„Du räumst das Haus auf dem Dorf. Meine Verwandtschaft zieht dort ein“ — Laura steht fassungslos an der Sommerwaschstelle

Unfair: Vertrautes Zuhause grausam herabgewürdigt.
Geschichten

„Du räumst das Haus auf dem Dorf. Meine Verwandtschaft zieht dort ein“, erklärte ihre Schwiegermutter.

Laura Meier begriff im ersten Moment gar nicht, dass diese Worte ihr galten. Sie stand an der Sommerwaschstelle, schüttelte sich nach der Arbeit im Gewächshaus das Wasser von den Händen und blickte gedankenverloren zu den Beeten hinüber, auf denen bereits das erste Grün zu sehen war. Ein leichter Wind trieb trockenen Blütenstaub über den Hof, bewegte den alten Apfelbaum am Zaun, und im Schuppen flatterten die Hühner unwillig gegen die Stange, nachdem Laura sie kurz zuvor zum Scharren hinausgelassen hatte.

Der Morgen hatte friedlich begonnen. Laura war allein übers Wochenende aufs Land gefahren, so wie sie es jedes Frühjahr und fast den ganzen Sommer über tat. Nach der Arbeitswoche musste das Haus geöffnet werden: den Ofen prüfen, Staub wischen, nach der Sauna sehen, den Hof fegen, einmal über das Grundstück gehen. Diese kleinen Mühen waren ihr lieb. Hier war nichts fremd, nichts gemietet, nichts nur für eine Weile. Das Haus hatte sie von ihrer Tante Theresa Lorenz geerbt, der älteren Schwester ihres Vaters. Theresa hatte ihr ganzes Leben in diesem Dorf verbracht, kaum jemanden an sich herangelassen und erst ganz am Ende, als ihre Kräfte nachließen, ausgerechnet Laura zu sich gerufen. Nicht die Schwiegermutter, nicht irgendwelche entfernten Verwandten, nicht die Nachbarn, sondern sie. Ein halbes Jahr hatte die Erbschaftsabwicklung gedauert, danach noch ein weiteres Jahr, bis alles halbwegs in Ordnung war: das Dach ausbessern, verfaulte Bretter im Schuppen austauschen, den Abstellraum entrümpeln, den Garten wieder zum Leben bringen.

Laura hing an diesem Haus nicht wie an Wänden, sondern wie an Erinnerung. In der Küche stand noch immer der schmale Holzschrank, in dem Tante Theresa ihre Vorräte aufbewahrt hatte. Im Zimmer unter dem Fenster hingen bestickte Deckchen, nicht als bloßer Schmuck, sondern weil Theresa sie selbst angefertigt und auf jedes einzelne stolz gewesen war. Auf der Veranda knarrte die Bank, die Lauras Vater vor vielen Jahren an einem Abend repariert hatte, damals, als er noch lebte. All das besaß keinen großen Geldwert. Und doch hatte es einen Preis, den man niemandem erklären konnte, der nur kam, um den Hof mit Schritten auszumessen und im Kopf bereits auszurechnen, wo sich fremde Möbel am besten hinstellen ließen.

Etwa anderthalb Stunden nach Lauras Ankunft hielt vor dem Gartentor ein Auto. Sie wunderte sich nicht einmal besonders, als zuerst ihre Schwiegermutter Sandra Schubert ausstieg und gleich darauf ihr Mann Lukas Baumann. Erstaunlich war nur, dass keiner der beiden ihren Besuch angekündigt hatte.

„Wir dachten, wir schauen mal nach dir“, sagte Sandra munter, als betrete sie nicht das Haus einer anderen, sondern ihr eigenes Feriengrundstück. „Lukas meinte, du wärst hier.“

Laura nickte damals nur. Was hätte sie auch erwidern sollen? Sie hatte keine Lust, sie hereinzubitten, doch eine Auseinandersetzung am Gartentor wollte sie ebenso wenig beginnen. Lukas grüßte zurückhaltend, wich ihrem Blick sofort aus und beugte sich zum Kofferraum hinunter, um eine Tüte herauszuholen.

„Mama hat Pasteten…“, setzte er an und verstummte abrupt, als er den Blick seiner Frau bemerkte.

„Frikadellen habe ich mitgebracht. Und leicht gesalzene Gurken“, korrigierte Sandra Schubert ihn rasch. „Ihr sollt ja hier nicht von trockenem Brot leben.“

Laura ließ sie ins Haus. Zu diesem Zeitpunkt kam ihr der Besuch zwar unangenehm vor, aber noch nicht ungewöhnlich. Ihre Schwiegermutter liebte es, unangemeldet aufzutauchen. Sie liebte es, nachzusehen, wie andere lebten. Und Ratschläge verteilte sie mit besonderem Eifer dort, wo niemand sie darum gebeten hatte. Trotzdem lag an diesem Tag etwas Neues in ihrem Auftreten: zu geschäftsmäßig, zu sicher, zu zielgerichtet.

Sie gingen nicht sofort in die Küche, wie es Gäste normalerweise getan hätten. Sandra Schubert schlenderte langsam über den Hof, blieb am Schuppen stehen, warf einen Blick in die Sauna und klopfte mit den Fingerknöcheln gegen das frisch eingesetzte Brett auf der Veranda. Lukas folgte ihr schweigend.

„Solide gemacht“, stellte die Schwiegermutter fest. „Da fällt nichts auseinander.“

„Sollte es das denn?“, fragte Laura trocken.

„Ich sage ja nur. In vielen Dörfern stehen die Häuser schon ganz schief, aber dieses hier ist noch kräftig. Und die Lage ist gut. Der Laden ist nah. Der Bus fährt. Wasser gibt es auch. Der Ofen funktioniert. Zum Wohnen ist das bequem.“

Laura richtete sich auf, legte eine Hand an den Pfosten der Veranda und sah ihren Mann an. Der tat so, als interessiere ihn plötzlich das Dach der Sauna.

„Hast du das Schuppendach erneuert?“, fragte er, als sei er ausschließlich gekommen, um über Reparaturen zu sprechen.

„Ja. Im Herbst schon.“

„Du solltest nicht immer alles allein schleppen“, mischte sich Sandra ein. „Du hättest früher etwas sagen müssen. Ein Mann ist schließlich im Haus.“

Laura stieß ein kurzes, freudloses Lachen aus. Gerade aus Sandra Schuberts Mund klang dieser Satz besonders gelungen. In der gesamten letzten Saison war Lukas genau zweimal hier gewesen. Einmal, um Fleisch zu grillen, und ein zweites Mal, weil Farbe und Werkzeug aus der Stadt hergebracht werden mussten. In beiden Fällen hatte ihn weniger das Grundstück interessiert als sein Telefon und die Möglichkeit, möglichst bald wieder zurückzufahren.

Während Laura Kompott in Becher goss, war Sandra bereits ins Haus gegangen. An der Schwelle zog sie nicht einmal die Schuhe aus; sie hielt nur einen Augenblick inne, als müsse sie sich daran erinnern, wo was stand, obwohl sie zuvor höchstens zwei- oder dreimal hier gewesen war. Sie schaute in das große Zimmer, dann in das kleinere, in dem ein schmales Bett und eine alte Kommode standen, und riss schließlich die Tür zur Vorratskammer auf.

„Viel Platz“, sagte sie leise, aber laut genug, damit alle es hörten. „Wirklich viel Platz. Und die Luft ist hier ganz anders. Für Kinder wäre das ideal.“

Laura legte das Messer, mit dem sie Brot geschnitten hatte, langsam auf den Tisch. Genau in diesem Augenblick zog sich in ihr etwas zusammen, fest und wachsam wie ein Knoten. Es war keine Angst und auch keine Verwirrung. Eher ein plötzliches Begreifen, dass es bei dem folgenden Gespräch weder um das Gewächshaus noch um die Sauna gehen würde, und auch nicht darum, wie gut man auf dem Land atmen konnte.

Lukas setzte sich auf einen Hocker und starrte auf die Tischplatte.

„Welche Kinder?“, fragte Laura und bemühte sich, ihre Stimme ruhig zu halten.

„Es gibt schon jemanden“, antwortete Sandra ausweichend und fuhr mit den Fingern über das Fensterbrett. „Hier könnte man wunderbar einen Tisch hinstellen. Dort die Betten. Und auf der Veranda ist es im Sommer ohnehin herrlich.“

Laura hörte ihr Gerede über den Tisch kaum noch. Sie sah nur ihren Mann an. Sie wollte, dass er endlich den Kopf hob und wenigstens einmal klar aussprach, was hier vor sich ging. Doch Lukas schwieg, als habe man ihn zufällig mitgebracht und als verstehe er selbst nicht, worum es ging.

Sandra Schubert kehrte in die Küche zurück, setzte sich Laura gegenüber und legte die Hände auf den Tisch, mit der Miene eines Menschen, der nun etwas Wichtiges und Endgültiges verkünden würde.

Dann fiel genau dieser Satz.

„Du räumst das Haus auf dem Dorf. Meine Verwandtschaft zieht dort ein.“

Nach diesen Worten wurde es in der Küche so still, dass draußen das Gartentor im Wind knarren zu hören war. Laura sah ihre Schwiegermutter mehrere Sekunden lang an, ohne zu blinzeln. Sie sprang nicht auf, sie schrie nicht, sie schlug auch nicht mit der Hand auf den Tisch. Sie blieb einfach sitzen und schwieg. Sandra Schubert deutete dieses Schweigen offenbar falsch.

LebensKlüber