Die bestellte ich eigens: geräuchert, aus Spanien, sieben Euro das Glas. Und darüber hatte sie nun einfach Pfeffer gemahlen. Ohne zu fragen.
„Sabine Braun“, sagte ich leise, „ich habe das Gericht nach Rezept zubereitet. Mit Marinade. Mit Paprika. Es war fertig.“
„Fertig ist es, wenn es schmeckt“, erwiderte sie, ohne den Blick zu heben. „Vorher war es fad.“
Matthias schwieg. Wie immer. In acht Jahren hatte er kein einziges Mal zu seiner Mutter gesagt: „Laura kocht gut.“ Kein einziges Mal hatte er sich auf meine Seite gestellt. Kein einziges Mal hatte er sie gebeten, mein Essen in Ruhe zu lassen.
Ich trat an den Tisch, nahm die Auflaufform mit dem Hähnchen — mit beiden Händen, trotz Küchentuch war sie heiß — und trug sie zurück in die Küche.
„Wenn mein Essen überarbeitet werden muss, dann machen Sie das bitte selbst“, sagte ich.
Sabine Braun ließ die Gabel fallen. Matthias richtete sich halb auf.
„Laura, was soll das denn jetzt?“, fragte er und tupfte sich den Mund mit der Serviette ab. „Mama hat doch nichts Schlimmes gesagt.“
Nichts Schlimmes. Vierzig Euro für Lebensmittel an jedem Samstag. Fünf Stunden am Herd. Und dann fremde Gewürze über meiner Marinade.
Ich antwortete nicht. Ich stellte die Form auf den Herd, legte einen Deckel darauf und ging ins Zimmer. Aus der Küche hörte ich Sabine Brauns Stimme:
„Siehst du, wie sie ist? Man darf kein Wort sagen.“
Matthias kam zwanzig Minuten später. Er erklärte, seine Mutter sei verletzt. Dann bat er mich, hinauszugehen und mich zu entschuldigen.
Ich ging nicht.
Am Abend, nachdem Sabine Braun gefahren war, holte ich ein Notizheft hervor. Ein ganz gewöhnliches kariertes Heft mit blauem Umschlag. Ich schrieb: „Samstag, 14. September. Lebensmittel — 42 €. Kochzeit — 4,5 Stunden. Ergebnis — von der Schwiegermutter überpfeffert. Bedankt hat sich niemand.“
Von da an notierte ich jeden Samstag alles. Ausgaben, Zeit, Reaktion. Das Heft lag in der Kommode, unter einem Stapel Handtücher.
Zwei Wochen später sagte Matthias, seine Mutter wolle öfter kommen. Vielleicht auch mittwochs. Ich fragte, wozu. Er antwortete: „Na ja, sie vermisst uns.“ Ich sah ihn nur an und schwieg. Das Heft füllte sich weiter.
An jenem Samstag war meine Freundin zu Besuch. Mia Lehmann. Wir hatten vor zehn Jahren zusammen gearbeitet, bevor sie weggezogen war. Sie kam übers Wochenende, und ich lud sie zum Mittagessen ein. Ich wollte ihr zeigen, dass bei uns alles in Ordnung war. Familie, Zuhause, gedeckter Tisch — so, wie es sein sollte.
Ich backte einen Kuchen mit Kohl und Ei. Den Teig hatte ich am Freitagabend angesetzt und am Morgen ausgerollt. Für die Füllung hatte ich Kohl vierzig Minuten bei niedriger Hitze geschmort, dazu vier gekochte Eier und frischen Dill gegeben. Der Kuchen wurde hoch, goldbraun, mit knuspriger Kruste. Ich schnitt ihn in acht Stücke und verteilte die Teller.
Mia probierte, schloss kurz die Augen und sagte:
„Laura, das ist unglaublich. Du solltest auf Bestellung backen. Ich meine es ernst.“
Ich lächelte. Das erste Lob seit zwei Monaten. In meiner eigenen Küche, an meinem eigenen Tisch — das erste Lob.
Sabine Braun kam ohne Ankündigung. Sie trat ein, sah Mia, nickte knapp und setzte sich.
„Kuchen?“, fragte sie, nahm sich ein Stück und biss hinein. Sie kaute langsam. „Innen ist der Teig roh.“
Der Teig war nicht roh. Ich hatte ihn mit einem Zahnstocher geprüft, er war sauber herausgekommen. Die Kruste war goldgelb, die Füllung durchgebacken. Trotzdem biss Sabine Braun noch einmal ab und schob den Teller von sich.
„Das ist kein Kuchen“, sagte sie lauter, so laut, dass Mia es sicher hören musste. „Das ist eine Schuhsohle. Der Teig ist gummiartig. Die Füllung sauer. Ich verstehe nicht, wie man vierundzwanzig Jahre verheiratet sein kann und immer noch nicht backen gelernt hat.“
Mia hörte auf zu kauen. Sie sah erst mich an, dann Sabine Braun. Die Stille dauerte vielleicht drei Sekunden, aber mir kam sie vor wie eine ganze Minute.
„Sabine Braun“, sagte ich und stellte meine Tasse ab, „in acht Jahren haben Sie nie auch nur einen Krümel auf dem Teller gelassen. Nicht einmal. Weder vom Eintopf noch vom Hähnchen noch von den Frikadellen. Vielleicht ist diese Schuhsohle gar nicht so schlecht?“
Sabine Braun lief dunkelrot an. Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Aus dem Zimmer rief Matthias:
„Laura, jetzt reicht’s!“
Mia aß schweigend ihr Stück weiter. Dann nahm sie sich ein zweites.
„Sehr lecker“, sagte sie und sah dabei Sabine Braun direkt an.
Nach dem Essen fuhr meine Schwiegermutter weg. Ohne Abschied. Mia half mir, den Tisch abzuräumen, und in der Küche wurde es still.
