„Wo ist denn die ganze Wurst geblieben? Ich hatte doch ausdrücklich gesagt, dass ihr mir etwas fürs Frühstück übrig lassen sollt!“
Die Stimme von Lukas Hartmann hallte durch den schmalen Flur, prallte am Spiegel ab und verlor sich irgendwo hinter der angelehnten Schlafzimmertür. Sabine Friedrich stand im Bad vor der Waschmaschine und atmete nur schwer aus. Mit langsamen, sorgfältigen Bewegungen zog sie die feuchten Hemden ihres Mannes glatt und bemühte sich, den Ärger, der in ihr aufstieg, nicht nach außen dringen zu lassen.
„Papa, geht ihr eigentlich überhaupt noch einkaufen?“, schimpfte der Stiefsohn weiter, während er im leeren Kühlschrank die Fächer klappern ließ. „Hier steht nur Sauerkraut und irgendein Glas Marmelade. Laura Peters und ich haben nichts zu essen!“
Aus dem Flur näherten sich die schweren Schritte von Alexander Albrecht. Ihr Mann versuchte grundsätzlich, Streit zu entschärfen, besonders dann, wenn es um seinen einzigen Sohn ging.
„Lukas, jetzt mach doch nicht gleich am frühen Morgen so einen Lärm“, brummte Alexander beschwichtigend. „Sabine ist gestern spät von der Arbeit gekommen und hat es nicht mehr in den Supermarkt geschafft. Ich ziehe mich gleich an und hole Brot und Würstchen. Schläft Laura noch?“

„Natürlich schläft sie. Ihre Schicht im Café beginnt erst mittags“, knurrte Lukas und schlug die Kühlschranktür mit einem Knall zu. „Man könnte aber wenigstens Bescheid sagen, wenn nichts mehr da ist. Dann hätten wir gestern etwas bestellt. Und jetzt muss ich hungrig zur Arbeit.“
Sabine hängte das letzte Hemd auf den Wäscheständer, trocknete sich die Hände an einem rauen Handtuch ab und trat aus dem Bad. In der Küche bot sich ihr das Bild, an das sie sich in den vergangenen drei Monaten wider Willen gewöhnt hatte. Auf dem Tisch standen zwei ungewaschene Tassen mit eingetrockneten Kaffeerändern, daneben ein Teller voller Krümel und ein achtlos liegengelassenes Messer, an dem noch Butter klebte. Im Spülbecken türmte sich das Geschirr vom späten Abendessen der jungen Leute. Die Pfanne, in der Sabine am Vortag fürsorglich geschmorte Kartoffeln mit Fleisch zurückgelassen hatte, glänzte nun leer, am Boden leicht angebrannt. Gegessen hatten sie alles. Abgewaschen hatte niemand.
Ohne ein Wort ging sie zur Spüle, drehte das warme Wasser auf und griff nach dem Schwamm. Alexander sah seine Frau schuldbewusst an und trat unsicher von einem Fuß auf den anderen, die alten Hausschuhe schief an den Füßen.
„Sabinchen, reg dich nicht auf, ich mache das gleich selbst“, begann er und machte einen Schritt in Richtung Spülbecken. „Und einkaufen gehe ich auch. Du mach dich in Ruhe fertig, du musst doch heute diese Berichte abgeben.“
„Ich spüle das schon“, antwortete Sabine mit einer gleichmäßigen, beinahe leblosen Stimme und schrubbte methodisch den festgetrockneten Fettrand ab. „Wenn du jetzt anfängst, kommst du zu spät in die Werkstatt. Und sag Lukas bitte, dass er und Laura die Wurst gestern Nacht aufgegessen haben. Ich habe gehört, wie sie Tee getrunken und vor dem Fernseher gesessen haben.“
Alexander wandte den Blick zu seinem Sohn, der sich im Flur hastig die Turnschuhe anzog.
„Lukas, ganz ehrlich, ihr habt doch abends selbst alles leer gemacht.“
„Wir haben jeder nur zwei Scheiben genommen!“, fuhr der Stiefsohn zurück. „Da war noch ein ganzes Stück. Egal, ich bin weg. Papa, überweis mir fünf Euro, ich esse dann in der Kantine irgendwas. Bis zum Gehalt ist noch eine Woche.“
Gehorsam zog Alexander sein Handy aus der Tasche und begann, das Geld zu überweisen. Kurz darauf fiel die Wohnungstür ins Schloss. Wieder legte sich Stille über die Wohnung, nur unterbrochen vom stetigen Rauschen des Wassers aus dem Hahn.
Sabine blickte auf den Schaum, der langsam in den Abfluss gezogen wurde, und spürte, wie sich in ihrem Inneren eine harte, kalte Spirale zusammenzog. Diese Spannung war nicht plötzlich entstanden. Sie hatte vor genau drei Monaten begonnen, an jenem Abend, als Alexander mit einem verlegenen Gesichtsausdruck in die Küche gekommen war und ein Gespräch anfing, vor dem er sich offensichtlich gefürchtet hatte.
Damals war Lukas gerade erst mit seiner Freundin Laura Peters zusammengezogen. Die beiden hatten ein kleines Zimmer am Stadtrand gemietet und wollten angeblich endlich auf eigenen Beinen stehen. Doch die Vermieterin hatte überraschend beschlossen, die Wohnung zu verkaufen, und eine Woche vor Weihnachten standen die jungen Leute plötzlich ohne Unterkunft da. Für eine neue Kaution hatten sie kein Geld.
Alexander hatte Sabine damals inständig gebeten, die beiden vorübergehend aufzunehmen. Die Wohnung gehörte ihr. Noch vor der Ehe mit Alexander hatte sie diese geräumige Dreizimmerwohnung in einer guten Gegend gekauft. Dafür waren all ihre Ersparnisse draufgegangen, außerdem das Geld aus dem Verkauf des kleinen Hauses ihrer Großmutter auf dem Land. Zusätzlich hatte sie einen beträchtlichen Kredit abbezahlt und sich dafür jahrelang vieles versagt. Diese Wohnung war ihre Festung, ihr sicherer Hafen, ein Ort, an dem jedes Detail so war, wie sie es mochte.
„Sabinchen, es ist doch wirklich nur für einen Monat, höchstens zwei“, hatte Alexander damals auf sie eingeredet und ihr bittend in die Augen gesehen. „Sie sparen die Kaution zusammen und ziehen sofort wieder aus. Lukas ist fleißig, Laura jobbt auch nebenbei. Sie werden uns nicht stören. Das Schlafzimmer steht doch sowieso leer. Lass sie ein bisschen hierbleiben. Wir können sie doch nicht auf die Straße setzen.“
Sabine war kein Mensch, der gern stritt. Außerdem hatte sie Mitleid. Also stimmte sie zu. Schließlich handelte es sich um den Sohn ihres Mannes. Der eigenen Familie half man, sagte sie sich.
In den ersten zwei Wochen schien tatsächlich alles erträglich zu sein. Die beiden bemühten sich, leise zu sein. Laura wischte sogar ein paarmal den Flur, und Lukas brachte den Müll hinaus, ohne daran erinnert werden zu müssen. Doch Gewohnheit ist stärker als Dankbarkeit, und sehr bald wurde aus Rücksicht etwas Selbstverständliches.
Nach und nach veränderte sich die ganze Wohnung. Im Bad besetzten Lauras unzählige Döschen, Peelings, Cremes und Masken sämtliche Ablagen, sodass Sabines schlichte Gesichtscreme an den äußersten Rand des Waschbeckens verdrängt wurde. Im Flur lagen ständig schmutzige Schuhe herum. Am schlimmsten aber zeigten sich die Veränderungen in der Küche und im Haushaltsbudget.
Sabine arbeitete als leitende Buchhalterin. Ihre Position verlangte Genauigkeit, Ausdauer und höchste Konzentration, wurde dafür jedoch ordentlich bezahlt. Alexander war Mechaniker, verdiente weniger, aber zuverlässig. Bevor die „Gäste“ eingezogen waren, hatten sie bequem gelebt, Geld für den Sommerurlaub zurückgelegt und ohne schlechtes Gewissen hochwertige Lebensmittel gekauft.
Seit Lukas und Laura bei ihnen wohnten, waren die Ausgaben für Essen regelrecht explodiert. Die jungen Leute verfügten über einen hervorragenden Appetit, aber über keinerlei Bereitschaft, sich an den gemeinsamen Kosten zu beteiligen.
Während Sabine die Pfanne säuberte, erinnerte sie sich daran, wie sie in der vergangenen Woche versucht hatte, mit ihrem Mann darüber zu sprechen. Sie hatte bewusst einen Abend abgewartet, an dem die beiden Jungen ins Kino gegangen waren. Dann hatte sie die Kassenzettel aus dem Supermarkt auf dem Tisch ausgebreitet und in der Banking-App die Rechnungen für Strom, Wasser und Heizung geöffnet.
„Alexander, sieh dir diese Zahlen an“, hatte sie müde gesagt und auf die Belege gedeutet. „Die Wasserrechnung ist dreimal so hoch wie vorher. Laura liegt jeden Tag eine Stunde in der Badewanne. In ihrem Zimmer brennt bis tief in die Nacht Licht. Aber das Hauptproblem sind die Lebensmittel. Alle zwei Tage lasse ich im Supermarkt mehrere Dutzend Euro. Sie essen alles, was sie finden, und fragen nicht einmal. Gestern habe ich ein Kilo gutes Rindfleisch gekauft, weil ich heute Abend Schnitzel machen wollte. Ich komme von der Arbeit nach Hause, und das Fleisch ist weg. Laura wollte experimentieren und hat es nach irgendeinem Rezept aus dem Internet mit Ananas überbacken. Das Fleisch war zäh, kaum jemand hat es gegessen, und den Ofen hat sie so mit Fett eingesaut, dass ich eine Stunde lang schrubben musste.“
Alexander hatte damals schwer geseufzt und seiner Frau über die Hand gestrichen.
„Sabinchen, sie sind doch noch jung. Sie lernen erst, wie das Leben funktioniert. Lukas verdient in dieser Handywerkstatt fast nichts, und Laura ist Studentin. Wie soll ich denn von ihnen Geld verlangen? Es ist immerhin mein Sohn. Hab noch ein wenig Geduld, sie ziehen bald aus.“
Doch sie hatten offensichtlich nicht vor auszuziehen. Sabine bemerkte sehr genau, wie Laura regelmäßig mit Tüten aus Modegeschäften nach Hause kam und stolz neue Handtaschen oder teure Markenkosmetik zeigte. Lukas hatte sich eine neue Grafikkarte für seinen Computer gekauft. Für ihre eigenen Vergnügungen war Geld also sehr wohl vorhanden.
