„Sicherheit geben Ihnen diese Unterlagen hier“, fuhr Andreas Mayer fort und schob ihr die Mappe über den Tisch. „Beglaubigte Abschriften. Und das hier“ — er legte ein weiteres Blatt daneben — „ist der aktuelle Grundbuchauszug. Eigentümerin: Sophie Weiß. Keine Belastungen, keine Vormerkungen, keine Einschränkungen.“
Sophie nahm die Mappe an sich. Einen Moment lang hielt sie sie nur fest, ohne sie zu öffnen. In ihr löste sich etwas, das seit Wochen wie ein gespannter Draht durch ihren Körper gezogen hatte. Nicht vollständig, aber spürbar genug, um wieder atmen zu können.
Draußen blieb sie auf den Stufen stehen. Sie zog ihr Handy hervor, öffnete die Kontakte, fand Lukas Vogels Namen — und steckte das Telefon wieder ein. Noch nicht. Erst musste sie etwas anderes herausfinden.
Denn dass Sabine Köhler die Papiere nicht aus bloßer Neugier an sich genommen hatte, wusste Sophie inzwischen mit beinahe unangenehmer Klarheit. In den vergangenen drei Wochen hatten sich mehrere Kleinigkeiten angesammelt, die nicht mehr wie Zufälle wirkten: ein Telefongespräch, das Sabine sofort abbrach, als Sophie den Raum betrat. Der Besuch eines unbekannten Mannes, den sie beiläufig als „einen Bekannten aus beruflichen Kreisen“ vorgestellt hatte. Und dann diese scheinbar harmlose Frage in der Vorwoche, hingeworfen, als ginge es um das Wetter:
„Sag mal, Sophie, wenn man eine Wohnung verkaufen will — dauert so eine Abwicklung eigentlich lange?“
Damals hatte Sophie kaum darauf geachtet. Jetzt schon.
Der Mann hieß Markus Köhler, und Sophie brauchte keine zwanzig Minuten, um ihn zu finden.
Nicht, weil sie irgendein besonderes Talent als Ermittlerin besessen hätte. Im Jahr 2026 genügte es, zwei, drei Online-Dienste zu öffnen, einen Namen einzugeben und dazu die Telefonnummer, die sie drei Tage zuvor zufällig auf dem Display von Sabines Handy gesehen hatte. Sabine hatte das Gerät mit dem Bildschirm nach oben auf dem Küchentisch liegen lassen und war hinausgegangen, um ihre Handtasche zu holen. Sophie hatte nur hingesehen. Und sich die Nummer gemerkt. Für den Fall der Fälle.
Markus Köhler. Immobilienagentur „Neue Adresse“. Schwerpunkt: schneller Ankauf und kurzfristige Umschreibung von Wohnraum. Die Webseite der Firma wirkte billig, aber selbstbewusst: lachende Menschen auf Stockfotos, große Versprechen, überall Formulierungen wie „zügig, vorteilhaft, ohne unnötige Fragen“.
Gerade dieses „ohne unnötige Fragen“ blieb Sophie besonders im Gedächtnis.
Sie stand auf dem Gehweg, blickte auf ihr Handy, und in ihr stieg etwas Kaltes, Erstaunlich Ruhiges auf. Wut war es nicht mehr. Die Wut hatte sie in diesen Wochen bereits durchlebt. Das hier war anders. Konzentration vielleicht. Eine innere Straffung.
Nach Hause kam sie erst am Abend zurück.
Sabine Köhler hatte inzwischen gekocht. Das war ihre typische Methode: morgens Schaden anrichten, abends den Tisch decken und so tun, als sei nichts geschehen. Teller standen bereit, Löffel lagen daneben, und Sabine selbst saß am Kopfende, als habe sie diesen Platz mit Absicht gewählt.
Lukas aß bereits. Schweigend, den Blick starr auf seinen Teller gerichtet, als sei dort etwas zu lesen.
„Setz dich und iss“, sagte Sabine zu Sophie in jenem Tonfall, den man gegenüber einer Dienstbotin anschlägt, der man gerade großzügig verziehen hat.
„Danke“, erwiderte Sophie, nahm Platz und schenkte sich Wasser ein. Dann stellte sie das Glas ab. „Sabine, ich war heute beim Notar.“
Die Stille dauerte nur einen Atemzug. Aber sie war da.
„Wozu denn das schon wieder?“, fragte Sabine, ohne den Blick von ihrem Teller zu heben.
„Ich habe mir beglaubigte Kopien der Wohnungsunterlagen geben lassen“, sagte Sophie ruhig. „Und einen aktuellen Auszug aus dem Grundbuch. Nur zur Sicherheit.“
Jetzt sah Sabine auf. Für den Bruchteil einer Sekunde flackerte etwas in ihren Augen auf — scharf, schnell, unvorsichtig. Dann verschwand es wieder hinter ihrer gewohnten Maske müder Überlegenheit.
„Und wofür brauchst du das?“, fragte sie. „Wer will dir denn deine kostbare Wohnung wegnehmen?“
„Niemand“, sagte Sophie. „Noch nicht.“
Lukas hob den Kopf. Zum ersten Mal an diesem Abend sah er sie an.
In dieser Nacht fand Sophie keinen Schlaf.
Sie lag wach und hörte Lukas neben sich atmen — gleichmäßig, ruhig, wie jemand, der keinen Grund hatte, die Augen offen zu halten. Vielleicht hatte er tatsächlich keinen. Vielleicht wusste er nichts von Markus Köhler. Oder wusste er es doch? Genau diese Frage konnte Sophie nicht beantworten. Dass Lukas schwach war, hatte sie längst begriffen. Aber Schwäche und Gemeinheit waren nicht dasselbe. Sie wollte glauben, dass dazwischen ein Unterschied bestand.
Am Morgen stand sie früher auf als alle anderen, zog sich leise an und verließ die Wohnung.
Das Büro der Immobilienagentur „Neue Adresse“ lag in der Großen Schützenstraße: eine unscheinbare Tür zwischen einer Apotheke und einem Mobilfunkladen, daneben ein kleines Schild. Sophie trat ein, ohne vorher anzurufen.
Markus Köhler entsprach fast genau dem Bild, das sie sich von ihm gemacht hatte. Mitte fünfzig, kräftig gebaut, mit dem Lächeln eines Mannes, der daran gewöhnt war, Fremde rasch für sich einzunehmen. Teurer Anzug. Auffällige Uhr. Eine ausgestreckte Hand, als sie ihren Namen nannte, doch der Versuch einer herzlichen Begrüßung blieb auf halbem Weg hängen.
„Frau Weiß?“ Er hatte offensichtlich nicht damit gerechnet, sie hier zu sehen. Man merkte es an der winzigen Pause, an der kaum sichtbaren Veränderung seiner Miene. „Was kann ich für Sie tun?“
„Ich denke, Sie ahnen es“, sagte Sophie und setzte sich ihm gegenüber, ohne auf eine Einladung zu warten. „Sie kennen Sabine Köhler.“
„Ich arbeite mit sehr vielen Kunden zusammen …“
„Herr Köhler.“ Sophies Stimme blieb ruhig, fast sachlich. „Ich bin nicht von der Polizei, und ich bin auch nicht hier, um eine Szene zu machen. Ich möchte Ihnen nur etwas mitteilen, damit Sie die Lage richtig einschätzen. Die Wohnung in der Gärtnerstraße siebzehn, Wohnung zweiundzwanzig, gehört mir. Sie ist auf meinen Namen eingetragen. Jedes Rechtsgeschäft ohne meine persönliche Beteiligung ist juristisch ausgeschlossen.“
