Sebastian Weiß presste die Zähne so fest aufeinander, dass sich seine Kiefermuskeln sichtbar verhärteten. Seine Hand zuckte kurz, unwillkürlich, als wollte er nach etwas greifen oder zuschlagen. Doch im letzten Moment riss er sich zusammen. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und ging den Flur hinunter, direkt auf das Zimmer seiner Mutter zu.
Clara Krause blieb wie angewurzelt am Eingang stehen. Ihre Finger bebten. In ihrem Körper breitete sich eine Schwere aus, als hätte man ihn mit kaltem Blei gefüllt. Sie lehnte sich gegen die Wand und schloss für einen Augenblick die Augen.
Wie lange sollte das noch so weitergehen? Wie lange konnte ein Mensch sich ducken, schweigen, aushalten?
Unwillkürlich erinnerte sie sich an den Tag, an dem sie Sebastian zum ersten Mal begegnet war. Der Markt, der aufgeweichte Herbstboden, schwere Taschen in ihren Händen. Er hatte ihr damals geholfen, alles bis zur Haltestelle zu tragen. Sein Lächeln war offen gewesen, fast jungenhaft, und in seinen Augen hatte etwas Warmes geleuchtet, etwas Ehrliches. „Ich werde nicht zulassen, dass dir jemand wehtut“, hatte er damals gesagt und sie vor dem ersten Abschied auf die Stirn geküsst.
Wo war dieser Mann geblieben? Wann war er verschwunden?
Aus dem Zimmer drang Sebastians gedämpfte Stimme. Er sagte seiner Mutter irgendetwas. Die alte Frau antwortete schwach, klagend. Clara verstand die einzelnen Worte nicht, aber den Tonfall erkannte sie sofort: Helena Becker beschwerte sich. Wie immer.
Langsam ging Clara ins Wohnzimmer zurück und schaltete den Fernseher aus. Dann ließ sie sich auf das Sofa sinken und betrachtete ihre Hände. Die Haut war trocken, die Adern traten deutlich hervor. Ihre Finger waren vom Waschen, Putzen und ständigen Reiben gerötet. An ihrem Ringfinger saß noch immer der schmale Ehering, matt geworden und vom Alltag abgeschliffen.
Wie lange noch?
Die Tür zum Zimmer der Schwiegermutter öffnete sich. Sebastian kam heraus. Sein Gesicht zeigte nichts.
„Sie war wirklich nass“, sagte er. „Ich habe sie umgezogen.“
Clara nickte nur. Für eine neue Auseinandersetzung fehlte ihr jede Kraft.
„Hör mal“, begann er nach kurzem Räuspern, „vielleicht müssen wir wirklich etwas ändern. Vielleicht sollten wir eine Pflegekraft nehmen. Ich rechne das mit dem Geld noch einmal durch.“
Clara sah ihn an. In seinen Worten lag keine Entschuldigung. Kein echtes Begreifen. Nur der Wunsch, ein lästiges Problem möglichst rasch und sauber aus der Welt zu schaffen, damit es nicht wieder auf den Tisch kam.
„Dann rechne“, antwortete sie knapp.
Sebastian blieb noch einen Moment stehen, als erwarte er, dass sie mehr sagte. Als nichts kam, zog er die Schultern an und ging zur Wohnungstür.
„Ich fahre in die Garage. Wird spät.“
Kurz darauf fiel die Tür ins Schloss. Clara blieb allein zurück.
Draußen webte der Winter weiße Muster an die Fensterscheiben. Die Stadt war still geworden und lag unter einer dichten Schneedecke. In dieser lautlosen Helligkeit, in diesem erstickten Weiß, begriff Clara plötzlich mit erschreckender Klarheit: Etwas musste sich ändern. Unbedingt.
Nur wusste sie noch nicht, was.
Am nächsten Morgen riss sie das Klingeln aus dem Schlaf. Schrill, hartnäckig, ohne Pause. Wer auch immer draußen stand, hatte offenbar nicht vor, wieder zu gehen. Clara blinzelte zur Uhr: sieben. Sebastian war bereits zur Arbeit gefahren, ohne sie zu wecken. Wie immer.
Sie warf sich den Morgenmantel über und eilte zur Tür. Durch den Spion erkannte sie eine vertraute Gestalt: Stefanie Simon, die Schwester ihrer Schwiegermutter. Eine gedrungene Frau mit rot gefärbtem Haar und einem Gesichtsausdruck, als sei die ganze Welt ihr etwas schuldig.
„Ich komme ja schon“, murmelte Clara und schob den Riegel zurück.
Stefanie Simon stürmte in die Wohnung, als hätte sie ein Recht darauf, jede Tür einzutreten. Ein Gruß kam ihr nicht über die Lippen. Hinter ihr drängte sich ihre Tochter Emma Werner herein, dreißig Jahre alt, aber mit harten Zügen, die sie älter wirken ließen, und Augen, in denen sofort etwas Gehässiges aufblitzte.
„Wo ist Helena Becker?“, fragte Stefanie scharf, während sie sich schon im Flur aus dem Pelzmantel schälte und ihn achtlos auf die Kommode warf.
„Sie schläft noch. Die Nacht war schwierig, ich habe ihr das Schlafmittel gegeben, das der Arzt verschrieben hat.“
„Schlafmittel?“ Stefanie schlug die Hände zusammen. „Bist du denn völlig von Sinnen? Solche Mittel gibt man nicht einfach so! Du bist keine Ärztin!“
Clara schluckte. Tief in ihr begann es bereits zu brodeln, jenes alte, gefährliche Gefühl, das sie in den letzten Monaten gelernt hatte, tief hinunterzudrücken, damit es nicht aus ihr herausbrach.
„Es steht in der Verordnung. Der Arzt hat es ausdrücklich aufgeschrieben.“
„Dann zeig sie mir.“
Emma kicherte leise, unangenehm hell, fast mädchenhaft. Ohne Clara um Erlaubnis zu fragen, marschierte sie in die Küche und begann dort sofort, Schranktüren aufzureißen.
„Na, hier sieht es ja auch aus“, rief sie. „Und das Geschirr ist nicht einmal richtig sauber.“
„Das ist noch von gestern Abend“, setzte Clara an, obwohl sie genau wusste, dass sie sich nicht rechtfertigen musste. „Ich bin erst gegen zwei Uhr morgens ins Bett gekommen, ich habe es einfach nicht mehr geschafft.“
„Nicht geschafft!“ Stefanie verzog den Mund. „Und Helena liegt währenddessen krank und nass in ihrem Bett! Sebastian hat mich gestern angerufen und mir alles erzählt. Er sagt, du bist inzwischen völlig frech geworden. Du sitzt vor dem Fernseher, während seine Mutter hier zugrunde geht!“
„Das stimmt nicht.“
„Widersprich mir nicht!“ Stefanie trat näher, und Clara nahm den schweren, süßlichen Geruch ihres billigen Parfüms wahr. „Ich sehe schon lange, wie du mit meiner Schwester umgehst. Von Anfang an habe ich das gesehen. Du kannst sie nicht ausstehen. Für dich ist sie nur eine Last.“
„Ich pflege sie seit drei Monaten. Tag und Nacht.“
„Dann machst du es eben schlecht“, warf Emma aus der Küche ein, während sie auf etwas kaute. Mit Schrecken begriff Clara, dass Emma den Kuchen vom Vortag gefunden hatte und ihn sich bereits in den Mund stopfte, ohne ihn auch nur aufzuwärmen. Sie sprach weiter, als hätte sie gerade erst den nächsten Vorwurf auf der Zunge.
