Sie hielt es wohl für Unsicherheit und beeilte sich, ihre Erklärung nachzuschieben.
„Bei Amelie Meier ist die Lage wirklich schwierig. Sie zieht mit zwei Kindern von einer Mietwohnung in die nächste, immer nur irgendwo vorübergehend. Ihr Mann ist dauernd unterwegs, von dem hat sie kaum Unterstützung. Und hier wäre alles vorhanden. Das Haus steht doch die meiste Zeit leer. Du kommst ohnehin nur ab und zu her. Es ist doch Unsinn, so etwas ungenutzt verkommen zu lassen.“
Laura Meier wandte langsam den Blick zu ihrem Mann.
„Lukas?“
Er räusperte sich, rieb sich über den Nasenrücken und sprach in einem Ton, als ginge es nicht darum, fremde Menschen in ihr Haus zu setzen, sondern höchstens darum, ein paar Säcke Blumenerde unter das Vordach zu tragen.
„Laura, reg dich bitte nicht gleich auf. Mama meint es nicht falsch. Das Haus ist nun mal wirklich meistens leer. Und Amelie hat Kinder, die brauchen frische Luft, Platz, ein bisschen Ruhe. Sie könnten hier erst einmal wohnen und gleichzeitig nach dem Rechten sehen. Für dich wäre das doch sogar eine Entlastung.“
Laura schob ihre Tasse von sich weg. Der Ton kratzte leise über die Tischplatte.
„Wer ist diese Amelie Meier überhaupt?“, fragte sie.
„Die Tochter meiner Cousine“, antwortete Sandra Schubert sofort. „Also keine Fremden.“
„Für Sie vielleicht nicht. Für mich schon.“
„Ach, jetzt stell dich doch nicht so an“, sagte Sandra Schubert und verzog den Mund. „Verwandtschaft bleibt Verwandtschaft.“
Laura erhob sich vom Tisch. Nicht hastig, nicht theatralisch. Sie stand einfach auf, ging zum Fenster und sah in den Hof hinaus, wo eine Kiste mit Setzlingen stand, die man aus dem Gewächshaus geholt hatte. Sie spürte, wie sich in ihrem Gesicht eine schwere, starre Spannung sammelte, und wusste: Wenn sie jetzt weitersprach, würde ihre Stimme kalt klingen. Das machte ihr keine Angst. Manchmal musste man genau so reden, damit bestimmte Menschen überhaupt begriffen, wo die Grenze verlief.
„Dann klären wir das einmal“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Wer hat denn eigentlich jemanden eingeladen, in meinem Haus zu wohnen?“
Hinter ihr entstand eine kurze, unangenehme Stille.
„Nun ja … wir haben darüber gesprochen“, sagte Sandra Schubert, nun schon weniger selbstsicher. „Mit Lukas. Er ist dein Mann, ihm ist das schließlich nicht egal.“
Laura drehte sich um.
„Ich habe nicht gefragt, mit wem Sie gesprochen haben. Ich habe gefragt, wer die Einladung ausgesprochen hat.“
Lukas hob endlich den Kopf, wich ihrem Blick jedoch aus.
„Ich habe Mama gesagt, dass man darüber nachdenken könnte“, murmelte er. „Nur nachdenken, Laura. Ohne gleich einen Streit daraus zu machen.“
„Ohne Streit?“, wiederholte sie leise. „Ihr kommt in das Haus, das ich geerbt habe, schaut euch Hof, Zimmer, Schuppen und Bad an, besprecht offenbar schon, wohin fremde Betten gestellt werden sollen, und deine Mutter nennt mir hier bereits einen Termin für den Einzug. Und das nennst du nachdenken?“
Sandra Schubert verlor merklich an Sicherheit. Die herrische Selbstverständlichkeit in ihrer Stimme bekam Risse, doch sie versuchte weiterhin, die Fassung zu wahren.
„Was ist denn daran so schlimm? Ich habe es menschlich gemeint. Wir setzen doch niemanden auf die Straße. Im Gegenteil, das Haus wäre bewohnt. Ist im Winter hier irgendjemand? Nein. So aber wären Leute da, würden heizen, Schnee schippen, auf den Hof achten.“
„Auf meinen Hof?“, fragte Laura und legte den Kopf leicht schräg. „Aus welchem Grund sollten sie das tun?“
„Weil sie in einer Notlage sind.“
„Die halbe Bundesrepublik ist in irgendeiner Notlage. Das gibt trotzdem niemandem das Recht, in ein fremdes Haus hineinzuplanen und Zimmer aufzuteilen, während die Eigentümerin in der Küche die Tassen spült.“
Lukas zuckte gereizt mit der Schulter.
„Rede nicht so mit meiner Mutter.“
„Wie denn sonst? Soll ich mir anhören, wie ihr beide über meinen Besitz verfügt, und dazu freundlich nicken?“
„Schon wieder dein Besitz“, sagte er genervt. „Wir sind eine Familie.“
Laura sah ihn so scharf an, dass er mitten im Satz verstummte. Sie hasste es, wenn dieses Wort benutzt wurde, um Dreistigkeit zu tarnen.
„Gerade weil du mein Mann bist, hättest du als Erster sagen müssen: Nein, ohne Laura wird darüber nicht entschieden. Stattdessen hast du sie hergebracht, damit sie sich das Haus ansehen kann.“
Sandra Schubert atmete laut aus und versuchte noch einmal, in die Offensive zu gehen.
„Wem machst du es denn damit schwer? Die Leute wollen doch nicht für immer bleiben. Nur vorübergehend. Im Herbst finden sie vielleicht etwas anderes. Oder bei ihnen regelt sich alles wieder. Du tust ja, als ginge es um ein Schloss.“
„Es geht nicht um ein Schloss“, erwiderte Laura. „Es geht um mein Haus. Um ein Haus, das ich von meiner Tante bekommen habe, das ich überschreiben ließ, renoviert habe und das ich unterhalte. Und hier zieht kein einziger Mensch ein, nur weil es Ihnen gerade praktisch erscheint.“
„Du willst also nicht helfen?“, fragte Sandra Schubert mit zusammengekniffenen Augen.
„Ob ich helfen will oder nicht, steht hier überhaupt nicht zur Debatte. Sie sind nicht gekommen, um zu bitten. Sie sind gekommen, um Anweisungen zu geben.“
Lukas sprang abrupt auf.
„Laura, jetzt bleib doch ruhig. Gut, Mama hat sich ungeschickt ausgedrückt. Man kann darüber doch vernünftig sprechen.“
„Vernünftig hätte man darüber sprechen müssen, bevor sie angefangen hat, ein Kinderzimmer auszusuchen.“
Sandra Schubert schnaubte.
„Meine Güte, sind wir empfindlich. Gleich jedes Wort auf die Goldwaage legen.“
„Ich hänge mich nicht an Worten auf“, sagte Laura. „Ich höre sehr genau, was dahintersteckt.“
Sie ging zur Garderobe, nahm den Schlüsselbund vom Haken und legte ihn vor Lukas auf den Tisch.
„Das sind die Schlüssel, die du für Notfälle hattest, richtig?“
Lukas nickte.
„Gib mir deinen.“
„Jetzt?“
„Ja. Jetzt.“
Er griff in seine Tasche, zog den Schlüssel heraus und legte ihn schweigend neben den Bund. Das Metall schlug mit einem kurzen, hellen Klang auf die Tischplatte. Laura nahm beide Schlüsselbunde in die Hand und sprach weiter, jetzt vollkommen ruhig, ohne jede unnötige Schärfe.
„Ihr esst heute noch zu Mittag und fahrt dann. Ab sofort kommt hier niemand mehr ohne vorherigen Anruf vorbei. Ich habe niemanden eingeladen, sich das Haus anzusehen. Ich habe niemandem erlaubt, hier zu wohnen. Falls irgendjemand aus Ihrer Verwandtschaft bereits glaubt, er könne hier einziehen, dann richten Sie bitte aus: Nein.“
„Sieh mal einer an, was für eine Hausherrin sich da gefunden hat“, presste Sandra Schubert hervor.
„Ja“, sagte Laura. „Hausherrin. Ganz genau.“
Nach diesen Worten war der frühere Ton endgültig verschwunden. Sandra Schubert sprach nicht mehr von den schönen großen Räumen. Lukas versuchte auch nicht länger so zu tun, als würde sich alles irgendwie von selbst glätten. Sie saßen noch immer in Lauras Küche, doch die Selbstgewissheit, mit der sie dieses Haus betreten hatten, war ihnen abhandengekommen.
Das Mittagessen zog sich unangenehm dahin. Sandra Schubert setzte ein paarmal an, über das Wetter oder die Setzlinge zu reden, verlor dann aber selbst den Faden und verstummte. Lukas kaute, ohne den Blick richtig zu heben. Laura räumte den Tisch ab, brachte die Reste hinaus zu den Hühnern und kam zurück. Da stand ihre Schwiegermutter bereits im Flur und zog nervös die Ärmel ihrer Jacke glatt.
„Wir fahren dann wohl besser“, sagte sie. „Sonst wird es zu spät.“
„Gute Reise“, sagte Laura nicht laut. Sie nickte nur und öffnete die Tür.
Als das Auto hinter der Kurve verschwunden war, blieb sie noch lange am Gartentor stehen. Die Luft roch nach feuchter Erde und nach Rauch aus dem Ofen der Nachbarn. Es war derselbe Tag, dasselbe Grundstück, dasselbe Haus, und doch hatte sich in ihr etwas verschoben. Nicht, weil Sandra Schubert zu weit gegangen war. Solche Auftritte kannte Laura schon lange. Viel schlimmer war etwas anderes: Lukas hatte davon gewusst. Mehr noch, er hatte mitgemacht.
Gegen Abend ging sie noch einmal durch das ganze Haus, schloss alle Fenster, kontrollierte den Schuppen und das kleine Bad. Auf dem obersten Brett der Speisekammer, wohin sie fast nie griff, entdeckte sie ordentlich gestapelte Kartons mit Kindergeschirr.
