„Du meldest meine Eltern jetzt dort an. Oder wir lassen uns scheiden.“ drohte er und schlug mit beiden Handflächen auf die Arbeitsplatte, während ich erstarrt am Spülbecken stand

Diese stillschweigende Diktatur fühlt sich unerträglich ungerecht an.
Geschichten

Ich stand am Spülbecken und spülte den Schaum von den Tellern. Das Rauschen des Wassers überdeckte meine Gedanken ein wenig, bis dieses gleichmäßige Geräusch plötzlich abriss. Alexander Albrecht kam in die Küche und schlug mit beiden Handflächen so heftig auf die Arbeitsplatte, dass ich zusammenzuckte. Umzudrehen brauchte ich mich nicht. Schon mit dem Rücken spürte ich diese schwere, drückende Welle aus Gereiztheit, die von ihm ausging.

Seit gut zwei Wochen lag das Thema seiner Eltern zwischen uns wie ein Gewitter, das sich nicht entladen wollte. Sie wohnten in einem alten Holzhaus in einem benachbarten Bundesland. Ihr Gesundheitszustand verlangte immer mehr Aufmerksamkeit, und Alexander Albrecht hatte dafür längst eine Lösung gefunden. Er wollte sie näher zu uns holen — genauer gesagt in meine geerbte Wohnung, die mein Vater mir vor Jahren hinterlassen hatte. Doch bloß dort zu wohnen reichte ihm nicht. Er verlangte, dass ich sie dort dauerhaft mit Hauptwohnsitz anmelde. Wegen der besseren Ärzte in der Stadt, wegen möglicher Zuschläge zur Rente, wegen dieses Gefühls, endlich selbst am längeren Hebel zu sitzen.

„Ich werde das nicht noch einmal durchkauen“, sagte er scharf, seine Stimme schnitt durch die Stille und übertönte sogar das Wasser. „Du meldest meine Eltern jetzt dort an. Oder wir lassen uns scheiden.“

Ich drehte den Hahn zu. Den Schwamm legte ich langsam auf den Rand des Beckens. Dann trocknete ich mir die Hände ab, sorgfältig, Finger für Finger, nur um mir ein paar Sekunden zu verschaffen und tief Luft zu holen. In meiner Brust zog es dumpf. Es war kein frischer Schmerz, keine plötzliche Kränkung. Eher eine alte, abgestandene Müdigkeit, mit der ich seit Jahren aufwachte. Die Müdigkeit darüber, dass meine Ehe längst keine Partnerschaft mehr war, sondern eine stille Diktatur.

Alexander Albrecht hatte immer alles allein festgelegt. Wohin wir in den Urlaub fuhren. Welche Tapeten an die Wände kamen. Wie viel Geld für sein neues Auto zurückgelegt wurde. Meine Meinung hörte er sich mit einem kaum sichtbaren Lächeln an, und danach geschah doch genau das, was er beschlossen hatte. Lange hatte ich mir eingeredet, er sei eben ein Mann, einer, der Verantwortung übernehme. Doch Jahr für Jahr wurde der Raum, der mir gehörte, kleiner, bis ich mich im eigenen Zuhause in eine Ecke gedrängt fühlte. Und nun wollte er mir auch noch diese letzte Ecke nehmen, mit der billigsten aller Methoden: einem Ultimatum.

Ich wandte mich zu ihm um. Er stand mit verschränkten Armen da, selbstsicher, die Augen zu einem siegessicheren Schielen verengt. Er war überzeugt, ich würde jeden Moment die Fassung verlieren.

LebensKlüber