„Zu dünn“, urteilte Sabine Braun, schob den Teller von sich und klopfte mit dem Löffel gegen den Rand

Unverschämtes Urteil, verletzte Würde und zermürbende Ungerechtigkeit.
Geschichten

Ich ließ mich auf den Hocker sinken. Wie von selbst griffen meine Finger nach der Schürze. Ich faltete sie, strich den Stoff glatt, faltete ihn wieder auseinander und noch einmal zusammen.

„Macht sie das immer so?“, fragte Mia leise.

„Seit acht Jahren“, sagte ich. „Jeden Samstag.“

Mia schüttelte nur den Kopf. Sie schwieg. Und manchmal sagt das Schweigen einer Freundin mehr als jede tröstende Rede.

Am Abend rief Matthias Lange seine Mutter an. Zwanzig Minuten lang sprach er mit ihr. Als er zurück in die Küche kam, erklärte er:

„Sie ist verletzt. Du hast sie vor einem fremden Menschen bloßgestellt.“

Vor einem fremden Menschen. Mia war meine Freundin. Seit fünfzehn Jahren kannten wir uns. Aber dass Sabine Braun mich vor ihr erniedrigte, galt offenbar als völlig in Ordnung.

Ich schlug mein Notizbuch auf. Samstag, der zwölfte Oktober. Lebensmittel: achtunddreißig Euro. Zeitaufwand: sechs Stunden, den Teig mitgerechnet. Ergebnis: „Schuhsohle“ vor meiner Freundin.

Matthias ging schlafen. Ich blieb am Küchentisch sitzen und rechnete. Vier Samstage im Monat. Acht Jahre lang. Dreihundertvierundachtzig Samstage. Jedes Mal vierzig bis fünfzig Euro für Einkäufe. Am Ende kam eine Summe von über fünfzehntausend Euro heraus. Ich rechnete nach. Dann noch einmal.

Am darauffolgenden Samstag stand Sabine Braun wieder vor der Tür, als sei nichts gewesen. In ihrer Handtasche lag dieselbe Pfeffermühle.

Dritter Samstag im November. Um sechs Uhr wurde ich wach. Draußen hing der Himmel grau und nass über den Fenstern, und alles in mir wollte unter der Decke bleiben. Trotzdem stand ich auf, weil Matthias am Abend zuvor gesagt hatte: „Mama kommt diesmal nicht allein. Christina Werner und Greta Lorenz kommen mit.“

Christina Werner war seine Schwester. Greta Lorenz, ihre Tochter, neunzehn Jahre alt. In meinem ganzen Leben hatte ich die beiden vielleicht dreimal gesehen. Das letzte Mal vor vier Jahren, bei Sabine Brauns Geburtstag. Damals hatte Christina meinen Salat probiert und gemeint: „Na ja, für zu Hause reicht’s.“

Ich ging zum Markt. Rindfleisch, Schweinefleisch für Frikadellen, Gemüse für den Salat, saure Sahne, Kräuter. Danach noch in den Laden: Brot, Butter, Käse für eine Platte. Dann nach Hause, direkt an den Herd.

Ich kochte Kohlsuppe aus frischem Weißkohl. Für die Frikadellen drehte ich das Fleisch zweimal durch den Wolf, mischte eingeweichtes Brot darunter und fein geriebene Zwiebel. Gebraten wurden sie in der schweren gusseisernen Pfanne, die meine Mutter mir geschenkt hatte. Jede einzelne Frikadelle fünf Minuten von jeder Seite. Vierundzwanzig Stück. Zwei Stunden.

Der Salat bestand aus Gurken, Tomaten, Radieschen, Kräutern und Öl. Nichts Kompliziertes, aber alles frisch vom Markt.

Um zwölf war der Tisch fertig. Fünf Teller, fünf Bestecke, Servietten. Das Brot war geschnitten, die Butter lag in der Butterdose. Ich band die Schürze ab, wusch mir das Gesicht und zog eine saubere Bluse an.

Um Viertel nach zwölf kamen sie. Sabine Braun, Christina Werner und Greta Lorenz. Matthias öffnete, küsste seine Mutter auf die Wange und umarmte seine Schwester. Ich stand im Flur und wartete.

„Oh“, sagte Christina, während sie ihre Jacke an den Haken hängte und die Luft einsog. „Es riecht nach Frikadellen. Mama, du hast doch gesagt, sie könne nicht kochen?“

Sabine Braun antwortete nicht. Sie presste nur die Lippen zusammen. Genau diese Bewegung hatte ich inzwischen mehr als dreihundert Mal gesehen.

Wir setzten uns an den Tisch. Ich füllte die Suppe in die Teller, stellte die Frikadellen hin und schob die Salatschüssel näher.

Sabine Braun nahm einen Löffel Suppe. Dann legte sie den Löffel wieder ab.

„Der Kohl ist zäh.“

Vierzig Minuten hatte er gegart. Ich hatte ihn extra geprüft.

Christina schnitt eine Frikadelle an, kaute langsam und legte die Gabel beiseite.

„Ein bisschen trocken. Hast du überhaupt Brot in die Masse getan?“

Natürlich hatte ich. In Milch eingeweicht. Wie jedes Mal.

Greta stocherte im Salat herum.

„Warum ist da kein Käse drin? Mit Käse schmeckt Salat doch viel besser.“

Es war ein Gemüsesalat. Mit Öl. Ohne Käse. Weil es eben ein Gemüsesalat war.

Matthias aß schweigend. Den Kopf gesenkt, den Löffel immer nur vom Teller zum Mund und zurück. Er sagte nichts. Er mischte sich nie ein.

Sabine Braun sah Christina an. Christina sah Sabine Braun an. Dann sprach meine Schwiegermutter laut genug, dass jedes Wort die ganze Küche füllte:

„Siehst du, Christina. Genau das habe ich dir erzählt. Seit vierundzwanzig Jahren verheiratet und kann noch immer nichts richtig. Weder Suppe noch Frikadellen. In ihrem Alter habe ich für dreißig Leute den Tisch gedeckt, und alle wollten Nachschlag.“

Christina nickte.

„Mama hat recht. Du kannst nicht kochen. Nimm es mir nicht übel, aber das ist nun mal Tatsache.“

Tatsache. Vierundzwanzig Frikadellen. Zwei Stunden vor der Pfanne. Vierundfünfzig Euro für Lebensmittel, der Kassenbon lag mir noch im Kopf. Dreihundertvierundachtzig Samstage. Und jetzt war es also eine „Tatsache“.

Ich merkte, wie sich meine Finger um die Tischkante krampften. Die Knöchel traten weiß hervor.

LebensKlüber