„„Oh, das riecht gut. Kommst du klar?“ sagte Lukas abwesend, während Sophie sechs Stunden allein für zwölf Gäste kochte

Diese unfaire Gewohnheit zermürbt mein Herz.
Geschichten

Ich stand auf, nahm den Zettel mit den zwölf Gerichten vom Kühlschrank und legte ihn vor ihm auf den Küchentisch.

»Hier ist deine Speisekarte. Du hast sie zusammengestellt, also findest du auch eine Lösung.«

Danach ging ich ins Schlafzimmer. Ich zog mein Kleid an, nahm meine Handtasche und kontrollierte, ob die Kinokarte noch darin war. Lena Krüger hatte sie gestern online gekauft.

Lukas blieb im Türrahmen der Küche stehen.

»Wo willst du hin?«

»Ins Kino.«

»Ins Kino? Sophie, in sechs Stunden sitzen hier zwanzig Leute!«

»Bei dir, Lukas. Bei dir sitzen zwanzig Leute.«

Ich schloss die Riemchen meiner Sandalen, richtete meine Brille und merkte, dass meine Hände ganz ruhig waren. Zum ersten Mal seit acht Jahren.

»Sophie!«

Ich zog die Wohnungstür hinter mir zu.

Draußen lag Sonne auf den Gehwegen. Es war der einundzwanzigste Juni, der längste Tag des Jahres. Auf dem Weg zur Haltestelle spürte ich mit jedem Schritt, wie mein Rücken sich aufrichtete. Acht Jahre lang hatte ich mich über Schneidebretter, Töpfe und Backbleche gebeugt. Acht Jahre lang hatte ich samstags nach Zwiebeln, Brühe und Dill gerochen. Heute roch ich nach Parfum.

Im Kino musterte Lena Krüger mich kurz und schnaubte leise.

»Du strahlst ja richtig.«

»Ja«, sagte ich. »Heute gehört der Herd nicht mir.«

Wir kauften Popcorn. Der Film war nichts Besonderes, aber ich sah jede Minute bewusst. Zwei Stunden Ruhe. Kein Suppengeruch. Kein Ofentimer. Kein Lukas, der in die Küche kam und fragte: »Wie lange noch?«

Mein Handy schaltete ich nicht aus, ich stellte es nur lautlos. Lukas rief viermal an. Danach kam eine Nachricht: »Habe beim Partyservice bestellt. 120 Euro. Zufrieden?«

Ich las sie, steckte das Telefon wieder ein und schaute den Film zu Ende.

Gegen neun Uhr abends kam ich nach Hause. In der Wohnung hing der Geruch von gekauftem Essen, dieser glatte, fremde Geruch, der nie nach einer eigenen Küche riecht. Auf dem Tisch standen Plastikschalen; einige Salate waren bereits in meine Schüsseln umgefüllt worden. Ein Teller mit Kartoffelsalat hatte eine angeschlagene Kante.

Lukas saß allein in der Küche. Sein Hemd war zerknittert, sein Gesicht wirkte grau und schwer.

»Mama war enttäuscht«, sagte er. »Sie hat gefragt, wo du bist.«

»Und was hast du ihr gesagt?«

»Dass du etwas vorhattest.«

»Etwas vor«, wiederholte ich. »Nach acht Jahren hatte ich an einem Samstag zum ersten Mal etwas vor. Und genau das macht dich fassungslos.«

Er antwortete nicht. Ich ging an ihm vorbei ins Zimmer, zog die Sandalen aus und wechselte die Kleidung.

Aus irgendeinem Grund traf mich dieser angeschlagene Teller mehr als alles andere. Er gehörte zu dem Service, das wir zu unserem zehnten Hochzeitstag gekauft hatten. Lukas hatte nicht einmal bemerkt, dass er ihn beschädigt hatte.

Drei Wochen vergingen. Eine Entschuldigung kam von Lukas nicht. Katharina Huber rief ein einziges Mal an. Ihre Stimme klang kühl und sehr deutlich.

»Sophie, Lukas hat gesagt, du seist beschäftigt gewesen. Aber Karoline Lorenz hat mir erzählt, du wärst im Kino gewesen.«

Ich versuchte gar nicht erst, mich zu rechtfertigen.

»Ja, Katharina Huber. Ich war im Kino.«

Für ein paar Sekunden blieb es still. Dann legte sie auf.

Lukas fährt jetzt sonntags zu seiner Mutter. Allein. Wenn er zurückkommt, setzt er sich in die Küche und schweigt. Manchmal bemerke ich seinen Blick. Er ist nicht böse, eher ratlos. Wie bei jemandem, der immer davon ausgegangen ist, dass sich Stühle von selbst an den Tisch schieben, und plötzlich bewegen sie sich nicht mehr.

Am Kühlschrank hängen keine Listen mehr. Er ist leer. Den Magneten mit der Aufschrift »Für die beste Hausfrau« habe ich abgenommen und in eine Schublade gelegt.

Ich koche inzwischen nur noch für zwei. Unter der Woche, nach der Arbeit. Keine Schweinebraten, keine Sülze, keine Honigtorte mit sechs Böden.

Der Geburtstag soll, wie man hört, ganz ordentlich verlaufen sein. Lukas hat es hinbekommen. Partyservice, Pappbecher, eine Torte aus der Konditorei. Katharina Huber hat die Kerzen ausgeblasen. Alle haben sich fotografieren lassen.

Auf dem Bild, das mir meine Schwägerin schickte, sah ich den Tisch. Die Plastikbehälter waren mit Servietten kaschiert. Katharina Huber lächelte. Lukas stand neben ihr mit einem angestrengten Gesicht.

Ich war nicht auf dem Foto.

Zwanzig Gäste, zwölf Gerichte auf der Liste, und in acht Jahren hatte er nicht ein einziges Mal auch nur eine Kartoffel geschält — hätte ich dieses eine Mal zum Jubiläum noch schlucken sollen, oder war es richtig, dass ich gegangen bin?

LebensKlüber