum Tee“ mitzubringen.
Die Einkaufstüten schnitten ihr in die Finger. Während sie die Treppen zu ihrer Etage hinaufstieg, sehnte sie sich nur noch nach einer heißen Dusche, einer Tasse Tee in völliger Ruhe und danach, endlich den Kopf auf ein weiches Kissen sinken zu lassen.
Sie schloss die Wohnungstür auf und trat in den Flur. Aus dem Zimmer der jungen Leute dröhnte laute Musik, dazwischen krachten die Explosionen eines Computerspiels. Aus Richtung Küche kam ein beißender Geruch, als wäre dort etwas angebrannt.
Sabine zog die Schuhe aus, nahm die schweren Tüten wieder auf und ging in die Küche. Auf der Schwelle blieb sie wie angewurzelt stehen.
Auf ihrem eben noch sauberen Herd stand ein kleiner Topf. Unter dem Deckel quoll Milch hervor, lief zischend über den Rand und ergoss sich als braune, klebrige Brühe über die Kochplatte. Am Tisch saß Laura in einem flauschigen rosafarbenen Morgenmantel. Sie scrollte konzentriert durch ihr Handy und schien weder das Zischen noch den widerlichen Geruch verbrannter Milch wahrzunehmen.
„Laura!“, fuhr Sabine sie an, stellte die Tüten ab und eilte zum Herd, um die Hitze abzustellen. „Die Milch kocht über! Riechst du das denn nicht?“
Laura hob nur widerwillig den Blick vom Display und verzog genervt das Gesicht.
„Ach, Frau Friedrich, jetzt ist eben ein bisschen was danebengegangen. Ich war gerade am Lesen. Ich wollte Brei kochen, weil Lukas bestimmt bald Hunger bekommt.“
„Ein bisschen was danebengegangen?“ Sabine spürte, wie ihr die Wut heiß in die Brust stieg. „Ich darf jetzt eine halbe Stunde mit Spezialreiniger schrubben, bis dieser Herd wieder sauber ist. Warum bleibst du nicht dabei, wenn du etwas kochst?“
„Ich hätte es später schon weggewischt. Warum müssen Sie immer gleich losmeckern?“ Laura schob beleidigt die Unterlippe vor und erhob sich vom Stuhl. „Ständig haben Sie etwas an mir auszusetzen. Mal steht eine Tasse falsch, mal ziehe ich die Schuhe nicht richtig aus. Man könnte meinen, wir würden hier nur geduldet. Ein bisschen freundlicher könnten Sie schon sein.“
Mit demonstrativer Geste strich sie sich das Haar zurecht, ging an Sabine vorbei und verschwand in ihrem Zimmer. Die Tür zog sie mit einem dumpfen Geräusch hinter sich zu.
Sabine blieb mitten in der Küche stehen. Vor ihr der verschmutzte Herd, daneben ein Berg ungewaschener Teller im Spülbecken, zu ihren Füßen die schweren Einkaufstüten, die sie nach einem endlosen Arbeitstag nach Hause geschleppt hatte.
Schweigend räumte sie die Einkäufe weg. Das Hähnchen kam ins Gefrierfach, das Gemüse in die Schublade, Käse und Wurst legte sie ins Kühlschrankfach. Die Pralinenschachtel stellte sie gut sichtbar hin, damit Alexander später seinen Tee damit trinken konnte. Dann nahm sie einen Schwamm, streute Scheuerpulver darauf und begann, die angebrannte Milch zu entfernen.
Sie schrubbte so heftig, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Und genau in diesem Augenblick wurde ihr etwas erschreckend klar: In dieser Wohnung sah niemand mehr in ihr die Hausherrin. Für sie war sie nur noch eine unbezahlte Dienstkraft. Jemand, der kochen, waschen, putzen, einkaufen und zwei erwachsenen, bequemen Menschen ein angenehmes Leben ermöglichen sollte.
Der Mittwochmorgen brachte den nächsten Schlag. Sabine erwachte früher als sonst, weil ein schneidender Schmerz durch ihren Magen zog. Sie litt seit Jahren unter chronischer Gastritis, die immer dann aufflammte, wenn Stress und Erschöpfung zu groß wurden. Ihr Arzt hatte ihr für solche Phasen eine strenge Schonkost verordnet: nichts Gebratenes, nichts Fettiges, keine scharfen Gewürze. Erlaubt waren leichte Brühen, gedämpfte Frikadellen und bestimmte Sorten roter Fisch, schonend gegart, reich an Omega-Fettsäuren, die die Entzündung beruhigen sollten.
Am Vortag war Sabine deshalb extra nach der Arbeit noch in ein teures Fischgeschäft gefahren. Dort hatte sie ein frisches Stück Lachs gekauft, dazu eine Packung diätische Roggen-Knäckebrote. Ihr Plan war einfach gewesen: abends die Hälfte des Lachses im Dampfgarer zubereiten, den Rest am nächsten Tag mit ins Büro nehmen. Der Fisch war nicht billig gewesen, und normalerweise leistete sie sich so etwas kaum. Aber diesmal ging es nicht um Genuss, sondern um ihre Gesundheit.
Am Abend hatte sie den Lachs sorgfältig gegart, eine Hälfte gegessen und den übrigen Teil in einen Glasbehälter mit fest schließendem Deckel gelegt. Zur Sicherheit hatte sie sogar einen kleinen Zettel daraufgeklebt: „Nicht anfassen, Diät von Sabine.“
Als sie nun am frühen Morgen, eine Hand auf den schmerzenden Bauch gepresst, in die Küche hinunterging und den Kühlschrank öffnete, erwartete sie dieses Frühstück beinahe wie eine Rettung.
Doch an der Stelle, an der der Behälter stehen sollte, befand sich nur ein halb leeres Glas mit Gewürzgurken.
Sabine blinzelte. Für einen Moment glaubte sie, sich zu irren. Sie schob das Gurkenglas zur Seite, sah auf der unteren Ablage nach, kontrollierte die Türfächer. Der Glasbehälter mit dem Zettel war verschwunden.
Dann fiel ihr Blick auf das Spülbecken. Zwischen anderem schmutzigem Geschirr lag ihr Behälter. Darin schwammen traurige Reste von fetter Mayonnaise und Krümel von weißem Brot.
Ihr stockte der Atem. Langsam ging sie zum Becken, nahm den Behälter heraus und drehte ihn in den Händen. An der Seite klebte noch immer der aufgeweichte, schief herunterhängende Zettel: „Nicht anfassen, Diät von Sabine.“
Im Flur waren Schritte zu hören. Kurz darauf kam Lukas gähnend in die Küche, kratzte sich am Bauch und blieb stehen, als er Sabine mit dem Behälter in der Hand sah. Einen Augenblick lang wirkte er verlegen.
„Guten Morgen, Tante Sabine. Gibt’s was zum Frühstück? Hast du vielleicht Rührei gemacht?“
Sabine wandte sich langsam zu ihm um. Ihre Stimme war leise, gleichmäßig und gerade deshalb beunruhigend ruhig.
„Lukas. Wo ist mein Fisch?“
Er wich ihrem Blick aus und fuhr sich mit der Hand über den Hinterkopf.
„Ach, das … Also, Laura und ich haben gestern noch ziemlich spät einen Film geschaut. Lieferdienst ging schon nicht mehr, und wir hatten echt übel Hunger. Da hab ich in den Kühlschrank geguckt, und da lag dieser Fisch. War übrigens ziemlich fade, überhaupt nicht gesalzen. Wir haben einfach Mayonnaise draufgemacht, in Brot eingewickelt und gegessen. Tut mir leid. Wenn ich Gehalt bekomme, kauf ich dir irgendeinen Seelachs oder so, okay?“
Irgendeinen Seelachs. Als Ersatz für den teuren Diätlachs, den sie wegen ihres kranken Magens vorbereitet hatte. Für den Fisch, auf dessen Dose ein unübersehbarer Hinweis geklebt hatte.
Sabine sagte nichts. Sie stellte den schmutzigen Behälter wieder ins Spülbecken. Dann sah sie Lukas mit einem so leeren Blick an, dass ihm sichtbar unbehaglich wurde, und verließ die Küche.
Im Schlafzimmer begann Alexander gerade aufzuwachen.
„Guten Morgen, Sonnenschein“, murmelte er verschlafen und streckte sich. „Du bist aber früh dran. Wollen wir frühstücken?“
Sabine setzte sich auf die Bettkante. In ihr war keine heiße Wut mehr, auch keine gekränkte Empfindlichkeit. Da war nur noch ein kaltes, vollkommen klares Verständnis der Lage. Und mit diesem Verständnis kam ein Plan. Erwachsene Menschen begriffen Worte oft nicht. Lange Bitten, Erklärungen und Appelle hielten sie für Schwäche. Was sie verstanden, waren Folgen. Deutliche, unbequeme Folgen, die ihnen den gewohnten Komfort nahmen.
„Alexander“, sagte sie ruhig. „Ich mache heute kein Frühstück. Und Abendessen koche ich auch nicht.“
Er richtete sich sofort auf und sah sie besorgt an.
„Warum? Geht es dir schlecht?“
„Nein. Ich bin einfach müde. Ich gehe jetzt zur Arbeit. Wenn du etwas essen möchtest, mach dir selbst etwas.“
Sie zog sich an, nahm ihre Tasche und verließ die Wohnung, ohne gefrühstückt zu haben. Auf dem Weg ins Büro kaufte sie in einer Apotheke eine Portion Instant-Haferbrei, übergoss ihn später am Arbeitsplatz mit heißem Wasser und aß ihn schweigend. Den ganzen Tag erledigte sie ihre Aufgaben wie automatisch. In der Mittagspause jedoch führte sie ein wichtiges Telefonat: Sie rief eine Firma an, die Türschlösser einbaute und kleinere Reparaturen übernahm.
Am Abend ließ Sabine sich absichtlich Zeit. Sie ging noch eine Weile durch den Park, atmete die kühle, frische Luft ein und machte sich erst gegen acht Uhr auf den Heimweg.
Schon hinter der Wohnungstür hörte sie Lärm. Drinnen herrschte Unruhe, und Alexander stritt sich hörbar mit Lukas über irgendetwas.
