„Zu dünn“, urteilte Sabine Braun, schob den Teller von sich und klopfte mit dem Löffel gegen den Rand

Unverschämtes Urteil, verletzte Würde und zermürbende Ungerechtigkeit.
Geschichten

„Zu dünn“, urteilte Sabine Braun, schob den Teller von sich und klopfte mit dem Löffel gegen den Rand. „Ich habe dir doch gesagt: Rote Bete wird gerieben, nicht gewürfelt. Und vom Lorbeer hast du auch zu viel genommen.“

Auf dem Herd stand der große Topf, aus dem der Borschtsch dampfte. Fünf Stunden zuvor war ich noch im Dunkeln aufgestanden, nur um auf dem Markt frisches Rindfleisch zu bekommen. Ich hatte angestanden, dann genau den Markknochen ausgesucht, den Matthias Lange so gern mochte. Danach hatte ich geschält, geschnitten, die Rote Bete separat in Folie gegart, damit ihr Saft nicht zu früh in die Brühe lief. Dreimal hatte ich abgeschmeckt. Salz kam nur in winzigen Portionen dazu, jeweils ein Viertel Löffel.

Und am Ende hieß es: zu dünn.

Ich bin Apothekerin. Sechs Tage pro Woche stehe ich hinter dem Tresen, berate Kunden, kontrolliere Rezepte und gleiche Bestände ab. Der Samstag ist mein einziger freier Tag. Doch seit Sabine Braun im Jahr zweitausendachtzehn in den Nachbarbezirk gezogen war, gehörten mir meine Samstage nicht mehr.

Jede Woche dasselbe. Viermal im Monat. Ohne Ausnahmen, ohne Vorankündigung, ohne die Frage, ob es mir überhaupt passte. Um zehn Uhr morgens erschien sie, setzte sich in unsere Küche und wartete auf das Mittagessen. Matthias öffnete ihr die Tür, küsste sie auf die Wange und verschwand vor den Fernseher, um Fußball zu schauen. Ich blieb am Herd.

„Laura Albrecht, warum sagst du denn nichts? Ich meine es doch nur gut“, fuhr Sabine fort und rückte den Teller noch ein Stück weiter weg, als hätte er sie persönlich beleidigt. „Meine Mutter, Gott hab sie selig, hat Borschtsch gekocht, da blieb der Löffel drin stehen. Bei dir ist das eher Kompott.“

„Mama, es schmeckt doch“, murmelte Matthias, ohne den Blick von seinem Teller zu heben. Er aß bereits, hastig und schweigend, und schob mit Brot nach.

„Dir schmeckt immer alles. Du bist eben anspruchslos“, winkte Sabine Braun ab. „Ich hingegen bin Qualität gewohnt.“

Ich stand neben dem Herd. Auf meiner Schürze klebten Flecken von Rote-Bete-Saft, meine Hände waren von Topf und Dampf heiß. Drei Stunden Arbeit steckten in diesem Essen. Der Knochen hatte 4,80 € gekostet. Den Sauerrahm hatte ich extra besorgt, hausgemacht, vom Markt.

Dann stand Sabine plötzlich auf, ging zum Herd und kippte ihre Portion zurück in den Topf. Nicht ins Spülbecken. In den Topf. Direkt vor meinen Augen.

„Noch nicht gar“, erklärte sie vollkommen ruhig. „Das muss weiterkochen.“

Der Borschtsch hatte vier Stunden geköchelt. Die Rote Bete war weich, der Kohl beinahe durchsichtig, die Kartoffeln zerfielen schon. Ich wusste, dass er fertig war. In der Apotheke baten Kolleginnen mich um genau dieses Rezept. Drei Mädchen aus der Frühschicht hatten es sich ins Handy geschrieben.

Trotzdem schwieg ich.

Ich nahm Sabines Teller, trug ihn zur Spüle und stellte ihn ab.

„Wenn es nicht schmeckt, müssen Sie sich nicht quälen“, sagte ich mit möglichst gleichmäßiger Stimme.

Sie sah mich an, als hätte ich ihr eine Ohrfeige gegeben. Matthias hörte auf zu kauen. In der Küche wurde es vollkommen still.

„Ich sage das doch nicht aus Bosheit“, presste Sabine Braun hervor und zog die Lippen schmal. „Ich bringe dir nur etwas bei.“

Acht Jahre lang. Acht Jahre lang hatte sie mir „etwas beigebracht“. An jenem Abend, während ich das Geschirr in den Abtropfständer räumte, dachte ich zum ersten Mal klar: Vielleicht reicht es jetzt mit diesen Lektionen. Doch der Gedanke verschwand wieder. Matthias sagte, seine Mutter mache sich Sorgen, sie sei allein, ihr sei langweilig. Also sagte ich wieder nichts.

Eine Woche später verkündete Sabine Braun, sie werde nun jeden Samstag kommen. Nicht einfach nur zu Besuch, nein — sie wolle „in der Küche helfen“. Ich nickte. Matthias freute sich.

Am darauffolgenden Samstag brachte Sabine Braun eine Tüte mit. Darin lagen schwarze Pfefferkörner, getrockneter Dill, eine Gewürzmischung und Lorbeerblätter in einem eigenen kleinen Päckchen.

„Hier“, sagte sie und breitete alles auf dem Tisch aus. „Ordentliche Gewürze. Deine kannst du wegwerfen.“

Ich machte Hähnchen mit Kartoffeln. Das Filet hatte seit dem Vorabend in Kefir mit Knoblauch mariniert, nach einem Rezept, das sich bei mir immer bewährt hatte. Die Kartoffeln hatte ich in Spalten geschnitten, mit Öl bestrichen und mit Paprika bestreut. Anderthalb Stunden blieb alles im Ofen.

Kaum hatte ich die Form auf den Tisch gestellt, zog Sabine Braun ihre Pfeffermühle hervor, öffnete sie und begann zu würzen. Direkt über der gemeinsamen Auflaufform. Großzügig. Wortlos. Ohne zu fragen.

„So kann man es wenigstens essen“, bemerkte sie, stellte die Mühle beiseite und griff zur Gabel.

Matthias nahm sich ein Stück, probierte und verschluckte sich sofort. Es war viel zu viel Pfeffer.

„Mama, warum denn so viel?“, fragte er und griff nach dem Wasserglas.

„Ach, ohne Pfeffer wäre es dir also recht gewesen?“ Sabine sah ihn vorwurfsvoll an. „Dann hättest du fade Kost gegessen und dich auch noch darüber gefreut?“

Ich stand im Türrahmen. Anderthalb Stunden im Ofen. Kefir seit dem Vorabend. Und die Paprika fehlte ebenfalls nicht.

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