Dass ich ihn anflehen würde. Dass ich anfangen würde, ihm lang und breit darzulegen, wie kompliziert so etwas rechtlich sei und warum mir die Wohnung Sorgen bereite. Innerlich hatte er sich offenbar schon darauf eingestellt, großzügig ein wenig nachzugeben und mit mir zu feilschen.
„Gut“, sagte ich leise, ohne die Stimme zu heben. „Dann lassen wir uns scheiden.“
Alexander Albrechts Gesicht zuckte. Die selbstgefällige Sicherheit, die eben noch wie eine Maske auf seinen Zügen gelegen hatte, bekam Risse. Seine Arme sanken kraftlos herab. Für einen Augenblick sah er aus, als wäre er überzeugt, sich verhört zu haben.
„Was hast du gesagt?“, fragte er nach. In seinem tiefen Ton lag zum ersten Mal echte Verunsicherung.
„Ich bin mit der Scheidung einverstanden“, wiederholte ich und hielt seinem Blick stand. „Wenn du möchtest, kannst du deine Sachen noch heute packen. Die Reisetaschen liegen oben im Schrank.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, ging ich an ihm vorbei ins Zimmer. Dabei merkte ich, wie sich meine Schultern von selbst aufrichteten. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit bekam ich wieder frei Luft, als hätte endlich jemand in einem stickigen Raum ein Fenster aufgestoßen.
Die nächsten drei Tage wurden zu einer Vorstellung, in der Alexander Albrecht der einzige Darsteller war. Ausgezogen ist er weder an diesem Abend noch am Tag darauf. Zuerst marschierte er durch die Wohnung, warf Türen mit demonstrativer Wucht zu und trug seine gekränkte Würde wie ein Schild vor sich her. Er rechnete wohl damit, dass ich zur Vernunft käme, zu ihm liefe und um Entschuldigung bäte. Doch ich tat nichts dergleichen. Ich lebte einfach weiter. Ich kochte Abendessen, füllte aber nur meinen eigenen Teller. Ich sah fern und überhörte seine bedeutungsschweren Seufzer auf der anderen Sofahälfte.
Als seine Phase der beleidigten Empörung erschöpft war, begann das Feilschen. Er suchte Gespräche über Umwege, machte unbeholfene Scherze und brachte plötzlich meine liebsten Windbeutel zum Tee mit. Von der Anmeldung seiner Eltern verlor er kein Wort mehr. Dieses Thema war wie ausgelöscht, als hätte es das Gespräch in der Küche nie gegeben. Mit jeder Geste wollte er mir zeigen, dass wir uns wegen einer Kleinigkeit in die Haare geraten seien und man diesen Unsinn nun vergessen könne.
Für mich war es jedoch keine Kleinigkeit. Dieses Ultimatum hatte den letzten Rest meiner Vorstellung von Familie zerschlagen. Beim Frühstück beobachtete ich, wie er fahrig Butter aufs Brot strich und mich heimlich musterte, und in mir war nichts mehr als Leere. Die Angst, ihn zu verlieren, war verschwunden.
Am Donnerstagabend saßen wir im Wohnzimmer.
